https://www.faz.net/-gxh-9shqf

Taiwan : Die Götter hätten uns keinen anderen Rat gegeben

Subtropisch bis tropisch: Die Ostküste Taiwans. Bild: Picture-Alliance

Taiwan ist eine Insel wie ein Januskopf. Wer ihre schöne, wilde Seite sehen will, muss immer an der Ostküste entlang – und wird über ein Land staunen, das ein ganz eigenes China ist.

          11 Min.

          Gleich fliegt uns die Erde um die Ohren, es sei denn, jemand stopft ganz schnell einen Stöpsel in dieses Höllenloch. So sieht es jedenfalls aus, und so hört es sich an am Fuß des Berges der Sieben Sterne in Yangmingshan, dem Nationalpark am nördlichen Zipfel Taiwans: Wie ein deckelloser Gully der Geologie klafft eine kreisrunde Öffnung im Fels, aus der zischend, fauchend, infernalisch nach Schwefel stinkend Wasserdampf hinausschießt, flankiert von siedend heißen Pfützen, in denen es blubbert wie in Luzifers Kochtopf. So gewaltig ist der Druck aus dem Inneren der Erde, dass wir uns nicht wunderten, wenn sich das Wasser in der nächsten Sekunde in Feuer und Glut verwandelte. Vorerst aber belässt es die Natur mit der schockierend unvermittelten Mahnung an uns, nie zu vergessen, auf welch dünner Kruste wir Menschen leben, vor allen in Taiwan, der Insel der dreißigtausend Erdbeben pro Jahr, die ihre Existenz allein dem Tanz auf den Erdplatten verdankt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Die Taiwanesen haben gelernt, das Beste daraus zu machen. Früher bauten sie den Schwefel in Minen ab, gossen ihn in Blöcke und verkauften ihn an Schießpulverfabriken. Heute nutzen sie Yangmingshan als Naherholungsgebiet, entspannen sich in den heißen Quellen, gehen in den Bergen zwischen Silbergras und Pfeilbambus wandern oder steigen auf den Gipfel der Sieben Sterne, um im Norden, Westen, Osten den Pazifik zu betrachten und im Süden ihre keine halbe Stunde entfernte Hauptstadt Taipeh mit dem alles überragenden Wolkenkratzer Taipei 101, dem stählernen, gläsernen Bruder des Sieben-Sterne-Berges.

          Brodelnde Erde im Nationalpark Yangmingshan.

          Der Taipei 101 ist der ganze Stolz Taiwans und sollte es für alle Zeiten bleiben, als er 2004 als höchstes Hochhaus der Welt eröffnet wurde: eine Siegessäule der Willenskraft im Erdbebenland, an deren Spitze die Ingenieure eine sechshundertsechzig Tonnen schwere, frei bewegliche Stahlkugel aufgehängt haben, um den Turm bei Erdstößen zu stabilisieren; und ein 508 Meter messendes Triumphfanal in Form eines stilisierten Bambus, das die Überlegenheit der Hochtechnologie-Nation Taiwan gegenüber dem Parvenü vom Festland für jeden sichtbar machen sollte. Längst aber hat der Koloss von Taipeh seinen Weltrekord eingebüßt, ist in der Tabelle der Superwolkenkratzer auf Platz zehn abgerutscht und muss sich sogar von Hochhäusern in Städten wie Guangzhou oder Shenzen demütigen lassen, was die Liebe der Taiwanesen zu ihrem Riesen aber nicht erschüttern kann.

          „Wir leben wie ein geschiedenes Ehepaar“, sagen sie, wenn man sie nach ihrer Beziehung zu Peking fragt, für das Taiwan eine abtrünnige Provinz ist, seit Generalissimus Chiang Kai-shek 1949 nach dem verlorenen Bürgerkrieg gegen Mao mit seiner Kuomintang und zwei Millionen Kommunistenhassern nach Taiwan floh und dort die Republik China ausrief. Doch das Land ist politisch und diplomatisch isoliert, weil die Volksrepublik mit ihrer Ein-China-Politik nur sich selbst als legitimen Souverän duldet – was die Bestrebungen der Taiwanesen, ganz anders sein zu wollen als ihre Festlandbrüder, nur noch bestärkt und immer wieder anti-volksrepublikanische Reflexe aufflackern lässt, so wie bei jenem Radfahrer in Taipeh, der eine Propagandakiste als Anhänger hinter sich herzieht und darauf einen sofortigen Stopp des chinesischen Handels mit Organen lebender Menschen verlangt.

