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Historische Bagdadbahn : Wer sich selbst und andere kennt

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Touristen erwartet hier keiner, vielleicht geht es gerade deshalb in Iran zu freundlich zu: Am Bahnhof von Isfahan. Bild: Pia Volk

Straßenfestgewimmel und leere Landstriche: Auf einer Zugreise von Schiras nach Istanbul, durch Iran und die Türkei, begegnet man zwei Gesichtern des Orients.

          6 Min.

          „Deutschland! Wie schön. Ich liebe Nietzsche!“, sagt das Mädchen, das ich gerade auf einem Straßenfest in Schiras kennengelernt habe. Es ist einer meiner letzten Tage in Iran. Vor mir steht ein Typ in einem Kostüm von Tweety, dem gelben Vogel, neben ihm ein Herr in knallbuntem Hemd, der sich einen Eselskopf vor den Bauch gehängt und einen falschen blonden Bart angeklebt hat. Ein Mann trommelt im Hintergrund, ein anderer spielt ein Saiteninstrument. Die Wesen singen und tanzen. „Tanzen in der Öffentlichkeit darf man eigentlich nicht“, sagt Naheed, der Nietzsche-Fan, „zumindest dürfen Menschen es nicht, aber das sind ja Tiere.“ Sie kichert. Ein Stück weiter malt eine Frau eine Wand an, Street Art im iranischen Stil, eine Künstlergruppe verkauft Steinmetzarbeiten. „Früher hätte es so ein Straßenfest nicht gegeben“, erklärt Naheed, „also, vor Rohani. Meine Eltern würden das lieben. Sie erzählen immer wieder von ganz früher, von der Zeit vor der Revolution.“

          In Iran, lerne ich, gibt es vier Zeiteinheiten. Das Persische Reich, vor der Revolution, Ahmadineschad und heute. Jede Zeit hat ihre eigenen Konstanten: Kriege, Freiheit, Glaube, Hoffnung. Durch jede dieser Zeiten bin ich gereist auf meinem Weg mit dem Zug durch halb Iran und die ganze Türkei: von Schiras bis nach Istanbul, rund 5000 Kilometer durch Raum und ja, irgendwie auch durch Zeit. Der Zug macht haltlos, weil er den Raum zwischen den Dingen so groß erscheinen lässt. Überall ist Weite, Leere, Abwesenheit. Durch das stete Vorbeiziehen der Landschaft gehen Bezugspunkte verloren, das Maß der Dinge kommt abhanden.

          Poetischer Patriotismus für den Vater aller Perser

          Das Persische Reich war eine Woche zuvor unser erster Stopp. In einer goldgelben, kargen Landschaft, einer Steinwüste, in der nicht mal eine Echse umherkriecht, steht ein kleines, aber massives Haus auf einem Podest aus ebenso massivem Stein. Einige behauene Felsen liegen noch in der Nähe, ein Turm ist zu erkennen, ein Wasserkanal, abgeschlagene Säulen, ein Portal, die Reste von dem, was mal ein Palast war. Es ist alles, was übriggeblieben ist von Pasargadae, der einst schönsten Stadt im Persischen Reich. Kyros II. hat sie errichten lassen, damals um 560 v. Chr. Seine Überreste liegen in dem kleinen Haus. Ein Mädchen umrundet es, dabei wirft es sich immer wieder auf den Boden, küsst ihn. „Ihre Hose wird ganz dreckig“, sagt eine Deutsche. Mit der goldumrandeten Sonnenbrille, dem knallroten Lippenstift und den silbernen Leggins sieht das Mädchen aus, als hätte man es von den Hipster-Straßen Berlins gepflückt und hier in die Wüste Irans verpflanzt. Sein Kopftuch hängt gerade noch so an seinem Zopf am Hinterkopf. Feiner weißer Staub hat sich auf seine Lippen gelegt. Warum tut es das?

