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Düsseldorfer Hotel „De Medici“ : Zwischen Himmel und Hölle

  • -Aktualisiert am

Fürstlich gebettet: Die Kurfürstensuite. Bild: Derag Livinghotels

Als Jesuitenkloster erbaut, von Fürsten gefördert und im Nationalsozialismus als Verhörkeller benutzt: Das Hotel De Medici bündelt in den Mauern des historischen Düsseldorfer Stadthauses vierhundert Jahre Kunst und Geschichte.

          Mit kurzer Flanellhose, Hemd und Pullover steht Dieter Linz zwischen seinen Klassenkameraden. Fast alle tragen die Uniform der Hitlerjugend. Auch der 1925 geborene Dieter will unbedingt Mitglied werden. Rundweg verbietet es der Vater, ein Pfarrer. Später, noch nicht im Teenager-Alter, entscheidet der Junge selbst, dass er Christ bleiben will und beides nicht geht. Der ein Jahr jüngere Wolfgang Kannengießer hat nie den Wunsch, Hitlerjunge zu werden. Lieber ist er Messdiener. Beim Bäcker sieht er ein Werbeplakat für die Jugendorganisation der Nazis. Und weil gerade niemand im Laden ist, reißt er es ab und wirft es weg. Einer hat ihn doch gesehen und zeigt ihn an. Zwei Tage lang wird der Junge von der Gestapo verhört – hier, im alten Düsseldorfer Stadthaus.

          Auch wenn die Ungeheuerlichkeiten der Zeit bekannt sind, ist vieles hier erstaunlich. Die Geschichten klarsichtiger Kinder und die Fotos Düsseldorfer Bürger, die sich nach den Pogromen im November 1938 vor den Häusern ihrer verschleppten Mitbürger an deren Möbeln bedienen. Ein wenig auch die Historie des Gebäudes, in dem Deportationslisten verfasst wurden und in dessen Keller die Gestapo widerspenstige Jugendliche, aus dem Rathaus gezerrte Sozialdemokraten und andere unbescholtene Menschen verhörte.

          Wo einst der Düsseldorfer Hof Platz nahm

          Heute sind Geschichte, Gastronomie und Genuss einander nahe. Die Mahn- und Gedenkstätte liegt im Westflügel des Alten Stadthauses, einem Gebäude-Ensemble, das der Jesuitenorden ab dem frühen 17. Jahrhundert in Etappen erbaute. Kirche, Konvent und Gymnasium gehörten dazu. Im Westflügel befand sich das Jesuitenkolleg. Später diente dieser Teil als Polizeipräsidium, bevor er Sitz der Gestapo wurde. 1946 und 1947 tagte hier, wie zum Beweis der Elastizität der alten Mauern, der Entnazifizierungsausschuss. Seit 1987 ist er Sitz der Mahn- und Gedenkstätte. Im selben Komplex verbirgt sich, von den Ausschweifungen der Altstadt abgeschirmt durch die Andreaskirche und dem barocken Innenhof, das Livinghotel De Medici. Hier sitzen die Teilnehmer der „Grand Tour“ im Wiener Kaffeehaus unter schwerer Kassettendecke und aus Widderhörnern geformten Leuchtern. Melange und Torte spenden ihnen Kraft.

          Unter der schweren Kasettendecke des alten Konvents: Die Brasserie Stadthaus.

          So dicht ist die Historie des Alten Stadthauses, so eng das Hotel mit Kunst und Geschichte verwoben, dass für Gäste wie für Einheimische mehrmals im Monat kunsthistorische Führungen angeboten werden; ab und zu steht die Grand Tour auf dem Programm. Sie führt übers Hotel hinaus bis in den Abgrund des Verhörkellers der Gestapo und von dort in die lichte Höhe der Empore der Barockkirche St. Andreas, wo einst der Düsseldorfer Hof zur Messe Platz nahm.

          Die museale Qualität des Hotels dazwischen ist vor allem der Sammelleidenschaft von Senior-Inhaber Max Schlereth geschuldet. Der Gründer des Immobilienunternehmens, aus dem ab 1982 die Derag Livinghotels hervorgingen, trennte sich von größeren Teilen seiner Kunstsammlung, um das 2009 erworbene Haus angemessen auszustatten. Rot-goldene Haubensessel vor einem gewaltigen Kamin und die weiße, mit Blattgold üppig verzierte Stuckdecke geben in der Lobby den Ton an. Von den Wänden schweigen Mitglieder der Medici-Sippe, darunter die Päpste Leo X. und Clemens VII.

          Hundertfünfzig alte Pfeifen

          Die vom Kaufmannsgeschlecht zu höchsten Ämtern in Kirche und Staat aufgestiegenen Florentiner passen nicht schlecht ins kunstliebende, lebensfrohe und prunksüchtige Düsseldorf. Anna Maria Luisa de’ Medici ist sogar eng mit der Stadt verbunden. Sie wurde 1691 die zweite Frau des in Düsseldorf geborenen und von Jesuiten erzogenen Jan Wellem, Herzog von Jülich und Berg, Kurfürst von der Pfalz und Pfalzgraf von Neuburg. Anna Maria Luisa fühlte sich in der Residenzstadt des Gatten wohl und machte sich bald daran, mit ihm eine Gemäldegalerie aufzubauen. Vom Düsseldorfer Schloss der beiden ist nur ein Turm geblieben, die Sammlung in der Welt verstreut, doch mit dem nach ihr benannten Hotel hat die kunstsinnige Kurfürstin ein spätes Denkmal erhalten. Die Stuckdecke in der Lobby ist ihr zu Ehren der in der Basilica San Lorenzo in Florenz nachgebildet. In einer Vitrine ruht eine Nachbildung des Kurhuts von Jan Wellem. Im Jahr 2012 fand man das verloren geglaubte Original der Krone im Grab der treuen Anna Maria Luisa – sie überlebte Jan Wellem, der eigentlich Johann Wilhelm hieß, um mehr als fünfundzwanzig Jahre – in der Krypta von San Lorenzo in Florenz.

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