          Nussknacker-Ballett mit rotierenden Gewehren

          Chiang Kai-shek allerdings ist für die Taiwanesen nicht mehr der Übervater des Vaterlandes, sondern ein zwiespältiger Heldenautokrat und Wohltäteregomane, dessen Einparteienherrschaft unter dem Kriegsrecht heute kontrovers diskutiert wird – auch wenn die Nationale Gedächtnishalle zu seinen Ehren auf den ersten Blick einen anderen Eindruck erweckt. Sie ist ein Monstrum aus weißem Marmor mit blauen Pagodendächern im Herzen der Stadt, umgeben von manikürten Gärten, in denen nicht die geringste Anarchie geduldet wird und die wie eine Parabel auf die Autokratie des gescheiterten Kommunistenfressers wirken. Der Generalissimus selbst thront als zwanzig Tonnen schwere Bronzeskulptur ganz oben in seinem Mahnmal mit freier Sicht auf sein verlorenes Volk, neunundachtzig Stufen über den Sterblichen, weil er nach chinesischer Rechnung so alt geworden ist. Der stündliche Wachwechsel der Soldaten in ihren chrysanthemenweißen Uniformen ist heute indes weniger ein patriotisches Heldenhochamt als ein kurioses Touristenspektakel, vollführt als eine Art Nussknacker-Ballett mit steifen Knochen und rotierenden Gewehren.

          Selfies mit Chiang Kai-Shek in Taipeh.

          Die Apotheose des Heroen findet in Tyrannenmanier eine Etage tiefer statt: Nicht nur Staatskarossen und Orden werden wie Reliquien ausgestellt, sondern auch unscharfe Fotoschnappschüsse in Überlebensgröße und die Lieblingsessen Chiang Kai-sheks, in Plastik nachgeformt wie für die Schaufenster der Restaurants in Japan – noch das banalste Detail wird so wichtig genommen wie eine Staatsangelegenheit, was die Besucher allerdings nicht in Ehrfurcht erstarren, sondern lieber Selfies mit Cadillac-Schlachtrössern machen lässt. Schilder mahnen zu respektvollem Verhalten, was offensichtlich nottut, Kinder tollen trotzdem so ungeniert wie ungestraft durch das Nationalheiligtum. Und die größte Attraktion der Gedächtnisstätte scheint nicht mehr Chiang Kai-shek zu sein, sondern das Teehaus gegenüber seiner megalomanischen Bronzeskulptur, dessen Spezialität eisgekühlter Tee mit Tapioka-Perlen ist.

          Ein Stück altes China

          Immerhin kann der Generalissimus das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, ein Stück altes China auf die Insel gerettet zu haben, ein China, dem im Mutterland nacheinander von Kommunisten, Kulturevolutionären und Kapitalisten der Garaus gemacht wurde und das in Taiwan wie ein Schiffbrüchiger auf seinem Eiland überdauert hat. Am schönsten kann man es entlang der Di-Hua-Straße besichtigen, an der sich noch die alten Hexenhäuschen aus dem neunzehnten Jahrhundert mit ihren knarzenden Dielen und stillen Hinterhöfen aneinanderreihen. Hier findet man Geschäfte, die mit nichts anderem als Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer handeln oder auf Tintenfische, Bambusblätter und Tee spezialisiert sind, der in Dutzenden von Sorten aus ganz Taiwan vorrätig ist, so sorgfältig angebaut wie Wein, der älteste Jahrgang aus der Ernte von 1981.

          Viel altes China ist in Taipeh erhalten geblieben.

          Die Gentrifizierung ist hier trotz des einen oder anderen Vintage-Cafés im Hinterhof noch weit weg, und die Geschwindigkeit des Lebens hat wenig mit der Raserei des Festlandes zu tun. Niemand brüllt, keift, hupt, rempelt, niemand spuckt und rotzt, alle sind entspannt und gelassen und halten ihre Stadt in bester, blitzsauberer Ordnung – keinen einzigen Müllsack sehen wir auf den Straßen, dafür singende Müllwagen, die pausenlos eine Melodie vor sich hin summen, damit die Menschen wissen, wann sie aus dem Haus treten und die Säcke den Müllmännern übergeben können.