          Achtung, hier könnten Sie Nietzsche-Liebhabern begegnen! Blick über Schiras, die iranische Studentenstadt.
          Achtung, hier könnten Sie Nietzsche-Liebhabern begegnen! Blick über Schiras, die iranische Studentenstadt. : Bild: Pia Volk

          „Kyros, das war der Vater aller Perser“, sagt das Mädchen neben mir voller Poesie und Pathos. Mein Reiseleiter übersetzt: „Ich liebe ihn!“ Sein Reich erstreckte sich von der Türkei über Ägypten bis nach Indien. Er eroberte und eroberte und eroberte. Vor Kyros waren die Perser ein kleines Völkchen, danach eine Weltmacht. Eigentlich tat er nichts anderes als verprügeln und verprügelt werden. Das Besondere an Kyros aber ist, was er danach tat. Keines der eroberten Völker musste persische Bräuche annehmen, ja nicht mal die Sprache lernen. „Wir sind eine Familie, er hat uns zusammengeführt“, spricht sie weiter, „und er hatte so ein großes Herz.“ Ihre Arme fahren dabei durch die Luft als wolle sie das Ganze auf Persisch in den Himmel schreiben. Poetischer Patriotismus – würde je einer so über Kaiser Wilhelm I. oder Helmut Kohl sprechen?

          2500 Jahr später lobt kaum jemand Iran für seine tolerante Politik. Im Gegenteil. „Iran? Bist du wahnsinnig?“, hatten ein paar Freunde gesagt, bevor ich mich auf den Weg machte. Sie zählten auf: Mullahs, Bärte, Steinigungen. Aber nichts davon sehe ich. Stattdessen jede Menge kluge Frauen, Herzlichkeit und Kultur.

          Einst prangten Malereien sich liebender Paare

          Natürlich ist der Islam überall. Ständig stehen wir in Moscheen, vor Gräbern, binden uns das Kopftuch wieder um, weil der Wind es forttragen will. Wir legen die Köpfe in den Nacken, bewundern Decken, die aussehen wie das Rad eines Pfaus, so schillernd und filigran und hinreißend. Wir lernen, in welchen Mustern sich Schriftzeichen verbergen, und sehen Leerstellen an Palastwänden, wo einst die Malereien sich liebender Paare prangten. Wir bewegen uns im historischen Persien, den Überresten einer Zeit, in der noch niemand diese Region Iran nannte. Wir schauen zurück auf große Reiche, Herrscher, Errungenschaften – alles, worauf man hier stolz war und ist.

          In der Studentenstadt Schiras besuchen wir das Schah Tscheragh, das Mausoleum zweier Brüder und einen der wichtigsten Pilgerorte der Schiiten in Iran. Es ist nicht einfach eine Grabstätte, es ist eine kleine Stadt. Es gibt verschiedene Moscheen und Mausoleen, ein Büro für religiöse Fragen und eine Polizei. In der Moschee ist alles verspiegelt. Die Spiegel sind wie Mosaike angeordnet, so dass sich immer ein anderes Stück Fußboden, Wand, Mensch darin spiegelt. Im Islam darf man sich kein Bild von Gott machen. In Spiegeln sieht man Bilder, aber eben nie ganz. In einer kleinen Zelle in der Moschee, die rundum vergittert und kunstvoll verziert ist, liegt der Sarg von Amir Ahmad, einem Bruder des achten Imams.

          Sonne, Mond und Stern: Blick aus dem Fenster der historischen Bagdadbahn auf die iranische Halbwüste.
          Sonne, Mond und Stern: Blick aus dem Fenster der historischen Bagdadbahn auf die iranische Halbwüste. : Bild: Pia Volk

          Kaum habe ich diesen Ort betreten, werde ich von einem älteren Herrn angesprochen. Er ist recht klein und hat diese dominante Freundlichkeit, an der jedes Argument abprallt. Ein Lächeln auf den Lippen und Verachtung in seinem Blick. „May I introduce you to my religion?“, sagt er und beginnt, ohne meine Antwort abzuwarten, mantraartig zu referieren. Auf Englisch. Gott ist groß, und Muhammad ist sein Gesandter. Muhammad, Hassan, Hussein. Ali. Die Wunder Alis. Ich höre ihm zu wie dem Radio beim Autofahren und schaue mir das Leben in der Moschee an.

