https://www.faz.net/-gxh-9qfpc

China : Bärchenstunde im Reich der Mitte

  • -Aktualisiert am

Andere Menschen haben auch schöne Berufe: Fütterzeit in Chengdu. Bild: Picture-Alliance

Der Panda ist die rührende, die friedliche Seite der Weltmacht. Ein Besuch in der Panda Base Chengdu in der chinesischen Provinz Sichuan.

          5 Min.

          Mit energiesparender Gestik orchestriert der Sicherheitsmann den Strom der Vorbeiziehenden. Er gewährt jedem einen etwa fünfzehnsekündigen Blick durch das verglaste Rechteck in der Wand. Eine kurze Aussicht, die für viele der Chinesen die unverstellte Schau ins Glück bedeutet: Zwei neu geborene Pandabären in schwarzweißem Flaum liegen, aneinandergekuschelt schlafend, auf dem Laminat ihrer perfekt temperierten Aufzuchtstation. Fünfzehn Sekunden reichen jedenfalls dem einheimischen Besucher für ein paar Ahs und Ohs und eine entschlossene Kaskade an Selfies.

          Fragt sich, was spannender ist: Pandabären angucken oder Chinesen beim Angucken von Pandas angucken? In der Panda Base von Chengdu lässt sich erleben, dass die Bären für die Chinesen mehr als nur Symboltiere sind. Sie werden verehrt und fürs Vaterland als friedfertige Image-Transporteure mitunter auf außenpolitisch bedeutsame Missionen entsandt. Die Metropole in der Provinz Sichuan ist so etwas wie die Welthauptstadt der Pandas. Was zunächst einmal keine Kunst ist, denn nur in den urwüchsigen Bergwäldern im Südwesten des Riesenreichs leben die geschätzten 186o verbliebenen Exemplare in freier Wildbahn. Etwa 40 von ihnen in allen Altersklassen beherbergt die Panda Base in Chengdu. Ursprünglich mal weit außerhalb der Stadt auf einem Hügel errichtet, ist die fast 15 Millionen Einwohner zählende Boom-Stadt den Bären mittlerweile ganz schön auf den Pelz gerückt.

          Kampf der Selfiesticks

          Auch an einem gewöhnlichen Mittwochvormittag stehen die Besucher in Viererreihen an den Innengehegen und Außenanlagen. Der Stangenwald der in die Luft zeigenden Selfie-Sticks wirkt wie eine Gefechtsstellung aus kaiserlicher Zeit. Tatsächlich sind die ausfahrbaren Handy-Halter kollektiv sofort einsatzbereit, sollte ein Panda seinen runden Kopf auch nur anheben. Oder sich gar auf seinen Hintern plumpsen lassen, um nach einem Stück Bambus zu greifen, den die Pfleger vorgeschnibbelt und fein drapiert aufgeschichtet haben. Pandas kauen in einer rhythmischen Langsamkeit, die einen Mitteleuropäer in eine dezente Zoo-Trance versetzen kann. Die Einheimischen dagegen können sich nicht sattsehen. Satt zu werden ist die Hauptbeschäftigung der Pandas, den Rest der Zeit ruhen oder schlafen sie.

          Nur ein mausgroßes Etwas: Pandababy im Brutkasten in Chengdu.
          Nur ein mausgroßes Etwas: Pandababy im Brutkasten in Chengdu. : Bild: Picture-Alliance

          Deutlich mehr los ist bei den Exemplaren im Kindergartenalter, in dem so mancher der tapsigen Bären auf wackeligen Pfoten eine Art Halbstarkenattitüde entwickelt. Zur tiefen, puren, ehrlichen Freude der Umstehenden kugeln die Kleinen umher, stupsen sich an, erklimmen Bäumchen, um dann ungelenk wieder abzustürzen. Die Besucher jauchzen und kichern mit leuchtenden Augen in einem fort – und produzieren Gigabytes von Fotos. Hunderte eint in diesem Augenblick der gemeinsame Wunsch: einmal nur tauschen mit dem Pfleger. Auch wenn man von Kopf bis Fuß Klamotten wie im OP-Saal tragen muss.

          Alles so schön sauber hier

          In seinem fortschrittsentfesselten Furor hat China erst den Lebensraum der Pandas zerstört – auf ihren verbliebenen Waldinseln fanden sich die Paare entweder nicht mehr, oder es entstanden unter den zusammengedrängten Einzelgängern Krankheiten und Inzucht. Nur um jetzt große Anstrengungen zu unternehmen, den Bestand der Tiere zu erhöhen. In Städten wie Chengdu wurde erst alles Alte umstandslos von der Stadtoberfläche getilgt, um nun all dem Beton wieder mühevoll historisch wirkende Flecken abzutrotzen. Die Einheimischen gehen in Scharen dorthin, wo lampionbehängte Gebäude in der alten Holzbauweise mit geschwungenen Dächern den Anschein von Authentizität wecken.