          Der Gnadengott schaut grimmig

          Am wenigsten haben die Freundlichkeit und Höflichkeit der Menschen, ihr respektvoller Ton, ihre penible Rücksichtnahme mit Festland-China zu tun, dafür umso mehr mit Japan, das ein halbes Jahrhundert lang von 1895 bis 1945 über Taiwan herrschte und dem Land nicht nur Baseball als Nationalsport und die Liebe zu rohem Fisch, sondern auch viel Leid brachte. Daran erinnert ein kleines Museum an der Di-Hua-Straße, das den „Comfort Women“ gewidmet ist, den taiwanesischen Frauen, die von der japanischen Besatzungsmacht für ihre Truppen sexuell versklavt und zu Tausenden an die Kriegsschauplätze deportiert wurden. Nur neunundfünfzig von ihnen, so lesen wir mit Schaudern, kehrten zurück.

          Dem Gott der Gnade im Longshan-Tempel wagten selbst die grausamsten japanischen Okkupanten kein Haar zu krümmen. Seit 1738 herrscht er über sein Reich, das ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus ist und von Heerscharen fauchender Drachen, knurrender Löwen und grimmiger Tempelwächter bevölkert wird, allesamt in Holz fein ziseliert, mit Blattgold verschwenderisch verziert und mit Magnolien im Innenhof dekoriert. Neben seinem Heiligtum ist noch Platz für allerhand Extra-Tempel, die alle Belange des täglichen Lebens abdecken, Liebe, Fruchtbarkeit, Wohlstand, Gesundheit, Handelsgeschäfte, Schulnoten, und die von Massen geschäftiger Gläubiger jeder Altersstufe belagert werden.

          Biegsam wie Bambus: Der Wolkenkratzer Taipei 101.

          Sie alle bitten auf diesem religiösen Rummelplatz die Götter mit einer Inbrunst um Beistand, die auf uns einfältig monotheistische Europäer wie ein verwegener Synkretismus aus Glaube und Aberglaube wirkt: Man wirft zwei Hölzchen in Form von Vanillekipferln vor den Gottheiten auf den Boden und fragt sie dabei um Rat. Bleibt ein Hölzchen auf der flachen Seite liegen und das andere auf der runden, bilden sie also Yin und Yang, geben die Götter den Gläubigen ihren Segen. Zweimal flach bedeutet hingegen ratlose Gottheiten, und zweimal rund ist ganz schlecht. Um die Sache noch präziser zu machen, hat man beim Hölzchenwerfen einen Holzstab mit einer Nummer in der Hand. Ist die himmlische Antwort positiv, geht man zu einem Schrank mit hundert numerierten Schubladen, sucht das entsprechende Fach und findet darin lauter göttliche Weissagungen. Wir würden uns jetzt allzu gerne einen ketzerischen Spaß erlauben und die Himmelsherrscher fragen, ob unsere Entscheidung, entlang der Ostküste statt der Westküste gen Süden zu fahren, die richtige ist. Wir trauen uns aber nicht, dafür schaut der Gnadengott dann doch zu grimmig drein.

          Tunnel, so furchteinflößend wie Geisterbahnen

          Wir haben auch ohne ihn die richtige Entscheidung getroffen und die spektakuläre Seite dieser janusköpfigen Insel gewählt, die sich in ein hochindustrialisiertes, dichtbevölkertes Drittel im Westen und zwei ungestüme, ungezähmte Drittel im Osten teilt. Hier erst wird Taiwan zur Ilha Formosa der portugiesischen Seefahrer, die sich einst vor der Schönheit der Insel verneigten. Sie ist aber kein zartes Schöpfungsgeschöpf, sondern ein wildes Kind der Kollision, geschmiedet von der Philippinischen und der Eurasischen Erdplatte, die ein gewaltiges Bergmassiv mit fast dreihundert Gipfeln jenseits der Dreitausendermarke aufgetürmt haben und es an seiner Steilküste tausend Meter in die Tiefe stürzen lassen, so dass aus der Brandung ein wütendes, lebensbedrohliches Anrennen des Pazifiks gegen diese gewaltige Wand aus Stein wird.

          Was sagen die Götter? Antworten bekommt man im Longshan-Tempel.

