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Republik Irland : Es könnte viel schlimmer sein

Auf gutes Wetter wartet man hier vergeblich: Portumna im County Galway Bild: Robert Harding / FOTOFINDER.COM

Wer nach Galway kommt, muss sich auf Regen einstellen – aber erlebt dafür irische Gelassenheit und ansteckende Lebensfreude. Ein Besuch in der europäischen Kulturhauptstadt.

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          Die Vorfreude war groß. Es sollte ein Spektakel werden mit Fackeln, Trommeln, Feuerwerk, Musik und Tanz – draußen, an der irischen Westküste, wo ein rauhes Klima herrscht. Die kleine Hafenstadt Galway war nach monatelanger Vorbereitung gerüstet für die große Eröffnungszeremonie, die ein besonderes Jahr einläuten sollte: Galway ist neben der kroatischen Stadt Rijeka europäische Kulturhauptstadt 2020. Doch der Kür folgte eine bittere Enttäuschung: Ciara zog herauf, das Sturmtief, das sich in Deutschland Sabine nannte.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die Iren sind schlechtes Wetter gewöhnt, aber die heftigen, orkanartigen Böen mit starkem Regen wurden selbst ihnen zu heikel. Schweren Herzens sagten die Veranstalter einige Stunden vor dem geplanten Beginn die Zeremonie ab – und so fiel sie ersatzlos aus, denn einen Plan B hatten die Galwayer nicht. In ihrer Ansprache im Galmont Hotel im Zentrum der Stadt, in dem am Nachmittag eine Vorveranstaltung zur Eröffnung stattfand, kamen Helen Marriage die Tränen. Sie ist Creative Director des umfassenden Kulturprogramms „Galway 2020“ und bedauerte die Absage zutiefst. Monatelang hätten alle Beteiligten darauf hingearbeitet. Die Eröffnungszeremonie kann auch nicht nachgeholt werden, weil die Veranstaltungen nur für das geplante Datum genehmigt wurden.

          Die zentralen Fragen, die in vielen Ansprachen mit der Kulturhauptstadt verknüpft wurden, verlieren dadurch aber nicht an Aktualität: „Wer sind wir?“, wollten viele wissen. Was bedeutet es, Galwayer, irisch, europäisch zu sein? Galways Moment sei gekommen: Das Bekenntnis zur europäischen Identität, das war in diesen Tagen oft zu hören, gewinne in Zeiten des grassierenden Nationalismus und Rechtspopulismus an Wichtigkeit.

          Irland und der Brexit

          Die sehr viel kleinere „Fire Tour“ in Portumna zwei Tage zuvor gab einen Eindruck, wie die kulturelle Antwort auf diese politisch bewegten Zeiten, die im Zeichen des Brexits und der Wahlen in Irland stehen, hätte aussehen können. Mit Trommeln und Fackeln zogen Menschen durch den kleinen Ort im County Galway, der sich knapp sechzig Kilometer südöstlich von der Stadt Galway befindet. Counties bezeichneten einst die Grafschaften in Irland und gliedern, den deutschen Landkreisen ähnlich, die Verwaltungseinheiten des Landes.

          „Town Crier“ Liam Silke erzählt zwischen den Statuen von Oscar Wilde und Eduard Vilde Anekdoten über die Stadt Galway.

          Es ist kalt, aber noch trocken, als sich die Bewohner Portumnas am Abend auf dem Platz vor der Saint Brigid’s Church versammeln und andächtig zwei jugendlichen Mädchen lauschen, die voller Hingabe „I love you“ von Billie Eilish singen. Die Trommler und Fackelträger marschieren fröhlich auf den Platz, ein kleines Feuerwerk scheint am Horizont auf.

          Sechs Tage lang richteten die kleinen Städte des Countys Feste solcher Art aus und folgten dabei dem keltischen Kalender der vier Jahreszeiten, der zum „Imbolc“ den Abschied des Winters feiert. Am siebten Tag war der Abschluss und Höhepunkt in Galway geplant. Die Mühe, die sich die Bewohner hier mit der Ausrichtung der Kulturhauptstadt machen, ist geradezu liebenswert unbeschwert. Und doch staunt man nicht schlecht, dass sie die wichtigste Veranstaltung des Jahres im Februar draußen planen, in einem Land, in dem es permanent regnet und oft windig ist, nicht nur, wenn Ciara unterwegs ist. Die deutsche Verwunderung über so viel Unbekümmertheit spiegelt Stereotype beider Länder – und ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, warum es so viele Deutsche nach Irland zieht.

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