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Taiwan : Die Götter hätten uns keinen anderen Rat gegeben

Der Gnadengott schaut grimmig

Am wenigsten haben die Freundlichkeit und Höflichkeit der Menschen, ihr respektvoller Ton, ihre penible Rücksichtnahme mit Festland-China zu tun, dafür umso mehr mit Japan, das ein halbes Jahrhundert lang von 1895 bis 1945 über Taiwan herrschte und dem Land nicht nur Baseball als Nationalsport und die Liebe zu rohem Fisch, sondern auch viel Leid brachte. Daran erinnert ein kleines Museum an der Di-Hua-Straße, das den „Comfort Women“ gewidmet ist, den taiwanesischen Frauen, die von der japanischen Besatzungsmacht für ihre Truppen sexuell versklavt und zu Tausenden an die Kriegsschauplätze deportiert wurden. Nur neunundfünfzig von ihnen, so lesen wir mit Schaudern, kehrten zurück.

Dem Gott der Gnade im Longshan-Tempel wagten selbst die grausamsten japanischen Okkupanten kein Haar zu krümmen. Seit 1738 herrscht er über sein Reich, das ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus ist und von Heerscharen fauchender Drachen, knurrender Löwen und grimmiger Tempelwächter bevölkert wird, allesamt in Holz fein ziseliert, mit Blattgold verschwenderisch verziert und mit Magnolien im Innenhof dekoriert. Neben seinem Heiligtum ist noch Platz für allerhand Extra-Tempel, die alle Belange des täglichen Lebens abdecken, Liebe, Fruchtbarkeit, Wohlstand, Gesundheit, Handelsgeschäfte, Schulnoten, und die von Massen geschäftiger Gläubiger jeder Altersstufe belagert werden.

Biegsam wie Bambus: Der Wolkenkratzer Taipei 101.

Sie alle bitten auf diesem religiösen Rummelplatz die Götter mit einer Inbrunst um Beistand, die auf uns einfältig monotheistische Europäer wie ein verwegener Synkretismus aus Glaube und Aberglaube wirkt: Man wirft zwei Hölzchen in Form von Vanillekipferln vor den Gottheiten auf den Boden und fragt sie dabei um Rat. Bleibt ein Hölzchen auf der flachen Seite liegen und das andere auf der runden, bilden sie also Yin und Yang, geben die Götter den Gläubigen ihren Segen. Zweimal flach bedeutet hingegen ratlose Gottheiten, und zweimal rund ist ganz schlecht. Um die Sache noch präziser zu machen, hat man beim Hölzchenwerfen einen Holzstab mit einer Nummer in der Hand. Ist die himmlische Antwort positiv, geht man zu einem Schrank mit hundert numerierten Schubladen, sucht das entsprechende Fach und findet darin lauter göttliche Weissagungen. Wir würden uns jetzt allzu gerne einen ketzerischen Spaß erlauben und die Himmelsherrscher fragen, ob unsere Entscheidung, entlang der Ostküste statt der Westküste gen Süden zu fahren, die richtige ist. Wir trauen uns aber nicht, dafür schaut der Gnadengott dann doch zu grimmig drein.

Tunnel, so furchteinflößend wie Geisterbahnen

Wir haben auch ohne ihn die richtige Entscheidung getroffen und die spektakuläre Seite dieser janusköpfigen Insel gewählt, die sich in ein hochindustrialisiertes, dichtbevölkertes Drittel im Westen und zwei ungestüme, ungezähmte Drittel im Osten teilt. Hier erst wird Taiwan zur Ilha Formosa der portugiesischen Seefahrer, die sich einst vor der Schönheit der Insel verneigten. Sie ist aber kein zartes Schöpfungsgeschöpf, sondern ein wildes Kind der Kollision, geschmiedet von der Philippinischen und der Eurasischen Erdplatte, die ein gewaltiges Bergmassiv mit fast dreihundert Gipfeln jenseits der Dreitausendermarke aufgetürmt haben und es an seiner Steilküste tausend Meter in die Tiefe stürzen lassen, so dass aus der Brandung ein wütendes, lebensbedrohliches Anrennen des Pazifiks gegen diese gewaltige Wand aus Stein wird.

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