          Es ist eine abenteuerlich schwindelerregende Fahrt an der Ostküste entlang, immer nach Süden von den Subtropen in die Tropen, vorbei an Robinson-Crusoe-Buchten mit einem unfassbar tiefblauen Wasser zur Linken und fast senkrechten Bergen mit einer undurchdringlichen Haut aus Akazien, Maulbeerbäumen, Riesenfarnen und Elefantenohren zur Rechten. In tausend Serpentinen windet sich die Straße an der Küste entlang, manchmal ist sie wie eine Kerbe in den Fels geschlagen, manchmal krallt sie sich wie ein verzweifelter Lindwurm an den Fels, manchmal verschwindet sie in Tunneln, die so eng wie Stollen und so furchteinflößend wie Geisterbahnen sind.

          Im Nadelöhr rast der Wind

          Kaum ein Dorf sehen wir, dafür immer wieder Zementfabriken, die Taiwans Fortschritt Form geben, und Abhöranlagen des Militärs auf den Gipfeln, die mit ängstlicher Aufmerksamkeit nach Festland-China horchen. Einsamkeit aber darf man in dieser Wildheit nicht erwarten, weil es keine andere Verbindung an der Ostküste gibt und man deswegen mitunter mitten im Nichts im Stau steht. Doch selbst wenn es eng wird, behalten die Taiwanesen eine Contenance, die wiederum viel mehr an Japan als an China erinnert, hupen nicht, drängeln nicht, bestehen noch nicht einmal auf ihrem Vorfahrtsrecht und benehmen sich derart gesittet, dass man gar nicht anders kann, als es ihnen gleichzutun. Es geht so entspannt und geruhsam zu wie in einem motorisierten Lummerland, schneller als vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde darf man auf den Landstraßen selten fahren, nirgendwo sorgen abenteuerlichen Fuhrwerke oder Mopeds mit kompletten Kleinfamilien auf dem Sattel für Chaos. Und Kleinwagen scheint es in Taiwan auch nicht zu geben, dafür umso mehr deutsche Oberklasse, was nicht verwundern kann in einem Land, in dem das Privatvermögen seiner Einwohner größer ist als in Deutschland.

          Der Mensch hat, so gut es eben geht, die Taroko-Schlucht gezähmt.

          Doch in Xincheng setzt der Fluss Liwu dem Spektakel vorläufig ein jähes Ende und mündet mit der Gewissheit, etwas Einzigartiges, Ungeheuerliches geschaffen zu haben, in die Philippinensee. Es ist die Taroko-Schlucht, die dramatischste Landschaft Taiwans, das größte Wunder aus der Werkstatt seiner Geologie. Vor Millionen von Jahren war sie ein Urozean voller abgestorbener Meeresbewohner, die erst zu Kalkstein und dann unter gewaltigem Druck zu Marmor verdichtet wurden, um nach der Kollision der beiden Erdplatten ans Tageslicht emporzusteigen und schließlich vom Liwu zu einer aberwitzig mäandernden Schlucht ausgespült zu werden. Über Dutzende von Kilometern windet sich der Canyon durch die Berge, bis zu sechshundert Meter ragen die Steilwände senkrecht auf. An der engsten Stelle wird die Schlucht zu einem Nadelöhr, an dem sich die Felsen fast berühren und der Wind wie ein Taifun himmelwärts rast, weil er nirgendwo sonst einen Ausweg findet.

          Taiwanesen sind keine großen Abenteurer

          Auf Hunderten Metern Länge besteht die Taroko-Schlucht aus nichts als reinem Marmor, vom Wasser rund geschliffen, fein poliert, zu einem kostbaren Kunstwerk der Natur modelliert. An anderen Stellen mischen sich Gneis und Dolomit, Phylit und Glimmerschiefer unter das strahlende Weiß des Marmors, und immer tost und rauscht der Liwu wie entfesselt, verwirbelt sich zu Stromschnellen, braust zu Brandungen auf, als wolle er sich noch viele hundert Meter tiefer in die Erde graben. Längst ist die Geologie hier noch nicht fertig, und wie zum Beweis liegen überall Steinbrocken in der Tiefe, die gerade erst hinuntergestürzt zu sein scheinen, während auf Schritt und Tritt Schilder vor Felsstürzen warnen und an den gefährlichsten Abschnitten sogar Helmpflicht für die Besucher besteht.

