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Seattle : Die Züchtigung der barbusigen Sirene

Zukunftsstadt mit einem Wahrzeichen, das wie ein Retro-Raumschiff aus einer fernen Science-Fiction-Vergangenheit aussieht: Die Space Needle, die zur Weltausstellung 1962 errichtet wurde, dominiert bis heute die Skyline von Seattle. Bild: Imago

Marihuana ist legal, Sexshops sehen aus wie Drugstores, im Stadtrat sitzt eine Trotzkistin - und trotzdem ist Seattle die Walhalla des amerikanisch-puritanischen Turbokapitalismus. Wie passt das alles zusammen? Und warum funktioniert es so unverschämt gut?

          Der reichste Mensch der Welt wohnt unter der Brücke. Na gut, nicht ganz, aber fast. Wir konnten das selbst nicht glauben, bis wir in Downtown Seattle den Highway520 nahmen und den Lake Washington überquerten. Nach ein paar Minuten sahen wir an dessen östlichem Ufer gleich rechter Hand eine Handvoll hoher Bäume, hinter denen sich, so schwor es unser Fahrer Stein und Bein, das Haus von Bill Gates verbirgt. Dort unten, fragten wir ihn ungläubig, soll der Achtzig-Milliarden-Dollar-Mann wohnen, der Gründer von Microsoft und Wohltäter der Menschheit, so nah an der Autobahn, so dicht bedrängt von seinen Nachbarn, so ganz und gar nicht in einem megalomanisch-amerikanischen Prunkpalast von den Dimensionen eines Xanadus der Hybris? Kopfschüttelnd fuhren wir an Billys Heim vorbei, das natürlich kein Hexenhäuschen im finsteren Wald, sondern ein Hundertfünfzig-Millionen-Dollar-Anwesen mit sechstausend Quadratmeter Wohnfläche ist, und sollten bald ahnen, dass er gar nicht anders wohnen kann, weil der vornehmste Charakterzug seiner Heimatstadt Seattle ein vollkommen unamerikanischer ist: Understatement.

          Ikone des amerikanischen Kapitalismus: Boeing lässt seine zivilen Flugzeuge wie diese 737 in Seattle und seiner nächsten Umgebung fertigen.
          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Seattle könnte mächtig auf die Pauke hauen, tut es aber nicht. Keine andere Stadt in den Vereinigten Staaten ist liberaler, fortschrittlicher, gebildeter, toleranter, keine andere wächst schneller, und kaum eine andere beherbergt bei einer solch bescheidenen Größe von kaum siebenhunderttausend Einwohnern mehr Firmen von Weltrang - nicht nur Haudegen des amerikanischen Kapitalismus wie Microsoft, Boeing oder Starbucks, sondern auch Ikonen des Internetzeitalters wie Expedia oder Amazon, das gerade im Stadtzentrum ein neues Hauptquartier in Form gläserner Sphären baut und siebzehntausend Leute sucht, möglichst sofort. Ohne sich brüllend auf die Brust zu schlagen, durchlebt Seattle seine Metamorphose zum Maschinenraum des einundzwanzigsten Jahrhunderts und übernimmt dabei die Rolle alter Industriemetropolen wie Detroit, die man ohne Wimpernzucken zugrunde gehen lässt, weil das Prinzip des Werdens und Vergehens in Amerika auch für Städte gilt. Und so erlebten wir hier eine grundgesunde Unsentimentalität, von der wir Deutschen, die wir beim Sterben jedes mausgrauen Kolchose-Kaffs in Mecklenburg sofort den Untergang des Abendlandes herbeischreien, eine gute Portion vertragen könnten.