          Krabbelstunde in der Chengdu Panda Base.
          Krabbelstunde in der Chengdu Panda Base. : Bild: Reuters

          Es macht Spaß, ziellos durch Chengdu zu streifen. Der Verkehr unter der meist zähen Dunstglocke ist heftig, aber im Vergleich zu Peking oder Schanghai nicht desaströs. Die unermessliche Schar von Leihfahrrädern, akkurat in Reihe stehend, findet erst langsam Anklang. Alles wirkt sehr sauber – was wohl daran liegt, dass Putztrupps, mit beiden Beinen im Strom der Autos stehend, sogar die Außenseite von Bauzäunen schrubben. Es sind nur wenige Schritte von den Glitzertürmen, die europäische Luxuslabel beherbergen, bis man in Hinterhöfen versteckt Märkte entdeckt, in denen Schlangen, Fische, Schildkröten, Frösche und Hühner feilgeboten werden. Verzehrfertig, aber noch lebend. Ob Garküche oder hochklassiges Restaurant – kulinarisch wird man in Chengdu selig.

          Der Volksgarten wirkt wie eine von den Planierraupen vergessene, akribisch gepflegte Oase. Er beherbergt das älteste Teehaus der Stadt – ein atmosphärischer, betont unhektischer Ort. Man sitzt dort im Schatten an Holztischen, auf denen quietschbunte Kannen stehen. Kellner flitzen mit den gewünschten Teemischungen umher, ältere Herren beugen sich über ihr Mah-Jongg-Brettspiel, und sogar die jungen Leute lassen von ihren Smartphones ab, um ganz analog zu plaudern oder zu dösen.

          Ein Panda für Präsident Nixon

          Im Umland von Chengdu befinden sich gleich zwei Unesco-Weltkulturerbestätten. Sechzig Kilometer nordwestlich liegt das uralte Bewässerungssystem von Dujiangyan, das älteste bis heute in Betrieb gebliebene in ganz China. Es zähmt mit seinen Dämmen und Ableitungssystemen den Min-Fluss, der seine Wasser aus dem Hochgebirge bezieht und enorm zu beschleunigen weiß. Die faszinierenden Konstruktionen machten schon vor über zweitausend Jahren das Land fruchtbar. Der nahe gelegene Berg Qingcheng ist ein Ursprungsort des Taoismus. Über Treppen, von Tempeln gesäumte Wege, mit einer kleinen Fähre über einen See und schließlich in österreichischen Gondeln geht es über immergrüne Wipfel zum Gipfel. Es ist auch an einem Montag mehr ein geräuschvoller Gänsemarsch als eine stille Einkehr an einem spirituell hochtourigen Ort.

          Die Panda-Station ist Höhepunkt so mancher Chengdu-Reise.
          Die Panda-Station ist Höhepunkt so mancher Chengdu-Reise. : Bild: INTERFOTO

          Hochtourig gefahren, umschwirren auch die Autos – die Dichte von Nobelkarossen deutscher Bauart ist unverkennbar – den zentralen Tianfu-Platz in Chengdu. Die 30 Meter hohe Statue von Mao mit erhobenem Arm würdigt scheinbar niemand eines Blickes. Durch das dichte Netz von mit Soldaten besetzten Wachhäuschen wirkt es so, als ob Mao Tse-tung noch immer ein Heer von Leibwächtern beschäftigte. Mao hat einst damit begonnen, Pandabären als politisches Stilmittel einzusetzen. Der erste Adressat eines Panda-Präsents war der amerikanische Präsident Nixon, später auch dessen Gegenspieler Chruschtschow. Der Begriff Panda-Diplomatie war geboren, auch wenn es sich eher um Panda-Propaganda handelt, wenn ein drakonisches Regime mit der manipulativen Kraft eines friedliebenden Wappentiers wuchert.

          Pornos gegen die Sex-Muffeligkeit

          Bis heute bedenkt Peking befreundete oder umworbene Staaten mit einem Panda-Pärchen. Bundeskanzler Helmut Schmidt war einst Empfänger von Bao Bao und Tien Tien, die er an den West-Berliner Zoo weiterreichte. 2017 landeten im Gefolge von Staatspräsident Xi Jinping Meng Meng (kleiner Traum) und Jiao Qing (Charmeur) in Berlin, die einzigen Großen Pandas in Deutschland. Geboren wurden beide in der Chengdu Panda Base. Peking ist längst dazu übergegangen, die Tiere nicht mehr zu verschenken, sondern gegen eine stattliche Gebühr zu verleihen. In einer Art Staatsakt wurden Meng Meng und Jiao Qing an Kanzlerin Merkel und den Berliner Zoo übergeben. Für rund neun Millionen Euro hatte der eine Panda-Villa in Pagodenoptik errichtet, der Bambus wird aus Benelux importiert.

