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Münchens Schlachthofviertel : Weißwurst lange vorm Morgengeläut

  • -Aktualisiert am

Schöner als zuvor? Workshop für Kinder mit Spraydosen. Bild: Veronika Eckl

Hier rumort der Bauch der Weltstadt, aber hier trifft die Flaneurin auch auf Individualisten, die der Wille eint, etwas zum Positiven zu verändern, Alternativen auszuprobieren. Begegnungen in Münchens Schlachthofviertel.

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          Herbstlaub flattert übers Pflaster, und die Backsteinbauten an der Zenettistraße stehen an diesem Morgen so unauffällig da, als wollten sie unbedingt verbergen, dass es dahinter um Leben und Tod geht. Der Herr in der Warnweste am Eingang zum Schlachthof wippt in der Kälte von einem Fuß auf den an­deren. Aus der Suppenküche auf dem Viehhofgelände gegenüber dampft es in den grauen Novemberhimmel hinein, das ge­hobene italienische Restaurant nebenan erhält gerade eine Gemüselieferung. Mütter radeln auf Lastenfahrrädern vo­rüber, die Kinder in die Kästen ge­packt. Ein Plakat an der Mauer wirbt für die VeggieWorld München, „die Messe für den veganen Lebensstil“. Besser könnten die Widersprüche, die sich in diesem Viertel auftun, nicht illustriert sein.

          Bei München denkt man gern an eine Stadt voller sehr schicker Menschen, sehr teurer Autos, sehr teurer Fußballer und sehr teurer Wohnungen. München kann aber auch sehr bodenständig sein, noch, muss man sagen, zum Beispiel im eins­tigen Glasscherbenviertel um den Schlachthof herum.

          Zunächst geht es ums Essen

          Seit 142 Jahren liegt der Münchner Schlachthof in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, seit 1878 aus hygienischen Gründen die kleineren Schlachthäuser der Bankmetzger vom Viktualienmarkt ge­schlossen wurden und die vom Architekt und Stadtbaurat Arnold Zenetti entworfene moderne Anlage eröffnet wurde: direkt an der Bahnlinie, weil die Tiere so in Zügen herangekarrt und über ei­ne Rampe in den Schlachthof getrieben werden konnten. Erst 2006 wurden diese Viehtranporte eingestellt; nun fahren Lastwagen die Tiere direkt an die Hallen.

          Im Schlachthofviertel geht es in erster Linie ums Essen, hier rumort der Bauch von München, und das Marktstüberl der Metzgerei Gaßner ist schon von halb acht Uhr morgens an geöffnet. Geschlachtet wird in den frühen Morgenstunden, die Großhändler kommen ab fünf, und die Ar­beiter und Lastwagenfahrer haben Hun­­ger. Es herrscht reger Betrieb, eine Blut- und Leberwurst mit Kartoffelpüree und Sauerkraut gibt es für 8,90 Euro. Gesprochen wird herzerwärmend einsilbiges Bayerisch, womit das Stüberl zur schützenswerten Sprachinsel erklärt werden müsste. Vor dem Geschäft steht ein prall gefüllter Au­tomat, am dem bei Tag und Nacht Nachbarn und Partyvolk, Polizisten und Handwerker Weißwürste, Speckknödel und Gu­lasch im Glas ziehen. Immer ist hier was los, die einen arbeiten, die anderen feiern. Hinter dem Stüberl wäscht an ei­ner Rampe ein Lastwagenfahrer seinen leeren Transporter mit vergitterten Fensteröffnungen in der Desinfektionsanlage – und augenblicklich weiß man, dass die unfreiwilligen Fahrgäste gerade keinen schönen Tod gestorben sind. Das Be­wusstsein der Vergänglichkeit senkt sich auf die Seele herab und wird zentnerschwer im verlassenen Garten hinter der Waschstraße; hier frönen Städter dem Urban Gardening. In Hochbeeten friert Mangold mit leuchtend roten Stielen, dahinter zischt die S-Bahn vorbei und zerschneidet die Zeit im Minutentakt.

          Die Welt ein bisschen bunter machen: der Sprayer Pascal Prümm
          Die Welt ein bisschen bunter machen: der Sprayer Pascal Prümm : Bild: Veronika Eckl

          Doch da bricht das pralle Leben ein in Gestalt von Grundschülern, die sich mit Spraydosen auf die mit Graffiti übersäte Mauer stürzen. Ein Workshop für Kinder, angeleitet von dem Sprayer „Mister Sauer“, mit bürgerlichem Namen Pascal Prümm, schwer erkältet, aber entschlossen angetreten. Gerade erklärt er ei­nem heulenden Mädchen knapp und po­litisch zweifelhaft, dass eine India­ne­rin keinen Schmerz kenne. Raues Sprayermilieu, aber mit Herz, die Kleine schweigt.

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