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Taiwan : Die Götter hätten uns keinen anderen Rat gegeben

Was sagen die Götter? Antworten bekommt man im Longshan-Tempel.

Es ist eine abenteuerlich schwindelerregende Fahrt an der Ostküste entlang, immer nach Süden von den Subtropen in die Tropen, vorbei an Robinson-Crusoe-Buchten mit einem unfassbar tiefblauen Wasser zur Linken und fast senkrechten Bergen mit einer undurchdringlichen Haut aus Akazien, Maulbeerbäumen, Riesenfarnen und Elefantenohren zur Rechten. In tausend Serpentinen windet sich die Straße an der Küste entlang, manchmal ist sie wie eine Kerbe in den Fels geschlagen, manchmal krallt sie sich wie ein verzweifelter Lindwurm an den Fels, manchmal verschwindet sie in Tunneln, die so eng wie Stollen und so furchteinflößend wie Geisterbahnen sind.

Im Nadelöhr rast der Wind

Kaum ein Dorf sehen wir, dafür immer wieder Zementfabriken, die Taiwans Fortschritt Form geben, und Abhöranlagen des Militärs auf den Gipfeln, die mit ängstlicher Aufmerksamkeit nach Festland-China horchen. Einsamkeit aber darf man in dieser Wildheit nicht erwarten, weil es keine andere Verbindung an der Ostküste gibt und man deswegen mitunter mitten im Nichts im Stau steht. Doch selbst wenn es eng wird, behalten die Taiwanesen eine Contenance, die wiederum viel mehr an Japan als an China erinnert, hupen nicht, drängeln nicht, bestehen noch nicht einmal auf ihrem Vorfahrtsrecht und benehmen sich derart gesittet, dass man gar nicht anders kann, als es ihnen gleichzutun. Es geht so entspannt und geruhsam zu wie in einem motorisierten Lummerland, schneller als vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde darf man auf den Landstraßen selten fahren, nirgendwo sorgen abenteuerlichen Fuhrwerke oder Mopeds mit kompletten Kleinfamilien auf dem Sattel für Chaos. Und Kleinwagen scheint es in Taiwan auch nicht zu geben, dafür umso mehr deutsche Oberklasse, was nicht verwundern kann in einem Land, in dem das Privatvermögen seiner Einwohner größer ist als in Deutschland.

Der Mensch hat, so gut es eben geht, die Taroko-Schlucht gezähmt.

Doch in Xincheng setzt der Fluss Liwu dem Spektakel vorläufig ein jähes Ende und mündet mit der Gewissheit, etwas Einzigartiges, Ungeheuerliches geschaffen zu haben, in die Philippinensee. Es ist die Taroko-Schlucht, die dramatischste Landschaft Taiwans, das größte Wunder aus der Werkstatt seiner Geologie. Vor Millionen von Jahren war sie ein Urozean voller abgestorbener Meeresbewohner, die erst zu Kalkstein und dann unter gewaltigem Druck zu Marmor verdichtet wurden, um nach der Kollision der beiden Erdplatten ans Tageslicht emporzusteigen und schließlich vom Liwu zu einer aberwitzig mäandernden Schlucht ausgespült zu werden. Über Dutzende von Kilometern windet sich der Canyon durch die Berge, bis zu sechshundert Meter ragen die Steilwände senkrecht auf. An der engsten Stelle wird die Schlucht zu einem Nadelöhr, an dem sich die Felsen fast berühren und der Wind wie ein Taifun himmelwärts rast, weil er nirgendwo sonst einen Ausweg findet.

Taiwanesen sind keine großen Abenteurer

Auf Hunderten Metern Länge besteht die Taroko-Schlucht aus nichts als reinem Marmor, vom Wasser rund geschliffen, fein poliert, zu einem kostbaren Kunstwerk der Natur modelliert. An anderen Stellen mischen sich Gneis und Dolomit, Phylit und Glimmerschiefer unter das strahlende Weiß des Marmors, und immer tost und rauscht der Liwu wie entfesselt, verwirbelt sich zu Stromschnellen, braust zu Brandungen auf, als wolle er sich noch viele hundert Meter tiefer in die Erde graben. Längst ist die Geologie hier noch nicht fertig, und wie zum Beweis liegen überall Steinbrocken in der Tiefe, die gerade erst hinuntergestürzt zu sein scheinen, während auf Schritt und Tritt Schilder vor Felsstürzen warnen und an den gefährlichsten Abschnitten sogar Helmpflicht für die Besucher besteht.

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