          Hoffentlich bald glückliche Mutter: Berlins Pandabärin Meng Meng.
          Hoffentlich bald glückliche Mutter: Berlins Pandabärin Meng Meng. : Bild: AFP

          Seit Dienstag ist gewiss: Meng Meng ist nicht scheinträchtig, sondern schwanger. Der neuerliche Ultraschall hat mindestens einen Embryo gezeigt. Es grenzt an ein Wunder, allerdings ein forciertes. Nur 72 Stunden ist ein Großer Panda paarungsbereit – im Jahr. Ansonsten sind sie strenge Einzelgänger. Panda-Forscher, so lernt man in Chengdu, versuchen der schon sprichwörtlichen Sex-Muffeligkeit der Tiere Herr zu werden und bauen auf die angeblich stimulierende Wirkung von Panda-Pornos, also Filmchen von kopulierenden Bären. Auch in Berlin wurde nach der Paarung noch mal künstlich besamt, um die Wahrscheinlichkeitskurve in die Höhe zu jagen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bärinnen nach einer kurzen Schwangerschaft etwa mausgroße, völlig nackte, hilflose Wesen gebären. Bis zu drei Stück – aber die tapsige Mutter nimmt immer nur eines an.

          Hat man sich dies alles inmitten der so selig dreinblickenden Chinesen in der Chengdu Panda Base noch mal durch den Kopf gehen lassen, dann sollte man seine ersten Gedanken nicht unbedingt mit den Einheimischen teilen: Kann es sein, dass die Pandas gar nicht zum globalen Wappentier des Artenschutzes aufsteigen wollten, so wie der entfernte Verwandte Eisbär als Testimonial des Klimawandels herhalten muss? Dass sie vielleicht sogar, genüsslich Bambus kauend, in Ruhe aussterben wollten – und nur der Mensch hindert sie leidenschaftlich daran? Dem mit dieser Theorie konfrontierten Reiseleiter in der Panda Base verrutschen die Gesichtszüge. Dann wendet er sich wieder dem herumlümmelnden Männchen in dessen Gehege zu. Der Panda dreht seinen runden Kopf Richtung Publikum, setzt einen drolligen Blick auf und fixiert es mit seinen großen Augen.

          Der Weg nach Chengdu

          Reisezeit Die Provinz Sichuan hat subtropisches Klima mit milden Wintern und langen, warmen Sommern. Die beste Reisezeit ist im Frühjahr und im Herbst.

          Anreise Neben anderen fliegt Etihad Airways täglich ab Frankfurt, München und Düsseldorf über Abu Dhabi nach Chengdu; etwa 750 Euro, etihad.com.

          Unterkunft In Chengdu gibt es zwei „JW Marriott“-Hotels, ab 90 Euro bzw. 120 Euro pro Nacht; marriott.com.

          Weitere Informationen unter china-tourism.de oder beim Hamburger Veranstalter Chinatours: china-tours.de

          Berliner Zoo Der Berliner Pandanachwuchs wird der Mitte September erwartet. Von 9 bis 18.30 Uhr geöffnet: zoo-berlin.de

          Weitere Themen

          Massaker mit Messer und Gabel

          So isst die Welt : Massaker mit Messer und Gabel

          Die Menschheit teilt sich bei ihren Esswerkzeugen in drei große Gruppen, die so gut wie keine Überschneidungen kennen: Stäbchen, Finger, Besteck heißt die Dreifaltigkeit am Tisch. Und womit isst man am besten? Die Kolumne Geschmackssache.

          Topmeldungen

          Militärparade 2019 in Peking

          Rivalität mit Amerika : Chinas militärische Aufholjagd

          China investiert massiv in seine Streitkräfte. Es will Amerika militärisch ein- oder sogar überholen. In einigen Gebieten ist das schon gelungen. Das militärische Gleichgewicht in Asien beginnt sich zu verschieben.
          Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet

          K-Frage der Union : Führende CDU-Politiker werben für Laschet

          Besonders deutlich stellt sich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hinter den CDU-Vorsitzenden. Inzwischen ist in der Partei allerdings zu hören, es werde „eng“ für Laschet. Eine Entscheidung am Samstag wird für möglich gehalten.
          Sensitivitätslücke? Eine Helferin hält einen Teststab in einem Testzentrum in Hannover

          Zu hohe Erwartungen : Die Enttäuschung mit den Schnelltests

          Schnelltests haben die Erwartungen vieler Bürger und Politiker enttäuscht. Die Tests haben falsche Sicherheit verbreitet. Fachleute kritisieren die „Sensititivitätslücke“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.