          Geist statt Geld

          Doch Seattle ist eine gelassene Stadt geblieben, trotz des Booms. In Downtown erinnert wenig an die nervöse Aufbruchs- und Abrissstimmung asiatischer Metropolen. Das Zentrum teilen sich ein paar nicht sonderlich spektakuläre, auf jede Form präpotenter Angeberei verzichtende Hochhäuser mit den jugendstilistisch verspielten Backsteinwolkenkratzern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Dazwischen ist immer genug Platz für Gebäude, die dem Geist, nicht dem Geld Obdach geben - für eine öffentliche Bücherei in Gestalt eines postmodern dekonstruierten Glaskubus, für ein Kunstmuseum mit einem „Hammering Man“ von Jonathan Borofsky davor, für die Philharmonie mit ihrem Gedenkgarten, in dem die gefallenen Söhne der Stadt vom Zweiten Weltkrieg bis Afghanistan mit einem Zitat Platos geehrt werden: „Der Mensch ist nicht für sich allein geschaffen.“

          Kunststadt: Jonathan Borofskys „Hammering Man“ im Zentrum von Seattle.

          Dass er in Seattle längst nicht mehr so allein ist wie früher, merkt man spätestens im apokalyptischen Berufsverkehr. Die am schnellsten wachsende Stadt Amerikas hat inzwischen die viertschlimmsten Staus des Landes, was die Menschen indes wie altgriechische Stoiker ertragen, weil sie ansonsten mit einer fast schon frivolen Lebensqualität entschädigt werden. Seattle thront auf sieben Hügeln zwischen dem Lake Washington und dem Puget Sound, dessen Buchten sich wie die Arme eines urzeitlichen Riesenkraken tief ins Land schlängeln, schaut im Südosten auf den 4392 Meter hohen Mount Rainier, der sich wie ein Haustür-Kilimandscharo aus der Ebene erhebt, und im Westen nicht nur auf die Olympic Mountains, sondern auch mitten in die schönsten Sonnenuntergänge aller amerikanischen Großstädte hinein.

          Der Liebe Gott macht drei Kreuze

          Das Blau von Sund und See, das Grün der Kiefern und Ahornbäume sind die Farben Seattles, das sich selbst „Smaragdstadt“ nennt und so dicht von prachtvoller Natur umzingelt ist, dass seine Einwohner gar nicht anders können, als sich in ihr auszutoben - und das nicht zu ihrem Schaden: So wenig Fettleibigkeit wie hier haben wir kaum irgendwo sonst in Amerika gesehen, dafür selbst in der Innenstadt Massen von Joggern und Rennradfahrern, die sich nicht nur über ein anständiges Radwegenetz, sondern auch bei den städtischen Bussen über eine Halterung für den Radtransport freuen können. Und spätestens als wir pausenlos Polizeipatrouillen auf Fahrrädern begegneten, wussten wir, das Seattles Credo, der Fortschrittsglaube, kein leeres Versprechen ist.

          Kein einziger Republikaner hat die Stadt seit bald fünfzig Jahren regiert, deren demokratischer Bürgermeister Ed Murray ein bekennender Schwuler ist und in deren Stadtrat die Radikalmarxistin Kshama Sawant von der trotzkistischen Sektierertruppe „Socialist Alternative“ sitzt - so etwas gibt es nirgendwo sonst in Gottes eigenem Land, der sich beim Blick auf diese Stadt ohnehin dreimal bekreuzigen dürfte. In Seattle liegt der Mindestlohn dank der Arbeiter-und-Bauern-Aktivistin Sawant seit vergangenem Jahr doppelt so hoch wie im Rest Amerikas, und von nächstem Jahr an sollen Waffenkäufe extra besteuert werden, um mit den Einnahmen Propaganda gegen die amerikanische Schießwut zu machen. Seattle hat nicht nur eine der höchsten Alphabetisierungsraten und eine der geringsten Kirchgängerquoten in Amerika, sondern auch die meisten gleichgeschlechtlichen Ehen. Dass der Bundesstaat Washington der erste in Amerika war, der Marihuana legalisierte, versteht sich fast schon von selbst.