          Ein grüner Pfeil blinkt Richtung Mekka

          Überall sitzen und liegen schwarzgekleidete Frauen, unterhalten sich, lesen, um sie herum stapeln sich die Einkaufstüten. „Schlafen verboten“ steht auf einem ausgedruckten Zettel an der Wand. Darüber blinkt ein grüner Pfeil. Er zeigt in Richtung Mekka. Einige beten. Andere gehen um die Grabzelle herum, küssen das Metall, das an einigen Stellen schon ganz abgenutzt ist. Sie rezitieren Suren aus dem Koran. Ihre Kinder machen es ihnen nach. Andere spielen mit kleinen Plastikautos. Kinder und alte Frauen, aber keine Mädchen im Alter von Naheed, dem zwanzigjährigen Nietzsche-Fan, die ich kurze Zeit später auf besagtem Straßenfest in der Nähe von Hafis’ Grabstätte treffe.

          Hafis lebte im 14. Jahrhundert und ist so etwas wie der Goethe Persiens. Er kannte den Koran auswendig, trotzdem schrieb er über die Natur, den Wein, die Freiheit, die Liebe und den Rausch. Sein Grab will ich besuchen. „Sein Grab bringt dir nichts, du musst hier bleiben, um seine Gedichte zu verstehen“, sagt Naheed. Sie zieht mich weiter zu einer Rockband - persische Variante. Der Sound ist schnulzig, er erinnert an Helene Fischer, nur dass auf der Bühne ein Mann steht. Die Menge davor singt aus vollem Herzen mit, Sehnsucht liegt auf ihren Gesichtern. Doch keiner bewegt auch nur die Hüfte, sie stehen still. Sicher tobt in ihnen ein Sturm. Davon schrieb Hafis: vom Kampf zwischen Können und Dürfen und von der Tragödie des Daseins. Ein Stück weiter zitiert ein achtjähriges Mädchen in traditioneller Kleidung seine Gedichte. Meine neue Bekannte übersetzt: „Möge dich Liebe auf deinem Weg begleiten.“

          Schienen auf Stelzen: Ein Teil der alten Strecke im Taurusgebirge.
          Schienen auf Stelzen: Ein Teil der alten Strecke im Taurusgebirge. : Bild: Pia Volk

          Wer nicht politisch ist, der lebt nicht

          Unser Zug überquert die Grenze zur Türkei. Türkei, klingt immer ein bisschen wie Fast-schon-zu-Hause. Gleich um die Ecke von Deutschland, Berlin, Döner. Nur nennt diesen östlichsten Teil Anatoliens niemand Türkei. Die Einwohner von Van sprechen von Kurdistan. „Alle sind hier in der PKK“, erzählt mir ein Mann in einer Teestube: „Wer nicht politisch ist, der lebt nicht.“ Abends, in einer Bar, spielt eine Band türkische und kurdische Lieder, Männer liegen sich in den Armen und tanzen in einer Reihe, schwenken ihre Beine, stampfen rhythmisch auf. In ihren Händen schwenken sie weiße Servietten. Sie singen laut mit, ihre Worte klingen klagend, leidend. Irgendwo kämpfen die kurdischen Peschmerga gegen die IS. Von wegen Liebe!

          Unser Reiseleiter nennt das Gebiet „Armenien“. Auf der Insel Akdamar, die im Van-See liegt, stehen die Reste einer armenischen Kirche. An den Wänden sind die Geschichten aus der Bibel in klobigen Bildern holzschnittartig aufgemalt, die blaue Farbe hängt in Flocken von der Wand. Dazwischen sind Stellen so beige und leer wie die Wüste. Vor dem Altar steht eine Frau mit wallendem rotem Haar und singt zu Geige und Klavier: „Komm, süßer Tod.“ Doch über den Tod spricht unser Reiseleiter nicht, er ist nur Historiker und Theologe. Die Gegenwart scheint ihm fremd. So steigen wir wieder in den Zug. Viele Stunden rollt er nun durch die Landschaft, an deren Horizont sich sanfte Hügel wellen, durch schüchterne Täler und beklemmende Schluchten und über die Höhen des Taurus.