          Der Mensch hat, so gut es eben geht, die Taroko-Schlucht gezähmt. Sechstausend Kriegsveteranen haben in den fünfziger Jahren unter entsetzlichen Mühen und Opfern den Highway 8 in den Stein gebohrt, gehauen, gemeißelt, gesprengt, und spätere Generationen ein Dutzend Trails angelegt, die meisten kinderwagentauglich, weil die Taiwanesen keine großen Abenteurer zu sein scheinen. So lässt sich der Tunnel der neun Windungen komfortabel auf zehn Meter breiten Asphaltwegen bewältigen und erinnert mit seinen Betonüberdachungen gegen den Steinschlag an die Galerien von Alpenstraßen. Auch der Baiyang Trail ist keine alpinistische Herausforderung, sondern eine bequeme Wanderautobahn hoch über dem Liwu, der hier so wilde Haken schlägt, dass ihm der Trail nur folgen kann, indem er neunmal eine Abkürzung in Form eines Tunnels nimmt.

          Überwältigendes Meisterwerk der Geologie: der Taroko Nationalpark.

          Abenteuerlich ist die Strecke aber allemal, denn sie führt durch eine subtropische Üppigkeit mit Zikaden-Konzertmusik voller schwalbengroßer Schmetterlinge und sonnenschirmgroßer Spinnennetze zwischen den Bäumen über dem Pfad. Die Schlucht ist überzogen mit einem dichten Pelz aus Zimtbäumen, Kräuselmyrten, Taroko-Eichen und der Schönen Deutzie, einer ostasiatischen Holunderart, während sich an den Felsvorsprüngen der Gallen-Sumach festkrallt, der früher zu Schießpulver verarbeitet wurde, und die japanische Zelkove, die den kriegerischen Ureinwohnern Taiwans einst das Holz für ihre Bögen lieferte. Zweitausend Meter ragen die Gipfel in die Höhe, dreißig Meter stürzen die Wasserfälle in die Tiefe, bis der Baiyang Trail unvermittelt am letzten der neun Tunnel vor einer Wand aus rauschendem Wasser endet.

          Selfie-Orgie im Reisfeld

          Südlich der Taroko-Schlucht spalten sich die Gebirgszüge in die Coastal Mountain Range und die Central Mountain Range und bilden dazwischen ein bukolisches Tal, in dem wir uns behütet fühlen wie in einer Wiege der Geologie. Reisfelder erstrecken sich mit ihrer wunderbar filigranen Schraffur von Bergflanke zu Bergflanke, lose unterbrochen von Betelnussbäumen, Bananenstauden und Bambuswäldchen. Kokospalmen stehen in Reih und Glied, Kampferbäume Spalier an den Alleen, Pomelos und Drachenfrüchte leuchten im subtropischen Licht und immer wieder auch Chirimoyas, die hier sehr treffend „Buddhas Kopf“ heißen. Nirgendwo allerdings steht der Reisbauer mit dem Kegelstrohhut hinter dem Wasserbüffel an seinem Pflug, weil Taiwan nicht Vietnam oder Bali, sondern ein Land der Ersten Welt ist.

          Leuchtturm im Kenting Nationalpark an der Südspitze der Insel.

          Es ist, neben vielem anderen, die Heimat von Giant, des größten Fahrradherstellers der Welt. Das Fahrradfahren scheint eine Leidenschaft der Taiwanesen zu sein, die viele alte Bahntrassen in Radwege umgewidmet haben. Immer wieder sehen wir Rennradfahrer in voller Wettkampfmontur, aber auch Freizeitradler, denen es eher um Jux als Sport geht – vor allem im Dorf Chishang, das inmitten besonders idyllischer Reisfelder liegt. Hier drehte vor einiger Zeit eine taiwanesische Fluggesellschaft mit einem Schauspielerschönling einen Werbespot und ließ ihn dafür unter einem Bischofsholzbaum Tee trinken. Seither zieht es Heerscharen von Taiwanesen zu diesem Baum, seither säumen Dutzende von Verleihstationen mit Tausenden von Fahrrädern die Straße. Meist sind es Viersitzer mit vier Rädern, Baldachin und Elektromotor, auch Sechssitzer für drei Generationen sind im Angebot und Elektro-Minimotorräder für Kinder.