          Das stolze Eiffeltürmchen der Stadt

          Seattles liberale Seele wohnt in Vierteln wie Lower Queen Anne, die sich die Boheme und ein Bürgertum jenseits jedes Spießigkeitsverdachts friedlich teilen, um in der Kulisse adretter Backsteingebäude aus der ersten Boomzeit der Stadt ihren kanonisierten Nonkonformismus zu zelebrieren. Hier baumeln an den Rückspiegeln der Volvo-Kombis die Guy-Fawkes-Masken der Occupy-Bewegung, während an den Laternenmasten zu Demonstrationen gegen weiße Polizeiwillkür aufgerufen wird. Hier gibt es Yoga-Center, Shisha-Shops, Tattoo-Studios, Esoterikläden, Geschäfte mit tibetischem Krimskrams, Vintage-Mode an jeder Ecke und antiquarische Buchhandlungen, in denen die Verkäufer ihre Babys ins Tragetuch wickeln und mit politisch herzlich unkorrekten Plakaten im Schaufenster die Trinker unter den Dichtern ehren - Joyce, Hemingway, Kerouac, Bukowski, Faulkner, Fitzgerald, Thompson, Dorothee Parker, hoppla, da kommt doch eine ganze Menge zusammen.

          So etwas nennt man Lebensqualität: Seattle ist umzingelt von Natur, am spektakulärsten vom Vulkan Mount Rainier.

          Gleich nebenan widersetzt sich das Gelände der Weltausstellung von 1962 wie ein Irrläufer der Geschichte hartnäckig allen Veränderungen, überragt von der Space Needle, Seattles Eiffeltürmchen, die aussieht wie eine Requisite aus einem altmodischen Science-Fiction-Film. Sie stammt aus einer Zeit, als von Expos noch mehr als nur Schulden und ein schaler Geschmack übrig blieben. Und so hat sich Seattle hier zwischen Picknickwiesen und Springbrunnen, Theatern und Auditorien in einer herrlich wagemutigen, auf alle langweilige Funktionalität pfeifenden Architektur eine entspannte, wie aus der Zeit gefallene Campusatmosphäre bewahrt. Selbst das kreischbunte Musikmuseum, das Frank Gehry mit seinen typischen wallenden Wänden in den Park gestellt hat, beansprucht ausnahmsweise nicht die ästhetische Vormachtstellung, sondern passt sich beinahe kleinlaut in dieses egalitäre Ensemble ein. In seinem Inneren allerdings feiert Seattle mit gebotener Lautstärke ein Hochamt seiner eigenen Liberalität und bisweilen auch Libertinage, indem es seine beiden berühmtesten Söhne der Freigeistigkeit in den Rang von Ikonen erhebt: die jeweils früh verstorbenen, schwer drogensüchtigen, keinem Exzess abgeneigten Rockmusiker Jimi Hendrix und Kurt Cobain.

          Brustwarzenpeiniger über den Schamlippenzwicker

          Doch der freie Geist des Nonkonformismus ist in Gefahr, weil Seattle von seinem eigenen Erfolg überrollt wird. Am deutlichsten wird das in Capitol Hill, dem angestammten Quartier der Schwulen und Lesben, in dem selbst die Zebrastreifen die Farben des Regenbogens tragen, der Nationalflagge aller Homosexuellen. Block für Block wird das Viertel von den hochbezahlten Angestelltenarmeen Amazons gekapert, die in aberwitzig teure Neubauten einziehen und sich ihre Innenausstattung in Designerläden mit Juwelierspreisen besorgen. Noch aber hält sich hier wacker ein San Francisco zwar en miniature, dafür aber ganz ohne Touristenhorden. In den Secondhandläden gibt es Vinylplatten, in den Seitenstraßen Lederschwulensaunas, an den Kneipentüren Warnschilder, die Sexisten, Rassisten und Transsexuellenhassern den Zutritt verwehren. Und warum die Trödler ein breites Angebot sowjetischer Gasmasken bereithalten, begriffen wir nach langem Grübeln erst in den Sadomaso-Abteilungen der so reinlich und freundlich wie Drugstores geführten Sexshops: Was es hier an Apparaturen zur schmerzvollen Luststeigerung vom Brustwarzenpeiniger über den Schamlippenzwicker bis zur neunschwänzigen Züchtigungskatze gibt, übersteigt unsere einfältige erotische Phantasie eklatant.