          „Duisburg. Arbeit. Gut.“

          Nur manchmal folgen wir einer Straße, selten sehen wir das Leben der Menschen. Von einem Bus aus kann man Menschen am Straßenrand beobachten, bekommt oft Erdnüsse, gekochte Eier oder Honig angeboten – je nachdem, was es vor Ort gibt –, aber vom Zug aus sieht das Land vereinsamt aus, als wären wir die großen Entdecker vergessener Landstriche.

          Steinzeitliches Schlumpfhausen: Die Götter vom Berg Nemrut in Kappadokien.
          Steinzeitliches Schlumpfhausen: Die Götter vom Berg Nemrut in Kappadokien. : Bild: Pia Volk

          Die Illusion hält an, bis wir aussteigen. Wo in Iran Herzlichkeit und Neugierde war, begegnen wir in der Türkei touristischen Unternehmern. Am Fuße des Berges Nemrut empfangen uns Männer mit ihren Eseln, die die Gehschwachen zum Gipfel transportieren wollen. Dort, wo die in Stein gehauenen Gesichter des Apollon, Zeus, Herakles in eine weite Felslandschaft herabstarren. Es gibt sie zwei Mal, einmal mit Blick gen Osten nach Byzanz, einmal mit Blick gen Westen nach Persien. Es ist unser Weg, von der Leidenschaft zur Logik. Vom Denken mit dem Herzen zum Verstand. So kommt es mir vor.

          Am Tag darauf marschieren wir wie Ameisenkolonnen durch das steinzeitliche Schlumpfhausen Kappadokiens, wo Regen und Wind über Jahrhunderte den Felsen geschliffen haben, bis die Menschen es selbst taten und Häuser und Kirchen hineingebaut haben. Dahinter folgt der Shop für Touristen, das Hotel, die Abendshow. Ich vermisse die iranische Leidenschaft, doch mein Versuch, aus dieser touristischen Wirtschaftslogik auszubrechen, scheitert. „Woher kommen Sie?“, fragt mich der Mann in dem Laden irgendwo in Zentralanatolien, in dem ich getrocknete Aprikosen kaufen will. Er fragt auf Deutsch. „Mein Onkel. Duisburg. Arbeit. Gut.“

          Durch Iran und die Türkei

          Sonderzugreise 1001 Nacht: Die 14-tägige Reise mit der historischen Bagdadbahn von Schiras nach Istanbul wird exklusiv von Lernidee Erlebnisreisen (www.lernidee.de) angeboten. Nächste Termine: 19. Mai bis 1. Juni 2015 / 29. September bis 12. Oktober 2015. Die Fahrt im DZ-/Vierbett-Abteil kostet 4420 Euro pro Person inkl. Flüge. Der Veranstalter kümmert sich auch um das Visum. Wer individuell nach Iran reisen will (Flug nach Teheran ab 400 Euro), sollte sich vorher ein Visum in der iranischen Botschaft (www.teheran.diplo.de) besorgen.

          Allgemeine Reisehinweise: Es gibt für Ausländer keine Möglichkeiten, Geld abzuheben, Kreditkarten werden nur selten akzeptiert. Kurzum: Stecken Sie ausreichend Bargeld ein! Das kann bei Banken oder Wechselstuben in Rial umgetauscht werden. Frauen wie Männer müssen sich an die Bekleidungsvorschriften halten. Frauen sollten Kopftuch und Mantel tragen, Männer keine kurzen Hosen.

          Literatur: Hafis, „Der Diwan“, Süddeutsche-Zeitung-Verlag 2007, 999 Seiten, ab 68,99 Euro (über Amazon); Marjane Satrapi, „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“, Edition Moderne 2004, 160 Seiten, 22,00 Euro.

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