          Und so surren die Taiwanesen massenhaft durch die Reisfelder, geben sich dabei der obligatorischen Selfie-Orgie hin, stehen geduldig im Fahrradstau und vor dem Bischofsholzbaum Schlange, an dem längst ein Bänkchen aus Bronze mit einem Teetischchen im Stil der Ming-Zeit aufgestellt wurde – und finden nichts komisch an dieser bizarren Veranstaltung, die eher an Autoscooter auf dem Jahrmarkt als an Radsport erinnert. Den Hang zum Kollektivismus teilen sie dann doch mit ihren Brüdern und Schwestern vom Festland.

          Lückenlose Parade an Restaurants

          Am Ende des Tales zwingt uns die Geologie erst an die Küste, danach in die Berge und spuckt uns schließlich an der Südspitze Taiwans im Kenting-Nationalpark aus, der nicht ganz den europäischen Vorstellungen eines Naturschutzgebietes entspricht. Denn er ist garniert mit Fischerdörfern, Strandresorts, Kart-Bahnen, sogar einem Kernkraftwerk. Und er ist bei den Taiwanesen vor allem deshalb so beliebt, weil sich hier den Feinschmeckern die Pforten des Himmels öffnen. Allein die Köstlichkeiten entlang der Hauptstraße des Badeortes Kenting sind Grund genug, die Ilha Formosa für immer schön zu finden, diese lückenlose Parade an Restaurants und Straßenständen mit ihren Entenköpfen und Hühnerfüßen, Dumplings und Wan Tans, Abalones und Austern, Krabben und Calamaretti, Taschenkrebsen und Tintenfischen, ein gargantueskes Freudenfest pantagruelischen Ausmaßes. Und zu sehen, mit welcher Lust schon die Kleinsten beim Drei-Generationen-Familienessen in ihre Papageienfische beißen, stimmt uns angesichts deutscher Räuber-Hotzenplotz-Kindermenü-Katastrophen ganz melancholisch.

          Nach der Meeresfrüchteschlemmerei ist ein Verdauungsspaziergang dringend geboten. Wir schlendern zum Aussichtspunkt Sheding, vorbei an Hügeln aus schwarzen Korallenriffen, die bei der eurasisch-philippinischen Plattenkollision aus den Tiefen des Meeres ins Landesinnere geschleudert wurden, und besteigen einen einsamen Aussichtsturm, der von Formosa-Makaken in Beschlag genommen wurde. Jetzt ziehen sie sich schimpfend und schmollend in die Baumwipfel zurück und überlassen uns diesen wunderbar friedlichen Ort, dem auch das Affen-Gekeife seine Kontemplation nicht nehmen kann. Kilometerweit geht der Blick über die schwarzgrüne Landschaft, am Horizont schimmert ein weißer Leuchtturm in der Brandung, am südlichsten Punkt der schönen Insel, umgeben vom Pazifik im Süden, Westen, Osten. Und uns wird das Herz schwer, weil hier Schluss ist.

          Die schöne Insel

          Anreise: Die taiwanesische Fluggesellschaft China Airlines (www.china-airlines.com/de/de) fliegt täglich nonstop von Frankfurt nach Taipeh. Für die Einreise genügt für deutsche Staatsbürger ein Reisepass. • Arrangements: Einen Überblick über Veranstalter mit Taiwan-Reisen gibt es unter www.taiwantourismus.de/wissenswertes/nuetzliche-kontakte/reiseveranstalter. Sehr zu empfehlen ist eine Tour mit einem Mietwagen. • Informationen: Taipei Tourism Office, Friedrichstraße 2–6, 60323 Frankfurt, Telefon: 0 69/61 07 43, info@taiwantourismus.de, www.taiwantourismus.de.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Apple-Campus in Cork, Irland

          Wegen Steuerzahlungen : Apple vor Gericht in Europa

          Die EU-Kommission hat dem Apple-Konzern in Irland Steuerzahlungen in Milliardenhöhe auferlegt. Wird diese richtungsweisende Entscheidung nun gekippt?

          Russland, Ukraine, Balkan : Spotify startet in 13 neuen Ländern

          Die Spotify-Aktie steht auch wegen der teuren Podcast-Offensive derzeit gut da. Jetzt wagt der Musikstreaming-Marktführer seit mehr als einem Jahr wieder eine große Expansion. In den neuen Ländern ist er aber nicht allein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.