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Historische Bagdadbahn : Wer sich selbst und andere kennt

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Schienen auf Stelzen: Ein Teil der alten Strecke im Taurusgebirge.
Schienen auf Stelzen: Ein Teil der alten Strecke im Taurusgebirge. : Bild: Pia Volk

Wer nicht politisch ist, der lebt nicht

Unser Zug überquert die Grenze zur Türkei. Türkei, klingt immer ein bisschen wie Fast-schon-zu-Hause. Gleich um die Ecke von Deutschland, Berlin, Döner. Nur nennt diesen östlichsten Teil Anatoliens niemand Türkei. Die Einwohner von Van sprechen von Kurdistan. „Alle sind hier in der PKK“, erzählt mir ein Mann in einer Teestube: „Wer nicht politisch ist, der lebt nicht.“ Abends, in einer Bar, spielt eine Band türkische und kurdische Lieder, Männer liegen sich in den Armen und tanzen in einer Reihe, schwenken ihre Beine, stampfen rhythmisch auf. In ihren Händen schwenken sie weiße Servietten. Sie singen laut mit, ihre Worte klingen klagend, leidend. Irgendwo kämpfen die kurdischen Peschmerga gegen die IS. Von wegen Liebe!

Unser Reiseleiter nennt das Gebiet „Armenien“. Auf der Insel Akdamar, die im Van-See liegt, stehen die Reste einer armenischen Kirche. An den Wänden sind die Geschichten aus der Bibel in klobigen Bildern holzschnittartig aufgemalt, die blaue Farbe hängt in Flocken von der Wand. Dazwischen sind Stellen so beige und leer wie die Wüste. Vor dem Altar steht eine Frau mit wallendem rotem Haar und singt zu Geige und Klavier: „Komm, süßer Tod.“ Doch über den Tod spricht unser Reiseleiter nicht, er ist nur Historiker und Theologe. Die Gegenwart scheint ihm fremd. So steigen wir wieder in den Zug. Viele Stunden rollt er nun durch die Landschaft, an deren Horizont sich sanfte Hügel wellen, durch schüchterne Täler und beklemmende Schluchten und über die Höhen des Taurus.

„Duisburg. Arbeit. Gut.“

Nur manchmal folgen wir einer Straße, selten sehen wir das Leben der Menschen. Von einem Bus aus kann man Menschen am Straßenrand beobachten, bekommt oft Erdnüsse, gekochte Eier oder Honig angeboten – je nachdem, was es vor Ort gibt –, aber vom Zug aus sieht das Land vereinsamt aus, als wären wir die großen Entdecker vergessener Landstriche.

Steinzeitliches Schlumpfhausen: Die Götter vom Berg Nemrut in Kappadokien.
Steinzeitliches Schlumpfhausen: Die Götter vom Berg Nemrut in Kappadokien. : Bild: Pia Volk

Die Illusion hält an, bis wir aussteigen. Wo in Iran Herzlichkeit und Neugierde war, begegnen wir in der Türkei touristischen Unternehmern. Am Fuße des Berges Nemrut empfangen uns Männer mit ihren Eseln, die die Gehschwachen zum Gipfel transportieren wollen. Dort, wo die in Stein gehauenen Gesichter des Apollon, Zeus, Herakles in eine weite Felslandschaft herabstarren. Es gibt sie zwei Mal, einmal mit Blick gen Osten nach Byzanz, einmal mit Blick gen Westen nach Persien. Es ist unser Weg, von der Leidenschaft zur Logik. Vom Denken mit dem Herzen zum Verstand. So kommt es mir vor.

Am Tag darauf marschieren wir wie Ameisenkolonnen durch das steinzeitliche Schlumpfhausen Kappadokiens, wo Regen und Wind über Jahrhunderte den Felsen geschliffen haben, bis die Menschen es selbst taten und Häuser und Kirchen hineingebaut haben. Dahinter folgt der Shop für Touristen, das Hotel, die Abendshow. Ich vermisse die iranische Leidenschaft, doch mein Versuch, aus dieser touristischen Wirtschaftslogik auszubrechen, scheitert. „Woher kommen Sie?“, fragt mich der Mann in dem Laden irgendwo in Zentralanatolien, in dem ich getrocknete Aprikosen kaufen will. Er fragt auf Deutsch. „Mein Onkel. Duisburg. Arbeit. Gut.“

Durch Iran und die Türkei

Sonderzugreise 1001 Nacht: Die 14-tägige Reise mit der historischen Bagdadbahn von Schiras nach Istanbul wird exklusiv von Lernidee Erlebnisreisen (www.lernidee.de) angeboten. Nächste Termine: 19. Mai bis 1. Juni 2015 / 29. September bis 12. Oktober 2015. Die Fahrt im DZ-/Vierbett-Abteil kostet 4420 Euro pro Person inkl. Flüge. Der Veranstalter kümmert sich auch um das Visum. Wer individuell nach Iran reisen will (Flug nach Teheran ab 400 Euro), sollte sich vorher ein Visum in der iranischen Botschaft (www.teheran.diplo.de) besorgen.

Allgemeine Reisehinweise: Es gibt für Ausländer keine Möglichkeiten, Geld abzuheben, Kreditkarten werden nur selten akzeptiert. Kurzum: Stecken Sie ausreichend Bargeld ein! Das kann bei Banken oder Wechselstuben in Rial umgetauscht werden. Frauen wie Männer müssen sich an die Bekleidungsvorschriften halten. Frauen sollten Kopftuch und Mantel tragen, Männer keine kurzen Hosen.

Literatur: Hafis, „Der Diwan“, Süddeutsche-Zeitung-Verlag 2007, 999 Seiten, ab 68,99 Euro (über Amazon); Marjane Satrapi, „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“, Edition Moderne 2004, 160 Seiten, 22,00 Euro.

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