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Digital unterwegs : Die neue elektronische Echtheit

Der Weg in die weite Welt beginnt heute oft im digitalen Raum. Bild: Entwurf für die Rauminstallation „HAL“ von Martin Pudenz

Das Internet verändert das Reisen. Man vertraut auf Bewertungen anderer Nutzer, quartiert sich in Privatwohnungen ein, und tagsüber darf es auch etwas anderes sein als die übliche Sightseeingtour.

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          Vermutlich ist der Wunsch des Reisenden, sich von der vorgegebenen Route des Reiseführers zu lösen, so alt wie der Reiseführer selbst. „Miss Lucy!“, mahnt in E.M. Forsters Roman „Zimmer mit Aussicht“ die clevere Miss Lavish am Frühstückstisch, „ich hoffe, dass wir dich bald von diesem Baedeker emanzipieren können. Der berührt nicht mehr als die Oberfläche. Vom echten Italien wagt er nicht einmal zu träumen. Das echte Italien kann man nur durch geduldige Beobachtung entdecken.“ Es dauert nicht lange, da verirren sich die Damen - nicht beobachtend, sondern schwatzend - im florentinischen Gewühl des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, aber der enthusiastischen Miss Lavish bereitet das kein Kopfzerbrechen: „Zwei einsame Damen in einer unbekannten Stadt. Na, das nenne ich Abenteuer.“

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Man muss sich heute nicht gleich in den Gassen von Florenz verlaufen, um den ausgetretenen Pfaden zu entkommen, Emanzipation vom Baedeker versprechen auch zahlreiche Websites und Apps. Das Schlagwort „Social Travel“ bezeichnet eine Art zu reisen, die es ermöglichen soll, jenseits der touristischen Infrastruktur unterwegs zu sein und Land und Leuten auf Augenhöhe zu begegnen. Man quartiert sich lieber privat ein als im Hotel, man verlässt sich lieber auf die Tipps der Einheimischen als auf die des Reiseveranstalters. Man vertraut der Schwarmintelligenz. Und lässt sich nichts vorschreiben.

          GPS statt Karten mit Patentfaltung

          Das geht zum Beispiel so: ein weißer Pfeil auf grünem Grund auf dem Display des Smartphones, der das Ziel anpeilt, ohne den Weg vorzugeben. Vielleicht will man nicht direkt dorthin, sondern mit Schlenkern durchs Gassengewirr, Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis. Also immer dem Pfeil folgen, der unbeirrbar wie eine Kompassnadel zum Beispiel auf die Kirche Santa Croce deutet, die Miss Lucy ansteuert, egal, wie man sich dreht und wendet. Kartenlesen war gestern, heute gibt es GPS, das ist viel praktischer, und man muss keine Patentfaltung rekonstruieren können.

          Das Feature mit dem Pfeil heißt „Point me There“ und ist ein Bestandteil der mobilen App von Tripadvisor.de. Bekannt wurde das Unternehmen als Hotelplattform: Sechshunderttausend Unterkünfte, siebenhunderttausend Sehenswürdigkeiten, eine Million Restaurants sind dort verzeichnet. Wer einmal Gast war, schreibt gern eine Bewertung oder stellt ein Foto ein: So sieht das Frühstücksbüfett aus, wenn es nicht für den Hochglanzprospekt auf Üppigkeit gebürstet wurde, und so sauber sind die Fugen in der Dusche. Das Heer der Laienkritiker und ihre Urteile werden von den Unternehmen ihrerseits genau verfolgt. Auf die Bewertungen der Nutzer dürfen die Betreiber eine „Manager response“ geben, auf die der Bewerter aber nicht mehr antworten kann, um endlose Wortgefechte zu vermeiden. In größeren Häusern wird von dieser Funktion nahezu durchgängig Gebrauch gemacht - sachlich vorgebrachtes Feedback kann für Hotelbetreiber sehr nützlich sein.

          Nicht nur für Abenteurer und Luxusverächter

          Websites und Apps sind, zumindest was die Rahmendaten angeht, gedruckten Reiseführern in vielen Belangen überlegen. Sie sind mit größerer Wahrscheinlichkeit auf aktuellem Stand, die Nutzer dürfen mitreden, und pro Stadt werden mehr als nur die üblichen zehn Restaurants empfohlen. Im Grunde wird überhaupt nichts empfohlen, es wird bewertet, und was gut bewertet wird, wird gern besucht. Die Wahrscheinlichkeit, nicht in einer Touristenfalle zu landen, sondern dort, wo Einheimische essen gehen, steigt damit deutlich.

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