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Rüdesheimer Drosselgasse : Das jähe Ende von Wein, Weib und Gesang

Tote Hose statt Remmidemmi: Eine Angestellte wartet im „Wirtshaus Hannelore“ in der Drosselgasse auf Gäste. Bild: Frank Röth

Singen, Tanzen, Schunkeln: Das ist bis Corona das Lebenselixier der Drosselgasse in Rüdesheim gewesen. Jetzt herrschen dort gespenstische Leere und existentielle Angst. Doch dabei muss es nicht bleiben.

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          Die drei Touristen aus dem Morgenland ahnen wahrscheinlich nicht, dass sie gerade ein Selfie von historischen Dimensionen für ihr Instagram-Konto knipsen: die entvölkerte Drosselgasse in Rüdesheim an einem Kaiserwettertag im Mai mit ihnen selbst als den einzigen menschlichen Wesen weit und breit. So verlassen war die Hauptschlagader des Rheingau-Tourismus in einem Mai vermutlich das letzte Mal bei Deutschlands Kapitulation 1945, und so fassungslos wie heute sind die Drosselgassenwirte wohl seit fünfundsiebzig Jahren nicht mehr gewesen. Am vergangenen Freitag durften sie ihre Lokale zum ersten Mal wieder öffnen, doch es herrschte Totenstille. Das Wochenende lief ein bisschen besser, der Wochenanfang war wieder so verheerend, dass man in Rüdesheim jetzt häufig auf der Straße hört: „Normal wird hier so schnell gar nichts mehr.“

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Blicken wir zurück in die alte Normalität: Die Drosselgasse ist bis vor wenigen Wochen der Inbegriff der deutschen Weinseligkeit in Permanenz und zugleich ein sehr lustiger Ort der globalisierten Spaßkultur gewesen. Ein halbes Dutzend Großgaststätten mit Hunderten dichtgedrängter Sitzplätze reiht sich an dem hundertvierundvierzig Meter langen Gässchen aneinander, in dem von früh bis spät Bands Remmidemmi-Humtata-Musik spielten, das Zigeunerjägerrahmschnitzel nur eine Handvoll Euro kostete und der Rheingau-Riesling so gewaltig strömte wie Vater Rhein vor der Tür. Singen, Tanzen, Schunkeln und als Höhepunkt eine Polonaise durchs Lokal, das ist die Quintessenz der Drosselgasse gewesen, und das gefiel vor allem Amerikanern und Asiaten so gut, dass Ausländer die Hälfte der Gäste stellten – viel mehr als überall sonst im Rheingau und in Deutschland.

          Pin-up-Girls im Weinwirtshaus

          Ihnen erfüllt Rüdesheim alle Kitschklischees eines Deutschlands, das aus nichts anderem als Zinnbierkrügen mit Preußenadler, Weißbiergläsern mit Loreleyfelsen und Gartenzwergen im Nikolauskostüm zu bestehen scheint. Die Butzenscheibenerker der Drosselgasse tragen Sinnsprüche wie: „Wer als Philister lebt auf Erden, kann auch im Himmel nicht selig werden.“ Ein Lokal zeigt auf einem geschnitzten Relief zwei Betrunkene, die an den Hauswänden Halt suchen, was mit dem Satz „Das Gässlein Gott sei Dank ist schmal“ quittiert wird. Und in einem anderen Weinwirtshaus steht unter dem halbzüchtigen Bildnis eines frühen Pin-up-Girls die epikureische Erkenntnis: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, bleibt ein Narr sein Leben lang.“

          Einsamer Lieferant in menschenleerer Drosselgasse: Dieser Anblick ist eine echte Rarität.
          Einsamer Lieferant in menschenleerer Drosselgasse: Dieser Anblick ist eine echte Rarität. : Bild: Frank Röth

          Doch jetzt gibt Corona den Takt vor, und das heißt: ein Gast pro fünf Quadratmeter Fläche, anderthalb Meter Abstand zwischen den Menschen, also die Reduzierung der Platzkapazität auf ein Fünftel, kein Gesang, kein Tanz, kein Schunkeln und schon gar keine Polonaise, dafür Desinfektionen allerorten. Die meisten Wirte haben ihren Bands abgesagt und stattdessen Alleinunterhalter engagiert, die gedämpfte Salonmusik am Keyboard spielen, stimmlos, was nicht gut für die Stimmung sein kann. Die Tische stehen so weit auseinander wie bei Klassenarbeiten in der Schule, die Speisekarten sind aus Sicherheitsgründen laminiert, Salz und Pfeffer gibt es nur noch abgepackt, und die Kellner erinnern mit ihrem Mundschutz an das Personal aus Operationssälen.

          Das Ende der Leichtigkeit des Lebens

          Unsere Lokale sehen jetzt aus wie Krankenhauskantinen“, sagt Sören Kunze, der Wirt des „Drosselhofs“ und Vorsitzende der Werbegemeinschaft rund um die Drosselgasse, die das touristische Herzstück Rüdesheims repräsentiert. Bis auf weiteres hat Kunze alle Hoffnung fahren lassen, weil Corona den Weinort nicht nur an einer, sondern an sämtlichen Fronten getroffen hat. Es gibt keine Busgruppen mit deutschen Zechern mehr und keine Flusskreuzfahrtschiffe voller Amerikaner, Japaner und Koreaner. Die Reiseveranstalter aus Übersee haben bis zum Jahresende fast alle Touren abgesagt, auch der überlebenswichtige Tourismus aus den Benelux-Ländern und Skandinavien ist komplett zum Erliegen gekommen, woran sich in nächster Zeit kaum etwas ändern wird. Und nur mit den Ausflugsgästen am Wochenende kann der Betrieb nicht einmal kostendeckend geführt werden. „Die Lufthansa“, echauffiert sich Kunze, „muss die Mittelsitze in ihren Flugzeugen jetzt doch nicht frei lassen, weil sie behauptet, sonst nicht wirtschaftlich fliegen zu können. Ich darf nur noch fünfzig statt zweihundertfünfzig Gäste bewirten, doch meine Wirtschaftlichkeit ist der Politik egal.“ Und wenn sechs Freunde zum Feiern kämen, müsse er sie streng nach Vorschrift an drei verschiedenen Tischen plazieren, das sei doch Irrsinn.

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