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Taiwan : Die Götter hätten uns keinen anderen Rat gegeben

Nussknacker-Ballett mit rotierenden Gewehren

Chiang Kai-shek allerdings ist für die Taiwanesen nicht mehr der Übervater des Vaterlandes, sondern ein zwiespältiger Heldenautokrat und Wohltäteregomane, dessen Einparteienherrschaft unter dem Kriegsrecht heute kontrovers diskutiert wird – auch wenn die Nationale Gedächtnishalle zu seinen Ehren auf den ersten Blick einen anderen Eindruck erweckt. Sie ist ein Monstrum aus weißem Marmor mit blauen Pagodendächern im Herzen der Stadt, umgeben von manikürten Gärten, in denen nicht die geringste Anarchie geduldet wird und die wie eine Parabel auf die Autokratie des gescheiterten Kommunistenfressers wirken. Der Generalissimus selbst thront als zwanzig Tonnen schwere Bronzeskulptur ganz oben in seinem Mahnmal mit freier Sicht auf sein verlorenes Volk, neunundachtzig Stufen über den Sterblichen, weil er nach chinesischer Rechnung so alt geworden ist. Der stündliche Wachwechsel der Soldaten in ihren chrysanthemenweißen Uniformen ist heute indes weniger ein patriotisches Heldenhochamt als ein kurioses Touristenspektakel, vollführt als eine Art Nussknacker-Ballett mit steifen Knochen und rotierenden Gewehren.

Selfies mit Chiang Kai-Shek in Taipeh.

Die Apotheose des Heroen findet in Tyrannenmanier eine Etage tiefer statt: Nicht nur Staatskarossen und Orden werden wie Reliquien ausgestellt, sondern auch unscharfe Fotoschnappschüsse in Überlebensgröße und die Lieblingsessen Chiang Kai-sheks, in Plastik nachgeformt wie für die Schaufenster der Restaurants in Japan – noch das banalste Detail wird so wichtig genommen wie eine Staatsangelegenheit, was die Besucher allerdings nicht in Ehrfurcht erstarren, sondern lieber Selfies mit Cadillac-Schlachtrössern machen lässt. Schilder mahnen zu respektvollem Verhalten, was offensichtlich nottut, Kinder tollen trotzdem so ungeniert wie ungestraft durch das Nationalheiligtum. Und die größte Attraktion der Gedächtnisstätte scheint nicht mehr Chiang Kai-shek zu sein, sondern das Teehaus gegenüber seiner megalomanischen Bronzeskulptur, dessen Spezialität eisgekühlter Tee mit Tapioka-Perlen ist.

Ein Stück altes China

Immerhin kann der Generalissimus das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, ein Stück altes China auf die Insel gerettet zu haben, ein China, dem im Mutterland nacheinander von Kommunisten, Kulturevolutionären und Kapitalisten der Garaus gemacht wurde und das in Taiwan wie ein Schiffbrüchiger auf seinem Eiland überdauert hat. Am schönsten kann man es entlang der Di-Hua-Straße besichtigen, an der sich noch die alten Hexenhäuschen aus dem neunzehnten Jahrhundert mit ihren knarzenden Dielen und stillen Hinterhöfen aneinanderreihen. Hier findet man Geschäfte, die mit nichts anderem als Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer handeln oder auf Tintenfische, Bambusblätter und Tee spezialisiert sind, der in Dutzenden von Sorten aus ganz Taiwan vorrätig ist, so sorgfältig angebaut wie Wein, der älteste Jahrgang aus der Ernte von 1981.

Viel altes China ist in Taipeh erhalten geblieben.

Die Gentrifizierung ist hier trotz des einen oder anderen Vintage-Cafés im Hinterhof noch weit weg, und die Geschwindigkeit des Lebens hat wenig mit der Raserei des Festlandes zu tun. Niemand brüllt, keift, hupt, rempelt, niemand spuckt und rotzt, alle sind entspannt und gelassen und halten ihre Stadt in bester, blitzsauberer Ordnung – keinen einzigen Müllsack sehen wir auf den Straßen, dafür singende Müllwagen, die pausenlos eine Melodie vor sich hin summen, damit die Menschen wissen, wann sie aus dem Haus treten und die Säcke den Müllmännern übergeben können.

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