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Historische Bagdadbahn : Wer sich selbst und andere kennt

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2500 Jahr später lobt kaum jemand Iran für seine tolerante Politik. Im Gegenteil. „Iran? Bist du wahnsinnig?“, hatten ein paar Freunde gesagt, bevor ich mich auf den Weg machte. Sie zählten auf: Mullahs, Bärte, Steinigungen. Aber nichts davon sehe ich. Stattdessen jede Menge kluge Frauen, Herzlichkeit und Kultur.

Einst prangten Malereien sich liebender Paare

Natürlich ist der Islam überall. Ständig stehen wir in Moscheen, vor Gräbern, binden uns das Kopftuch wieder um, weil der Wind es forttragen will. Wir legen die Köpfe in den Nacken, bewundern Decken, die aussehen wie das Rad eines Pfaus, so schillernd und filigran und hinreißend. Wir lernen, in welchen Mustern sich Schriftzeichen verbergen, und sehen Leerstellen an Palastwänden, wo einst die Malereien sich liebender Paare prangten. Wir bewegen uns im historischen Persien, den Überresten einer Zeit, in der noch niemand diese Region Iran nannte. Wir schauen zurück auf große Reiche, Herrscher, Errungenschaften – alles, worauf man hier stolz war und ist.

In der Studentenstadt Schiras besuchen wir das Schah Tscheragh, das Mausoleum zweier Brüder und einen der wichtigsten Pilgerorte der Schiiten in Iran. Es ist nicht einfach eine Grabstätte, es ist eine kleine Stadt. Es gibt verschiedene Moscheen und Mausoleen, ein Büro für religiöse Fragen und eine Polizei. In der Moschee ist alles verspiegelt. Die Spiegel sind wie Mosaike angeordnet, so dass sich immer ein anderes Stück Fußboden, Wand, Mensch darin spiegelt. Im Islam darf man sich kein Bild von Gott machen. In Spiegeln sieht man Bilder, aber eben nie ganz. In einer kleinen Zelle in der Moschee, die rundum vergittert und kunstvoll verziert ist, liegt der Sarg von Amir Ahmad, einem Bruder des achten Imams.

Sonne, Mond und Stern: Blick aus dem Fenster der historischen Bagdadbahn auf die iranische Halbwüste.
Sonne, Mond und Stern: Blick aus dem Fenster der historischen Bagdadbahn auf die iranische Halbwüste. : Bild: Pia Volk

Kaum habe ich diesen Ort betreten, werde ich von einem älteren Herrn angesprochen. Er ist recht klein und hat diese dominante Freundlichkeit, an der jedes Argument abprallt. Ein Lächeln auf den Lippen und Verachtung in seinem Blick. „May I introduce you to my religion?“, sagt er und beginnt, ohne meine Antwort abzuwarten, mantraartig zu referieren. Auf Englisch. Gott ist groß, und Muhammad ist sein Gesandter. Muhammad, Hassan, Hussein. Ali. Die Wunder Alis. Ich höre ihm zu wie dem Radio beim Autofahren und schaue mir das Leben in der Moschee an.

Ein grüner Pfeil blinkt Richtung Mekka

Überall sitzen und liegen schwarzgekleidete Frauen, unterhalten sich, lesen, um sie herum stapeln sich die Einkaufstüten. „Schlafen verboten“ steht auf einem ausgedruckten Zettel an der Wand. Darüber blinkt ein grüner Pfeil. Er zeigt in Richtung Mekka. Einige beten. Andere gehen um die Grabzelle herum, küssen das Metall, das an einigen Stellen schon ganz abgenutzt ist. Sie rezitieren Suren aus dem Koran. Ihre Kinder machen es ihnen nach. Andere spielen mit kleinen Plastikautos. Kinder und alte Frauen, aber keine Mädchen im Alter von Naheed, dem zwanzigjährigen Nietzsche-Fan, die ich kurze Zeit später auf besagtem Straßenfest in der Nähe von Hafis’ Grabstätte treffe.

Hafis lebte im 14. Jahrhundert und ist so etwas wie der Goethe Persiens. Er kannte den Koran auswendig, trotzdem schrieb er über die Natur, den Wein, die Freiheit, die Liebe und den Rausch. Sein Grab will ich besuchen. „Sein Grab bringt dir nichts, du musst hier bleiben, um seine Gedichte zu verstehen“, sagt Naheed. Sie zieht mich weiter zu einer Rockband - persische Variante. Der Sound ist schnulzig, er erinnert an Helene Fischer, nur dass auf der Bühne ein Mann steht. Die Menge davor singt aus vollem Herzen mit, Sehnsucht liegt auf ihren Gesichtern. Doch keiner bewegt auch nur die Hüfte, sie stehen still. Sicher tobt in ihnen ein Sturm. Davon schrieb Hafis: vom Kampf zwischen Können und Dürfen und von der Tragödie des Daseins. Ein Stück weiter zitiert ein achtjähriges Mädchen in traditioneller Kleidung seine Gedichte. Meine neue Bekannte übersetzt: „Möge dich Liebe auf deinem Weg begleiten.“

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