https://www.faz.net/-gxh-a7o0e

Eine Welt ohne Reisen : Alles steht still

  • -Aktualisiert am

Der Fushimi Inari-Schrein in Kyoto ist berühmt für seine Alleen aus orangefarbenen Säulen, auf denen die Namen aller Spender verzeichnet sind. Bild: Jeremy Flint/Schapowalow

Wann werden wir uns wieder bewegen? Wann werden wir uns wieder begegnen? Und wann darf ich endlich wieder in mein geliebtes Japan? Erfahrungen einer Reiseleiterin in Zeiten der Pandemie.

          6 Min.

          Der Reiseleiter oder die Reiseleiterin holt die Gäste vom Flughafen ab, empfängt sie im Hotel, begleitet sie durch Kulturstädte und die Natur. Wir sind Chefin und Psychologe, Putzfrau und Professor, Blitzableiter und Sportskanone, Bedienung und Spaßvogel, Mediator und Moderator, Betreuer und Retter, Dolmetscher und Entertainer, bewundert, bemitleidet, beschimpft, immer vorneweg, immer zwischendrin. So eine bin ich, seit zwanzig Jahren, Spezialistin für Japan. Für fast alle deutschsprachigen Reiseveranstalter leite ich Studien- und Erlebnisreisen quer durch Japan, zwischen zehn und zwölf pro Jahr, mal neun, mal siebzehn Tage lang.

          Jetzt mache ich nichts. Meine erste Reise im vergangenen Jahr sollte am 20. März starten, zehn Restaurants hatte ich schon reserviert, mit wohlüberlegter kulinarischer Dramaturgie, aber mit der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes vom 16. März war Schluss: Alle Aufträge storniert. Und auch Japan wollte keinen mehr von uns. Im Mai kamen nur tausendsiebenhundert ausländische Besucher ins Land, 99,9 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Japan war geschlossen.

          Die Ansprüche werden immer größer

          Die Tourismusbranche in Deutschland beschäftigt 2,9 Millionen Menschen, das sind sieben Prozent aller Arbeitsplätze, der Umsatz liegt bei 290 Milliarden Euro jährlich. 2019 buchten etwa dreißig Millionen Touristen eine Pauschalreise und gaben dafür fünfunddreißig Milliarden Euro aus. Wie viel davon entfällt auf die Reiseleiter? Bei den großen Tourismusverbänden und beim Wirtschaftsministerium finden sich detaillierte Aufschlüsselungen der Umsatzzahlen, aber nicht eine einzige Zahl zu den Reiseleitern. Über die Suchmasken ergibt das Stichwort kaum einen Treffer. Telefonisch wird von den Verbänden bestätigt, Reiseleiter seien ein anerkanntes Glied der Tourismuskette, würden aber als Gruppe nicht erfasst. Für die Institutionen sind wir unsichtbar.

          Faszinosum einer fremden Welt: Eine Geisha in Kyoto als Fototrophäe westlicher Touristen.
          Faszinosum einer fremden Welt: Eine Geisha in Kyoto als Fototrophäe westlicher Touristen. : Bild: Getty

          Heinz-Jürgen Nees, Vorstand des Reiseleiter- und Tourguide-Verbands (RTGV), schätzt die Zahl der Reiseleiter in Deutschland auf sechzigtausend. Der mittelständische Reiseveranstalter Gebeco aus Kiel gibt genauer Auskunft: Knapp hundert Reiseleiter werden direkt vom Unternehmen beauftragt, tausendvierhundert sind über Partneragenturen im In- und Ausland für das Unternehmen tätig, alle gut ausgebildet und weiterqualifiziert von Gebeco, fast alle Freiberufler.

          Harald Jung, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Studienreiseleiter, veranschlagt die Zahl der Solo-Selbständigen unter den Reiseführern auf fünfzig Prozent. Und er stellt gewachsene Anforderungen fest: „Reiseleiter sind das entscheidende Bindeglied zwischen Veranstaltern, Teilnehmern und lokalen Partnern. Und die Ansprüche von allen Seiten werden immer größer. Der Reiseleiter wird mehr und mehr zum Tourmanager.“ Selten sehe man noch den Hobby-Ornithologen, der am Wochenende nebenberuflich durch die Wälder führe. Der Professionalisierung müsse die öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung Rechnung tragen, in Fragen der Versicherung und der Entlohnung, in der Anerkennung des Berufsbildes und seiner Zertifizierung. Ein Reiseleiter verdient zwischen sechzig und dreihundert Euro am Tag, Provisionen und Spesen können hinzukommen, auch die Gaben der Gäste. Bei häufig sehr langen Arbeitszeiten aber, so Heinz-Jürgen Nees, käme so mancher nicht einmal auf den Mindestlohn.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Großbritannien : Eine vernünftige Öffnungsstrategie

          Der britische Premierminister hat einen Plan für die Lockerungen der Corona-Maßnahmen vorgelegt. Das Vorgehen seiner Regierung zeigt: Wer schneller impft, kann früher öffnen.
          Anne Will diskutiert in ihrer Sendung am 28. Februar 2021 mit ihren Gästen über die Frage: „Die große Ratlosigkeit – gibt es einen Weg aus dem Dauer-Lockdown?“

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Warten auf die ganz andere Idee

          Anne Will setzt auf den Schlauberger-Effekt, wenn sie ihre Gäste nach Wegen aus dem Lockdown fragt. Sie diskutieren innovative Apps und ethische Expertisen. Und versuchen Merkels Inzidenz-Maxime zu widerlegen.
          Donald Trump am Sonntag in Orlando

          Trump in Orlando : Die Partei bin ich

          Donald Trump will von einer Spaltung der Republikaner nichts wissen. Dazu seien seine Gegner zu unbedeutend. Ob er 2024 noch einmal antritt, hat er bei seinem ersten Auftritt als früherer Präsident offengelassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.