https://www.faz.net/-gxh-6xpl3

Ein Wochenende in Wien : Tut's noch a bisserl sektieren, rät der Graf

  • -Aktualisiert am

Wer will da noch ins Hotel? Bei Doktor Mazakarini wohnt man fast wie bei Freunden. Bild: Friederike Haupt

Vergessen wir ganz einfach mal alle Sehenswürdigkeiten - und lassen wir uns Wien von Kunsthochschülern und alten Herren neu erklären.

          7 Min.

          Da liegt man nun also im Bett eines Menschen, von dem man bis vor ein paar Stunden nicht geglaubt hätte, dass es ihn gibt. Man kann natürlich nicht gleich schlafen, obwohl es noch recht viel zu trinken gab und die Nacht schon halb herum ist, Müdigkeit ist also nicht das Problem. Aber diese Löwen da auf den Teppichen und diese vier Meter hohen Bücherregale und dieses alte Klavier mit seinem - noch - zugeklappten Maul starren einen durch die Dunkelheit an, also starrt man sicherheitshalber zurück. Leise lächelt dann der Mann, dem dies alles gehört, Doktor Wolf Dietrich Maria Mazakarini Martinelli, ein siebzigjähriger Archäologe, Kunsthistoriker und Markgraf. Er kennt das schon, dieses Staunen der Menschen, die Rauhfasertapeten und Ikea-Betten in ihren Leben für okay halten und Wien bloß für irgendeine Stadt. Und während er also lächelt und man sich im Stillen noch einmal seinen schönen Namen aufsagt, um sich von den Teppichlöwenrachen abzulenken, kommt endlich der Schlaf.

          Am nächsten Morgen ist Doktor Mazakarini fort, und tatsächlich verließ er schon vor dem Zubettgehen das Bibliothekszimmer. Nur von einem gerahmten Bild - Doktor Mazakarini auf einem weißen Ross - hatte er im Dunkeln herabgelächelt. Es ist also Zeit, sich in dieser Wohnung im vierten Wiener Bezirk umzusehen, in der man da gelandet ist wie mit einer Zeitmaschine, denn das alles hier sieht aus, als könnte jederzeit Doktor Freud klingeln, um ein wenig mit Doktor Mazakarini zu plaudern: die alten Sessel mit den Samtbezügen, die Familienwappen, die Ahnen in Öl, die Vitrinen mit Kristallgläsern darin und natürlich all die Bücher. Doktor Mazakarini und seine Frau haben hier ein eigenes Zimmer für sie und noch eine andere Wohnung, zwanzigtausend Bände mögen dort wohl stehen, schätzt der Hausherr. Und wie man da so sitzt in einem der tiefen Polstersessel, die Luft atmet, die nach Doktor Mazakarinis ledergebundenen Nachschlagewerken und nach seiner alten Perserkatze riecht, die stumm und starr, aber angeblich noch lebendig immerfort auf der Fensterbank sitzt, weiß man, dass man besser in Wien gar nicht wohnen kann.

          Fast das eigene Bett

          Zumindest nicht, wenn man vorhat, ein Wochenende hier an Orten zu verbringen, an denen sich auch Wiener freiwillig aufhalten. Also kein Hotel, keins dieser von begrenzt hilfreichen Reiseführern gepriesenen "Zehn Dinge, die man in Wien gesehen haben muss"-Dinge, keine Kutsche, kein blinkendes Schnitzelhaus, kein Bordstein vor irgendwelchen Jugendstilfassaden, die es durch langes Anstarren als ebensolche zu würdigen gilt. Warum nicht einfach tun, was man zu Hause am Wochenende auch tut: ein paar Geschenke kaufen, ein bisschen spazieren gehen, Kaffee trinken, abends bei Freunden gut essen, dann in ein Bett fallen, dessen Besitzer man auf Reisen zwar kaum selbst sein kann, den man aber immerhin kennt und auf dessen gut gefüllten Kühlschrank man sich verlassen kann. "Tut's noch a bisserl sektieren", sagt beispielsweise Doktor Mazakarini und stellt den Gästen eine Flasche Sekt auf den meterlangen Tisch.

          Tatsächlich kann jeder, der möchte, an dieser Tafel Sekt trinken und dafür nur so viel zahlen wie Doktor Mazakarini bei seinem Weinhändler und in des Doktors Bibliothekszimmer schlafen. Aus unterschiedlichen Gründen, von denen die Sehnsucht seiner Frau nach staunenden Bewunderern der Wohnung und ihrer Bewohner wohl nicht der geringste ist, bietet Doktor Mazakarini Fremden an, bei ihm unterzukommen. Er macht das über das Internetportal Wimdu, wo man Zimmer von Privatpersonen in aller Welt buchen kann wie Hotelzimmer. Vierzig Euro kostet eine Nacht in seiner Bibliothek, und darin steht auch ein bequemes Bett in einer Höhle, an deren Decke Doktor Mazakarini Hunderte kleiner Leuchtdioden einbauen ließ, die auf Knopfdruck strahlen - in Form des Sternbildes des Löwen. Dazu wiederum kann Doktor Mazakarinis Frau Marcella viel erzählen, denn sie ist nicht nur Schauspielerin und Innenarchitektin, sondern auch Astrologin - Sternzeichen Löwe - und weiß eigentlich alles über die Sterne, die Menschen und die Welt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erste Rede von Bärbel Bas : Respekt für die Bürger

          Der Bundestag wählt Bärbel Bas zu seiner Präsidentin. Sie wirbt für mehr Bürgernähe – und fordert, endlich eine Wahlrechtsreform anzugehen, „die den Namen verdient“. Bei der Wahl ihrer Stellvertreter fällt der AfD-Kandidat durch.

          Neue Häuser : Ein Hoch auf das Schachtelprinzip!

          Einst Gemüselager, heute Loft: Nach dem Umbau zeigt sich eine Halle in Aschaffenburg von ihrer wohnlichen Seite. Und das ganz ohne Wände.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.