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Taiwan : Die Götter hätten uns keinen anderen Rat gegeben

Subtropisch bis tropisch: Die Ostküste Taiwans. Bild: Picture-Alliance

Taiwan ist eine Insel wie ein Januskopf. Wer ihre schöne, wilde Seite sehen will, muss immer an der Ostküste entlang – und wird über ein Land staunen, das ein ganz eigenes China ist.

          11 Min.

          Gleich fliegt uns die Erde um die Ohren, es sei denn, jemand stopft ganz schnell einen Stöpsel in dieses Höllenloch. So sieht es jedenfalls aus, und so hört es sich an am Fuß des Berges der Sieben Sterne in Yangmingshan, dem Nationalpark am nördlichen Zipfel Taiwans: Wie ein deckelloser Gully der Geologie klafft eine kreisrunde Öffnung im Fels, aus der zischend, fauchend, infernalisch nach Schwefel stinkend Wasserdampf hinausschießt, flankiert von siedend heißen Pfützen, in denen es blubbert wie in Luzifers Kochtopf. So gewaltig ist der Druck aus dem Inneren der Erde, dass wir uns nicht wunderten, wenn sich das Wasser in der nächsten Sekunde in Feuer und Glut verwandelte. Vorerst aber belässt es die Natur mit der schockierend unvermittelten Mahnung an uns, nie zu vergessen, auf welch dünner Kruste wir Menschen leben, vor allen in Taiwan, der Insel der dreißigtausend Erdbeben pro Jahr, die ihre Existenz allein dem Tanz auf den Erdplatten verdankt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Die Taiwanesen haben gelernt, das Beste daraus zu machen. Früher bauten sie den Schwefel in Minen ab, gossen ihn in Blöcke und verkauften ihn an Schießpulverfabriken. Heute nutzen sie Yangmingshan als Naherholungsgebiet, entspannen sich in den heißen Quellen, gehen in den Bergen zwischen Silbergras und Pfeilbambus wandern oder steigen auf den Gipfel der Sieben Sterne, um im Norden, Westen, Osten den Pazifik zu betrachten und im Süden ihre keine halbe Stunde entfernte Hauptstadt Taipeh mit dem alles überragenden Wolkenkratzer Taipei 101, dem stählernen, gläsernen Bruder des Sieben-Sterne-Berges.

          Brodelnde Erde im Nationalpark Yangmingshan.

          Der Taipei 101 ist der ganze Stolz Taiwans und sollte es für alle Zeiten bleiben, als er 2004 als höchstes Hochhaus der Welt eröffnet wurde: eine Siegessäule der Willenskraft im Erdbebenland, an deren Spitze die Ingenieure eine sechshundertsechzig Tonnen schwere, frei bewegliche Stahlkugel aufgehängt haben, um den Turm bei Erdstößen zu stabilisieren; und ein 508 Meter messendes Triumphfanal in Form eines stilisierten Bambus, das die Überlegenheit der Hochtechnologie-Nation Taiwan gegenüber dem Parvenü vom Festland für jeden sichtbar machen sollte. Längst aber hat der Koloss von Taipeh seinen Weltrekord eingebüßt, ist in der Tabelle der Superwolkenkratzer auf Platz zehn abgerutscht und muss sich sogar von Hochhäusern in Städten wie Guangzhou oder Shenzen demütigen lassen, was die Liebe der Taiwanesen zu ihrem Riesen aber nicht erschüttern kann.

          „Wir leben wie ein geschiedenes Ehepaar“, sagen sie, wenn man sie nach ihrer Beziehung zu Peking fragt, für das Taiwan eine abtrünnige Provinz ist, seit Generalissimus Chiang Kai-shek 1949 nach dem verlorenen Bürgerkrieg gegen Mao mit seiner Kuomintang und zwei Millionen Kommunistenhassern nach Taiwan floh und dort die Republik China ausrief. Doch das Land ist politisch und diplomatisch isoliert, weil die Volksrepublik mit ihrer Ein-China-Politik nur sich selbst als legitimen Souverän duldet – was die Bestrebungen der Taiwanesen, ganz anders sein zu wollen als ihre Festlandbrüder, nur noch bestärkt und immer wieder anti-volksrepublikanische Reflexe aufflackern lässt, so wie bei jenem Radfahrer in Taipeh, der eine Propagandakiste als Anhänger hinter sich herzieht und darauf einen sofortigen Stopp des chinesischen Handels mit Organen lebender Menschen verlangt.

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