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Reise durch Äthiopien : Das waren keine Menschen, das waren Engel!

Äthiopiens Jerusalem: Pilger staunen über die Kirche des Heiligen Georg in Lalibela, die in einem einzigen Stück aus dem Felsen gehauen wurde Bild: Philippe Lissac/Godong/Corbi

Ob der Glaube Berge versetzen kann, sei dahingestellt. Dass er Berge in Gotteshäuser zu verwandeln vermag, steht außer Zweifel. In Äthiopien hat er genau das und längst nicht nur das getan: Eine wundersame Reise durch eines der ältesten christlichen Länder der Erde.

          11 Min.

          Wo bleibt nun das Wunder? Soll es etwa dieses Sankt-Georgs-Kreuz da hinten sein, riesengroß zwar, imposant gewiss, aber auch nur ein Kreuz, das in eine Felskuppe gemeißelt wurde, in dreifacher Ausführung gleich als Kreuz im Kreuz im Kreuz, um der heiligen Dreifaltigkeit Genüge zu tun? Dann aber kommen wir näher, werden auf der Stelle wundergläubig und verlieren alle Zweifel, um augenblicklich an unserem Verstand zu zweifeln, weil das, was wir sehen, so ungeheuerlich, so unglaublich, so unfassbar ist: kein gemeißeltes Kruzifix, sondern eine fünfzehn Meter hohe Kirche in Form eines Sankt-Georgs-Kreuzes, die in einem einzigen Stück aus dem roten Basalt gehauen, minutiös ausgehöhlt und filigran verziert wurde - ein Gotteshaus wie eine monolithische Steinskulptur, die in ihrem Felsenkrater steht, als sei sie schon immer dort gewesen, als hätten sie die Gläubigen nur mit Hammer und Meißel wie eine göttliche Wahrheit, wie den innersten Kern aller Dinge freigelegt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Fassungslos steigen wir den schulterschmalen Felsengang zur Kirche hinab, umrunden dieses steinerne Wunderwerk, können immer noch kaum glauben, dass es nicht gemauert, nicht gebaut, nicht geschichtet, sondern aus dem Berg gehauen wurde - und zucken zusammen, als uns plötzlich in einer Felsnische eine Mumie anstarrt: ein Pilger aus dem Heiligen Land, der vor vielen hundert Jahren genauso verblüfft wie wir jetzt gewesen sein muss und beim Anblick dieser Kirche beschloss, hier sterben und sie für immer betrachten zu wollen.

          Wie ein gewaltiger Sarkophag

          Es war das schreckliche Schicksal der Wallfahrer, so sagt die Legende, die Sankt Georg und die zehn anderen Felsenkirchen von Lalibela im äthiopischen Hochland entstehen ließ: Im zehnten und elften Jahrhundert wurden immer mehr Pilger auf dem Weg nach Jerusalem von den sarazenischen Glaubensfeinden gefangen genommen und in die Sklaverei verkauft - auch fromme Reisende aus Äthiopien, das schon im vierten Jahrhundert, früher als fast jedes andere Land auf Erden, christlich geworden war. Doch anders als ihre europäischen Glaubensbrüder, die das Schwert der Kreuzzüge nahmen, suchten die Äthiopier eine friedliche Lösung für ihr Dilemma.

          Da passte es, dass gerade König Lalibela von seinem eifersüchtigen Halbbruder vergiftet worden war. Er kam in den Himmel, blieb dort aber nur drei Tage lang, weil er von Gott den Auftrag bekam, in seiner Heimat ein neues Jerusalem als Pilgerziel zu errichten. Auch wenn historische Quellen eindeutig belegen, dass die elf Kirchen zwischen 1166 und 1189 von zwanzigtausend Arbeitern aus den Felsen gehauen wurden, halten das ausnahmslos alle Bewohner und die meisten Besucher von Lalibela für völligen Unfug. Selbstverständlich habe der König dieses Wunderwerk nur mit Hilfe himmlischer Heerscharen vollbringen können, versichern uns die Einheimischen immer wieder ohne die geringste Spur eines Zweifels in der Stimme, schauen uns ungläubige Quellengläubige dabei an, als hätten wir nicht mehr alle Sinne beieinander, und zeigen mit großer Geste auf die Gotteshäuser: Menschen sollen das gewesen sein? Ausgeschlossen! Engel waren’s!

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