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Kykladen-Insel Donousa : Alles zu seiner Zeit

  • -Aktualisiert am

Wenn in ein paar Wochen die Touristensaison beginnt, werden die Menschen auf Donousa von früh bis spät strampeln müssen, um das Geld für das ganze Jahr zu verdienen. Bild: Richard Fraunberger

Auf Donousa, der abgelegensten Insel der Kleinen Kykladen, herrschen außerhalb der Touristensaison Einsamkeit und Stille. Doch es ist nicht die Ruhe vor dem Sturm. Es ist die Ruhe selbst.

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          Ein Großmütterchen sitzt in einer kleinen Bucht einer winzigen Insel, irgendwo zwischen Naxos und Amorgos, einsam an einer Hauswand und döst in der Sonne. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch, eine Schicht aus Pullovern und einen wollenen Rock. Sie hat die Hände im Schoß gefaltet und die Augen geschlossen. Es ist ein warmer Frühlingstag, endlich hat sich der Himmel geöffnet, kein Regen und keine Stürme mehr. Makellos blau sind Himmel und Meer. Fani Prasino stochert mit einem hölzernen Gehstock in der steinigen Erde und summt ein Lied. Zu ihren Füßen kauern Ziegen. Sie klettern auf Felsen, springen von Mauern, meckern in den Gassen und Büschen. Ziegen überall und Hühner und Katzen und weit und breit kein Mensch. Fani Prasino, achtundachtzig Jahre alt, ein halbes Leben lang verwitwet, Mutter von vier Kindern, Großmutter einer Schar von Enkeln, ist die letzte Bewohnerin Kalotaritissas, einer seit Jahren verlassenen Siedlung aus zehn schlichten Häusern im Norden der Insel Donousa, und nichts und niemand wird sie jemals von hier wegbringen, nicht ihre Kinder und auch nicht der Priester. Einmal in ihrem Leben war sie weit fort, in Athen, vor vielen Jahren. Ihre Tochter musste sie schnell wieder zurückbringen nach Kalotaritissa.

          Mit gebeugtem Rücken schleppt sie sich zum Stall. Die Füße schmerzen, ohne ihre zwei Stöcke kann sie kaum noch gehen. Doch Fani Prasino bleibt stur. Hier wurde sie geboren, hier wird sie sterben. Sie wohnt in einem kleinen Haus, darin ein Bett, ein Gaskocher, ein elektrischer Heizstrahler und ein Telefon. Sie putzt, wäscht, kocht, schlägt das Kreuz, gießt den Garten, füttert die Tiere, und wenn ihr danach ist, spricht sie mit Gott und den Ziegen. So vergehen die Tage. Oft kommen Verwandte, Freunde, alte Nachbarn und versorgen sie mit Brot, Gemüse und Nudeln. Und einmal im Monat kommt eigens der Priester und hält die Messe. Ein frugales, einsiedlerisches Leben in einem verlassenen Weiler, der wie aus der Zeit gefallen ist – so wie die ganze Insel.

          Hundertfünfzig Einwohner, dreihundert Katzen

          Einsam und windumtost ragt Donousa aus dem Meer. Sie ist die abgelegenste Insel der Kleinen Kykladen, ein karger, struppiger Felsen in der Ägäis, so klein, dass man ihn locker in zwei Stunden zu Fuß durchqueren kann. Ein Dorf, drei Weiler, hundertfünfzig Einwohner, dreihundert Katzen, eine Straße, ein Bankautomat, ein Arzt, ein Lebensmittelladen, ein Kaffeehaus, kein Bus, kein Taxi und erst recht keine Polizei: Das ist Donousa, jenseits der Touristensaison. Eine Welt in einfacher Ausführung, wie überhaupt alles auf der Insel von großer Einfachheit ist. Schon die Ankunft in Stavros, dem Hauptort und touristischen Epizentrum Donousas, in Wirklichkeit ein Dörflein, ist wie der Eintritt in ein Griechenland, von dem man glaubte, dass es längst gestorben sei. Keine ausladende Hafenpromenade mit Bars, Cafés und dem üblichen Dickicht aus Reklameschildern empfängt den Ankömmling. Am Hafen steht, fern des Zeitgeistes, ein schnörkelloses Kafepandopolio, eine Mischung aus Kaffeehaus und Tante-Emma-Laden, und sonst nichts. Die Bar und das Restaurant daneben erkennt man erst auf den zweiten Blick. Stavros ist so unaufdringlich wie seine Bewohner.

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