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Der weiße Pygmäe aus dem afrikanischen Regenwald : Der Soundtrack seines Lebens

  • -Aktualisiert am

Manche Geschichten verfolgen die Reisenden und lassen sie nie wieder los - so wie die Geschichte des weißen Pygmäen Louis Sarno, über den Michael Obert einen Film drehte. Bild: Matthias Ziegler

Vor fünf Jahren begegnete unser Autor im Regenwald von Zentralafrika einem Mann, dessen Geschichte ihn nicht mehr losließ. Jetzt kommt sein Film ins Kino.

          Im Herbst 2009 bereiste ich die Zentralafrikanische Republik und hörte eher zufällig von einem weißen Mann, der seit Jahrzehnten tief im Regenwald unter Bayaka-Pygmäen leben sollte. Ein paar Tage später folgte ich, geführt von zwei Ortskundigen, einem Elefantenpfad durch den Urwald. Nach einer Stunde öffnete sich die Vegetation, ich betrat eine Lichtung, und von allen Seiten strömten Bayaka auf mich zu. Klein gewachsene Männer fuchtelten mit Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitzgefeilten Schneidezähnen zerrten an meinem Hemd und schrien mich an.

          Plötzlich riss der Lärm ab. Aus dem Unterholz erschien eine hoch gewachsene Gestalt: zwei Köpfe größer als die anderen, nackter Oberkörper, barfüßig, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby. Vor mir stand eine Legende: der erste Weiße, den die Bayaka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen hatten, ein Verschollener, der wochenlang nur Kaulquappen aß, eine Bayaka-Frau heiratete und mit ihr ein Kind bekam, der Malaria, Typhus, Lepra überlebte und über 1500 Stunden Pygmäengesänge aufgezeichnet hatte. Vor mir stand der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der weiße Pygmäe - Louis Sarno.

          Geschichten von unterwegs. Sie lassen uns den Atem stocken, bringen uns zum Lachen oder Weinen, berühren und prägen uns. Selbst wenn wir träumen, träumen wir in Geschichten. Sie helfen uns beim Lernen und Erinnern und dabei, die Welt besser zu verstehen. Doch der Reisende sucht nicht, wie es oft heißt, nach Geschichten - die Geschichten finden ihn. Manche davon verändern sein Leben.

          Auf der Suche nach den vergessenen Paradiesen

          Auf der Lichtung durchbohrte mich Louis Sarnos Blick. Ich kam unangemeldet. Intuitiv griff ich nach seiner Hand. Da standen wir, zwei Weiße mitten im Regenwald des Kongobeckens, bestaunt von 60, 80 Bayaka, und ich spürte, dass etwas Großes in meinem Leben geschah. Ich konnte nicht ahnen, dass die Geschichte, die mich soeben gefunden hatte, mich jahrelang kreuz und quer über den Globus treiben und mich - eigentlich einen Schreibenden - am Ende in einen Filmemacher verwandeln würde.

          Seit 20 Jahren bin ich unterwegs. In vergessenen Paradiesen, aber auch in den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt. Lateinamerika, Südpazifik, Indien, Afrika, Nahost - ich brauche das Reisen, die Inspiration durch fremde Menschen, Landschaften, Klänge und Düfte. Und ich brauche die Geschichten, in die die Welt dort draußen verpackt ist. Die Geschichten einer Reise geben den Anstoß zur nächsten.

          Vater und Sohn auf großer Reise: Louis Sarno und Samedi.

          In Istanbul hörte ich von den Rosenpflückerinnen in Iran, in Iran von abgeschiedenen Hochtälern im marokkanischen Atlas-Gebirge. In Marokko wiederum traf ich einen Ahnenforscher, der mir von der Sklaveninsel Gorée in Senegal erzählte. Von Senegal kam ich auf Kongo, von Kongo nach Uganda, wo ich von einem ehemaligen Internetcafébesitzer erfuhr, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Mogadischu zu retten, die gefährlichste Stadt der Welt. Und in Mogadischu . . . Meine Reisen sind eine Verkettung von Geschichten - faszinierend, rätselhaft oder einfach nur schön, manchmal auch beängstigend finster, an der Grenze zum Trauma. Geschichten sind der Treibstoff für mich als Reisenden, als Schreibenden, als Menschen.

          Eine Melodie aus purer Magie

          Auf der Lichtung im Regenwald saßen wir bis tief in die Nacht in Louis Sarnos Urwaldhütte - gestampfter Boden, ein Bett aus Bambusstangen - und er erzählte mir von seinem Leben. In den achtziger Jahren hört der junge Mann aus New Jersey im Radio einen Gesang, der ihm keine Ruhe lässt. „Ein polyphones Geflecht aus Frauenstimmen, raffinierte Jodellaute, eine sich endlos wiederholende auf- und abschwellende Melodie - pure Magie.“ Sarno findet heraus, dass er Pygmäengesänge gehört hat, und steigt mit einem Aufnahmegerät und 500 Dollar in der Tasche in ein Flugzeug nach Bangui.

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