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Auf der Absinth-Route : Die grüne Schwester des rosafarbenen Elefanten

  • -Aktualisiert am

Die grüne Fee ist besiegt - und jetzt ist sie wiederauferstanden: Plakat an der Fassade einer Brennerei in Môtiers Bild: Rob Kieffer

Ein Rausch reist wieder um die Welt: Auf der grenzüberschreitenden Absinth-Route huldigen Schweizer und Franzosen einträchtig dem mythischen Elixier.

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          So sieht das Dessert also aus, das als vermeintliche Teufelsspeise in die Schlagzeilen geriet: ein Eis-Soufflé, garniert mit Johannisbeer-Coulis und einer Schnapsglas-Ration Absinth. Empfohlen wird uns die Leckerei im Restaurant „Les Six-Communes“ in Môtiers. Das verschlafene Dorf mit seinen roten Schindeldächern im schweizerischen Val-de-Travers, in dem Kuhgemuhe und Ziegengemecker die vernehmbarsten Geräusche sind, gilt als Wiege des Absinths. In diesem eingekerbten Gebirgstal wurde Ende des achtzehnten Jahrhunderts der legendäre Kräutertrank erstmals destilliert. Damals konnte noch niemand ahnen, dass er sich vom Medizintropfen gegen Magenschmerzen und Wurmbefall zum mythischen Aperitif der Boheme entwickeln sollte.

          Die Kellnerin des Restaurants wird nicht müde, neugierigen Gästen die anekdotenhafte Karriere des Desserts zu schildern. Im Jahr 1983 war der französische Präsident François Mitterrand während einer Staatsvisite im Schweizer Jura. Als Nachtisch des Festbanketts hatte sich der Koch ein „Soufflé glacé à la Fée verte“ ausgedacht, benannt nach der verführerischen „grünen Fee“. Die Elfe ist so etwas wie die bezaubernde Schwester des rosafarbenen Elefanten. Man sieht sie erst, wenn man etliche Gläser Absinth intus hat und die Fee aus der grünen Trübung heraus grazil dem Glas entschwebt. Mitterrand und seinem Gefolge blieben solch promillebedingten Halluzinationen erspart, dennoch schmeckte ihnen die alkoholstarke Spezialität. Lediglich eine unter den Ehrengästen weilende Schweizer Richterin war schockiert und rührte das Soufflé nicht an. Denn Absinth war seit 1910 in der Eidgenossenschaft verboten.

          Die strenge Beamtin verpetzte den Koch. Die „Hotelaffäre um den Hexentrunk“, wie die Zeitungen genüsslich titelten, führte nach zweijährigem Prozess zu einer bescheidenen Geldstrafe. Der aufsässige, von den Einheimischen als Held gefeierte Küchenpatron hingegen war zufrieden. Die Posse um die illegale Dessertkreation hatte sein Etablissement über die Grenzen hinaus bekannt gemacht. Vor allem aber wollte sich die Berner Bundesregierung nicht noch weiter blamieren und unternahm erste Schritte zur Rehabilitierung des verfemten Volksgetränks. Im Jahr 2005 wurde schließlich das fast hundertjährige Absinth-Verbot in der Schweiz aufgehoben.

          Die Soldaten tranken den Schnaps, anstatt ihn als Desinfektionsmittel einzusetzen

          Dass während der Prohibition im Val-de-Travers munter gebrannt, geschmuggelt und gepichelt wurde, erfährt man in der Maison de l’Absinthe im Zentrum von Môtiers. Das Museum ist pikanterweise im alten Bezirksgericht untergebracht, in dem Schwarzbrennern der Prozess gemacht wurde und in dessen Hinterhof die Zöllner fuderweise beschlagnahmtes Gesöff in den Gully kippten. An einer Wand hängt die Ahnengalerie der Rebellen, allesamt mit Unschuldsmienen, darunter erstaunlich viele Frauen. „Mutter macht die Wäsche“ war das Codewort, wenn Madame im Gartenschuppen die zu Destillierapparaten umgerüsteten Waschkessel anfeuerte. Im Alkohol wurden aromatische Pflanzen eingeweicht, die heute noch zu den Basiszutaten jedes Absinths gehören: robustes Wermutkraut, das selbst in Höhen von zweitausend Metern überlebt, Ysop, Zitronenmelisse, Pfefferminze, Anis und Fenchel. Das Dokumentationszentrum zeigt erfinderische Behälter, in denen der „grüne Nektar“ heimlich zu den Kunden gelangte: ausgehöhlte Gehstöcke, umfunktionierte Konservendosen mit harmlosen Erbsen- und Möhren-Etiketten, Werkzeugkästen mit Doppelwänden, Hustensaftflakons. Sogar Kinder wurden zu Kurieren, indem sie die Hehlerflaschen in ihren unverfänglichen, ledernen Schulranzen versteckten.

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