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Bei den Cree in Kanada : Am Ende der Straße

  • -Aktualisiert am

Eine der vielen Insel in der James Bay vor Wemindji. Bild: Arezu Weitholz

Eeyou Istchee ist das Land der Cree-Indianer. Die Region liegt im Norden von Quebec, sie ist größer als Deutschland, nur 18.000 Menschen leben hier: Eine Reise an die Gestade der James Bay.

          7 Min.

          Nach der dritten Landung ahnt man, warum die Cree diese Route den „Milkrun“ nennen. Die Flugzeuge der Air Creebec landen tatsächlich an jeder Milchkanne. Jetzt gerade in Waskaganish, das „Wäss Kägga Nisch“ ausgesprochen wird. Das ist auch eine Besonderheit an dieser Region: Man muss lernen, wie man ausspricht, bevor man erzählen kann, wohin man will. Wir wollen nordwärts, die ehemalige Pelzhändlerroute entlang durch das Gebiet Eeyou Istchee (Ey Ju Is Tschieh), bis die Straße nicht mehr weitergeht.

          Victoria wartet neben einem Monstrum von Auto, einem Ford. Die Kühlerhaube reicht ihr bis zur Schulter. Viele fahren hier solche Wagen. Die James Bay Road ist zwar eine Art Highway, doch es gibt auf 620 Kilometern keinen Radioempfang, nur eine Tankstelle, dafür verkehrsblinde Karibus und ungeteerte Schotterpisten. „Dies ist keine Kinderreise“, warnte ein Reiseführer online. „Es gibt keine Spaßparks. Sie fahren mit einem Auto voller gelangweilter und jammeriger Gören ans Ende der Welt.“

          Eine Stunde später sitzen wir am Rupert River, der hier breit und gemächlich in die James Bay mündet. Der Tourismusbeauftragte, der uns Waskaganish zeigen sollte, ist nicht da. Seine Stellvertreterin auch nicht. Victoria telefoniert, und wir holen kurzerhand ihren Cousin Wilfred ab. Es gibt immer einen Plan B, sagt sie, alles ist im Fluss – auch eine der Philosophien der Cree. Wilfred erzählt uns, dass hier knapp 1900 Menschen wohnen. Er baut im Auftrag der Gemeinschaft Häuser, insgesamt 30 sollen noch dieses Jahr entstehen. Nur die Teerstraßen sind noch nicht fertig, deswegen staubt es auch so. Wir halten an einer vom Wetter mitgenommenen Hütte. Rupert House, der erste Posten der Hudson Bay Company. Hier meuterte 1611 die Besatzung von Henry Hudson, weil sie vom Winter und der glücklosen Suche nach der Nordwestpassage die Nase voll hatte. Wir fahren durch triste Straßen. Die Häuser sind schmucklos, die Straßen verwaist.

          Viel Abwechslung bietet die Straße nicht.

          Doch die Sonne scheint, und es ist warm für August, beinahe 30 Grad. Was würden die Cree an so einem Sonntagnachmittag tun? Blaubeeren pflücken. Wo? Bei Kilometer 25. So erklären sie einander den Weg, sagt Victoria. Bei Kilometer 30 liegt ein Reifen. Bei Kilometer 10 schläft ein Bär. Das für seine Speisen berühmte (und einzige) Restaurant des Highways hieße sogar so: „Relais Routier du Km 381“. Nach einer halben Stunde Schotterpiste stehen wir in einem Feld reifer, dunkelblauer Beeren, das von blutrünstigen Moskitos bewohnt wird. Weil es in der Nähe der Müllkippe liegt, beeilen wir uns mit dem Pflücken, denn da wiederum treiben sich gerade angeblich ein paar Schwarzbären herum.

          Bärenvorsicht bei den Blaubeeren

          Auf dem Rückweg halten wir an einem Sommercamp. Hier macht gerade die Autorin Josee Soum aus Ottawa mit ihrem Mann und den zwei Kindern Urlaub. Sie wohnen in einer rustikalen Holzhütte, kochen wie die Cree in einem Tipi und schlafen nachts zum Rauschen des Rupert River. Spaßpark? Brauchen sie nicht. Sie würden angeln, Karten spielen, wandern, Feuer machen. Oder bei älteren Cree vorbeischauen und etwas lernen. Eine Stunde begleiten wir sie und besuchen eine der Dorfältesten, Cylm Weistsche. Sie ist 84, lebt in einem bescheidenen Haus am Fluss und gerbt in ihrer kleinen Küche die Karibufelle, eine mühevolle, langwierige Arbeit.

          Wo ein Nordlicht zu sehen ist, könnte auch ein Bär sein - deshalb: nicht rausgehen!

          Am Abend hat der Tourismusbeauftragte Tim Whiskeychan Zeit für uns. Er ist eigentlich ein bekannter Künstler, er hat eine der kanadischen Zweidollarmünzen gestaltet. Jetzt tunkt er eine Feder in Acrylfarbe. „Kennt Ihr Bob Ross?“ Wir nicken. Dann malt er. Nette Bäume, kahle Bäume, nette Gräser, den Himmel, die Sonne. Die Farben erscheinen übertrieben, doch in den folgenden Tagen werden wir erleben, dass die Sonne und die Wolken und die Bucht und die Steine tatsächlich so knallrot, zartrosa, eisblau, tiefschwarz aussehen können. Wir sprechen über die Kultur der Cree, hören Musik aus den vierziger Jahren und sollen ihm glauben, dass Neugeborene, wenn man sie mit Froschurin einreibt, ein Leben lang gegen Insektenstiche immun werden. Wir lernen, dass Torfmoos ein Ersatz für Windeln ist. Und dass es „Tallymen“ gibt, die sich um die Jagdgebiete kümmern, die hier „Traplines“ heißen und unregelmäßig geformt sind, damit jede Familie ein bisschen Berg, Tal und Wasser zum Jagen hat.

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