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E-Bike Trend : Mit dem Strom!

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Als wir am nächsten Vormittag durch eine kleine Ortschaft rollen, spricht uns eine Frau mit roter Strähne im Haar an: „Ja wos macht’s?“, fragt sie kehlig tirolerisch. „Fahrschule? Ja, ja, das muss man auch lernen. Das habe ich erst gestern im Radio gehört.“ Ganz unrecht haben sie und das Radio nicht, denn es ist tatsächlich ein Unterschied, ob man auf einem Mountainbike oder auf einem E-Mountainbike durch die Gegend fährt. Also gibt uns Picco einen kurzen Fahrtechnik-Kurs. Erstens: Mit hoher Frequenz treten, dann ist die Wirkungskraft des Motors am höchsten. Zweitens: Nur mit einem Finger bremsen. „Sonst machts ihr an Headfirst in Schooder nei.“ Das heißt: Man sollte die Kraft der Scheibenbremse richtig einschätzen. Drittens: Beim Bergauffahren auf dem Sattel nach vorne rutschen. „Immer sitzen bleiben und in Lenker beißen! So“, sagt er, und fährt eine absurd steile Wiese hoch. Und viertens: Beim Bergabfahren einen „Kraftkreis“ bilden. Aufrecht. Ellbogen raus und den Blick weit voraus. „Das war’s eigentlich“, sagt er und fährt auf dem Hinterrad davon.

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Picco heißt eigentlich Christian Piccolruaz, ein hagerer Mann mit zerzaustem Haar, der seit 1986 Mountainbike fährt und so ziemlich jeden Berg in Tirol auf zwei Rädern bezwungen hat. Seit einigen Jahren fährt er nur noch E-Mountainbike und ist sich sicher, dass diesen Geräten die Zukunft des Radtourismus in den Alpen gehört. Weil das Image des E-Bikes sich komplett gewandelt hat. Weil nicht mehr nur Rentner damit zum Badesee fahren, sondern Bergsteiger zur Felswand und Leistungssportler damit trainieren. Weil man damit auf steilen Pfaden bergauf fahren kann und der erweiterte Aktionsradius ganz neue Tour-Möglichkeiten eröffnet. Weil E-Bikes die Alpenüberquerung „demokratisieren“ und ambitionierte Hobbyradler nun auch 3000 Höhenmeter und 100 Kilometer pro Tag schaffen. Das sind die Gründe, warum Prognosen des Zweirad-Industrieverbandes besagen, dass bald jedes dritte verkaufte Fahrrad ein Elektrorad sein wird.

Das alles bestätigt sich auf unserem Weg zum Gardasee. Auf einem extrem steilen Pfad schieben uns die Räder über Wurzen und Felsstufen hinauf zum Sattelberg. Mit Leichtigkeit rollen wir auf 2000 Metern auf dem alten Brenner-Grenzkamm an den Bunkern vorbei und zirkeln uns dann auf Bergpfaden hinab nach Südtirol. In Windeseile und Turbomodus schießen wir auf dem Ritten wieder hinauf. Oben schwitzt keiner, wir trinken Cappuccini und rauschen mit glühenden Scheibenbremsen nach Bozen. Mit fast schon obszöner Lässigkeit überholen wir durchgeschwitzte Nicht-E-Mountainbiker mit 180er Puls auf dem Weg zum Molvenosee – und spüren deren abschätzige Blicke im Rücken. Entspannt cruisen wir schließlich durch Weinberge, kleine Bergdörfer, am Toblinosee vorbei ins Sarcatal zum Gardasee. Hier, im Einzugsgebiet der Mountainbike-Hochburgen Torbole, Riva und Arco, sehen wir tatsächlich mehr und mehr Gruppen wie die unsere: schamlos unangestrengte E-Biker. Und dann stehen wir am Ufer des Gardasees, der Wind bläst uns ins Gesicht, wir öffnen ein Bier und stoßen an auf unsere erfolgreiche Transalp. Alles, was fehlt, ist der Muskelkater.

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