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Kneipen in Amsterdam : Das Geheimnis des verräterischen Falken

  • -Aktualisiert am

Im Café Het Papeneiland aß Bill Clinton Apfeltorte. „Papisteninsel“ lautet der Name auf deutsch, und natürlich gibt es dazu eine Geschichte. Bild: Reuters

Geselligkeit mit Geisterbahndekor: Auf den Spuren von Fernsehkommissaren, Bierbaronen und Lesbenköniginnen durch die braunen Cafés von Amsterdam.

          Ein feuchter, salziger Wind pirscht sich von der Nordsee heran und pfeift gespenstisch durch die Grachten Amsterdams. Hausboote beginnen zu schaukeln, regenschwere Wolken ersticken den kleinsten Hauch von Tulpenfarbigkeit, schwarz gekleidete Radfahrer holpern wie pedalierende apokalyptische Reiter übers Pflaster. Es ist eine morbide Atmosphäre wie in den Gruselszenen von „Amsterdamned“, dem 1987 gedrehten Kult-Kinoschocker von Dick Maas. Doch wir wollen keinem harpunenbewehrten Serienkiller begegnen, der im Taucheranzug aus dem blubbernden Kanal steigt. Also steuern wir an der Ecke von Prinsengracht und Brouwersgracht ein Giebelhaus an, dessen gardinenlose Fenster wohliges Licht nach draußen in die düsteren Gassen leiten.

          Als wir das „Café Papeneiland“ betreten, wissen wir zuerst nicht, ob wir uns in einem vollgestopften Antiquitätenladen befinden oder in einem typischen Amsterdamer Wirtshaus. In einer Ecke bollert ein gusseiserner Ofen, auf dem Uromas Bügeleisen stehen. Eine Lichterkette schwingt sich wie eine Weihnachtsgirlande um einen Kronleuchter. An den Wänden hängen Zinnteller, kupferne Bettpfannen und blauweiße Keramikkacheln aus Delft. Alte Stiche mit fleckigen Rändern zeigen, wie Amsterdam sich zur Gründungszeit des „Papeneiland“, also Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als aufstrebende Handels- und Hafenstadt präsentierte. In einem eingerahmten Brief wird Besitzer Tiel Netel für „one of the nicest experiences I have had in quite a while“ gedankt. Unterschrieben hat Bill Clinton, der 2011 mit seinen Bodyguards vorbeischaute, um sich einen Cappuccino und ein Stück der legendären hausgemachten Apfeltorte zu genehmigen.

          Mehr Wirte und Weinhändler als Kaufleute

          Die Kneipe trägt den Namen „Papisteninsel“, weil sie während der Reformationskriege mit einem unterirdischen Gang ausgestattet war, durch den die von den Protestanten verfolgten Katholiken zu einem geheimen Kirchenraum gelangten. „Papeneiland“ gehört zu den traditionsreichen „bruine cafés“ von Amsterdam, die ihren Namen den uralten, dunklen Holztäfelungen und den vom einstigen Dauerrauchen tabakbraun gefärbten Decken und Wänden verdanken. Gepafft wurde damals nicht nur aus Genuss, sondern auch, um den höllischen Gestank zu überdecken, der aus den mit Schlachtabfällen und verwesenden Tierkadavern überfüllten Grachten aufstieg.

          Die kleinste Kneipe Amsterdams: Achtzehn Quadratmeter reichen im „Café de Dokter“ aus, um die ganze Vielfalt der Stadt zu versammeln.

          Und um es in der aus allen Nähten platzenden Stadt auszuhalten, wurde eifrig gezecht. Schon Rembrandt erholte sich beim kräftigen Korn von seinen Pinselarbeiten. Die Chronik verzeichnet für 1730 mehr Wirte und Weinhändler als Kaufleute. Die Zahl der Pinten wuchs in Amsterdams Blütezeit rasant. Oft wurden sie auf hastig und schlampig in dem Morast eingerammten Pfählen errichtet, so dass die Grundmauern bald einsackten. Ein Zeugnis für diesen Pfusch am Bau ist das „Café de Sluyswacht“ an der Sankt-Antonius-Schleuse, das trotz seiner bedenklichen Schieflage bis heute überdauert hat und für seine „bitterballen“, knusprig frittierte Fleischkroketten mit Limburger Senf, beliebt ist.

          Die Stammkneipe des Bierbarons

          Um Komfort und Geräumigkeit scherte man sich früher genauso wenig, wie man es heute tut. So ist die Stube eines braunen Cafés bisweilen nicht viel größer als das Interieur eines Wohnmobils. Da die campingbegeisterten Niederländer in ihrem dichtbesiedelten Land ohnehin an Enge gewöhnt sind, fühlen sie sich umso wohler, je mehr soziale Kontakte sich auf kleinster Fläche abspielen. Und in den überschaubaren, plüschigen Däumlingswelten der rustikalen Schenken ist die „gezelligheid“ mehr als irgendwo sonst zu Hause, ein Kokon ungezwungenen holländischen Lebensgefühls, zu dem auch das spontane Duzen von zufälligen Tresenbekanntschaften gehört.

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