https://www.faz.net/-gxh-9swzm

Deutschland : Im Grenzbereich

  • -Aktualisiert am

Informationsbesuch im ehemaligen Grenzstreifen: eine Gruppe Bundeswehrsoldaten am Grenzmuseum Point Alpha. Bild: Frank Rumpenhorst

DDR – was war das? Für Menschen unter dreißig ist die Mauer meist nur Stoff aus dem Geschichtsunterricht. Höchste Zeit also, sich dem Thema zu nähern. Klimafreundlich, mit dem Rad.

          6 Min.

          Sehr deutsch fühlte ich mich, auf dem Fahrrad sitzend. Nicht unzufrieden. Bloß etwas verkrampft. Nach oben leicht buckeln, nach unten treten, treten, treten. Nieselregen nieselte ins Gesicht. Warum tat ich mir das noch mal an? Ach ja, aus Prinzip.

          Ich hatte mir anschauen wollen, wie es da ist, an der ehemaligen Grenze, und ein bisschen auch, wie es damals war. Geboren nach 1989, aufgewachsen in Baden-Württemberg, keine Ahnung von der Parallelwelt BRD–DDR. Stasi und Wende, Mauerfall und Mauertote: Grundwortschatz für den Geschichtstest in der Schule. Die übergroßen Uniformen und Straßen. Graue Plattenbauten. Die DDR stellte ich mir als Zementmischer vor, der unaufhörlich Beton ausspuckte. Einen Zementmischer, der nicht mehr funktionierte. Nicht mal existierte.

          Als zum 3. Oktober wieder die Gedächtnissendungen liefen, alt gewordene Zeitzeugen als junge Menschen vor dem Brandenburger Tor, da dachte ich: Wie schön. Für euch. Was genau hat das mit mir zu tun? Ja, ja, ganz sicher: viel. Aber das war ein Pflichtgedanke. Vielleicht konnte ich das vage schlechte Gewissen, mich ungenügend für eine historische Zeit in diesem Land zu interessieren, noch in ehrliches Interesse umwandeln. Aber dafür brauchte ich Empirie.

          Kurz sträubte ich mich, als die Redaktion vorschlug, ich solle Fahrrad fahren. Fahrrad war ich abseits ebener Fahrradwege in der Stadt lange nicht mehr gefahren. Aber es erschien mir angemessen demütig. Nicht so raumgreifend wie ein Auto. Auch kein Bußgang.

          A wie Alpha, Point Alpha

          Nahe Fulda fing ich an, am Point Alpha, von dem aus einst die Amerikaner hinter den Eisernen Vorhang nach Thüringen, in die westlichste Gegend des Warschauer Pakts, gespäht hatten. Heute erinnerte ein Museum an die Konfrontation der Systeme. Ein gutes Museum, modern und interaktiv, keine Schaukastensammlung. Davor war ein Teil der Grenzanlagen stehengeblieben, ein Beobachtungsturm der Amerikaner, in den Boden betonierte KFZ-Sperren auf Seiten der DDR.

          An der ehemaligen Grenze zur DDR am Grenzmuseum Point Alpha.

          Auf dem Kolonnenweg fuhr ich nach Nordosten. Die Betonplatten hatten den DDR-Grenztruppen erlaubt, jeden Punkt der 1400 Kilometer innerdeutscher Grenze schnell mit Fahrzeugen zu erreichen. Seither ist durch die Hohlräume der Platten Unkraut gewachsen, an manchen Stellen der Beton vollständig verschwunden. Als Radweg taugte er nur für masochistisch Veranlagte. Der „Iron Curtain Trail“, ein Radfernweg, der entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs von der Barentssee bis ans Schwarze Meer führen soll, ist in Deutschland noch in der Entwicklung. So half bei der Navigation bloß der Führer „Deutsch-Deutscher Radweg“ von Michael Cramer, dem grünen Verkehrspolitiker, der den „Iron Curtain Trail“ initiiert und die künftige Route fast komplett abgefahren hat. Und Google Maps.

          Nach Point Alpha passierte lange: nichts. Regen, Kälte. Deutschland in seinen zwei Farben. Grün und braun. Darüber ein zu lange gewaschenes Blau. Kam mal ein Rapsfeld, blendete die Farbexplosion.

          Die Dörfer waren leer, die einzigen Menschen Politiker auf Plakaten für die Thüringer Landtagswahl. Grenzdebile Slogans: „Wir verbinden Orte, Stadt und Land, Menschen“ (Die Linke). An fast allen Laternenmasten, unter den anderen Parteien, die Blutegelplakate der AfD: „Sie hatten 30 Jahre Zeit“. Sah ich so viele AfD-Plakate, weil hier so viele hingen? Oder fielen sie auf, weil man sie erwartete, reiste ich in ein ostdeutsches Bundesland schon im AfD-Suchmodus?

          Weitere Themen

          So funktioniert der Kohlenstoffzyklus Video-Seite öffnen

          Klimawandel : So funktioniert der Kohlenstoffzyklus

          Die Folgen der globalen Erderwärmung werden in Deutschland spürbarer und lassen sich immer besser belege. Kohlenstoff ist der wichtigste chemische Bestandteil der meisten organischen Stoffe. Übermäßige Verbrennung von Kohle, Öl und Gas stört den Kreislauf.

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.