          Freiheit bedeutet in Amerika immer auch die Freiheit des Scheiterns. Deswegen hat Seattles Liberalität ebenso wenig mit Solidarität zu tun wie seine Fortschrittlichkeit mit Brüderlichkeit. Und deswegen begegneten uns in Lower Queen Anne, Capitol Hill oder Downtown Heerscharen von Elendsgestalten, ein erschreckendes Panoptikum der Gescheiterten aus Bettlern, Obdachlosen, Drogensüchtigen, aus Korea-Veteranen im Rollstuhl mit Parkinson, Vietnam-Veteranen im Schneidersitz mit Schnapsfahne, einbeinigen buddhistischen Bettelmönchen, verzweifelten Kleinfamilien im Windfang und Menschenwracks in jedem Stadium des Verfalls, die sich ihr Hirn wahlweise weggesoffen, weggeschnupft oder weggeschnüffelt haben. Am schlimmsten dran sind die psychisch Kranken, die sich irrtümlich für den lieben Gott halten, mit einem Papagei auf der Schulter wie pensionierte Piraten durch die Straßen streunen oder mit heruntergelassener Hose Hochhäuser anbeten.

          Pensionierter Pirat mit Papagei auf der Schulter

          So hilflos, so hilfsbedürftig sind diese Menschen, dass wir zartbesaiteten Europäer schaudernd dachten, ein funktionierendes Gesundheitssystem sei doch keine so üble Sache. Gleichzeitig aber spürten wir, dass gerade die Mitleidlosigkeit der Amerikaner die Stärke ihrer Gesellschaft ist, dass sich dieses Land niemals mit einer solchen Rührseligkeit um eine Million Flüchtlinge kümmern würde wie wir, weil es seine Kraft lieber zum eigenen Wohl und Nutzen einsetzt. Und wenn es doch altruistisch wird, haben diese Verlierer kaum etwas davon. Denn selbst die Bill & Melinda Gates Foundation, die reichste Privatstiftung der Welt, investiert ihr Geld lieber in afrikanische Impfprogramme als in die Penner vor ihrer Tür in Seattle.

          Ich nehme alles: verführerisch leuchtende Krabben auf dem Pike Place Market.

          Das Epizentrum dieser Diskrepanzen ist das Viertel Pioneer Square am östlichen Rand der Innenstadt, die Keimzelle der Stadt. Hier drängt sich alles zusammen, Backsteinhäuserruinen und Stadionneubauten, Brachen und Großbaustellen, Obdachlosenlager und Szenerestaurants, ehrwürdige Plätze mit Efeufassaden und Platanenreihen, an deren einem Ende das Glas Wein zwölf Dollar kostet und an deren anderem Ende der komplette Hausstand im Einkaufswagen eines Bettlers noch nicht einmal einen Zehner einbringen würde. Hier begann vor lächerlichen hundertvierundsechzig Jahren die Geschichte der Stadt, die in einem kleinen Museum nacherzählt wird - ein großes braucht man bei dieser Lebensspanne ja nicht: Eine zarte Pflanze war das 1851 gegründete Seattle, als es 1889 bei einem Großbrand fast völlig zerstört wurde, eine Stadt ohne Hoffnung, als Amerika 1893 im Würgegriff der Depression nach dem Zusammenbruch der Wall Street beinahe erstickte, und ein Märchenort der wundersamen Errettung, als 1896 am Klondike River hoch im Norden das größte zusammenhängende Goldvorkommen der Menschheitsgeschichte gefunden wurde. Seattle wuchs in Windeseile als Dreh- und Angelpunkt des Goldrausches zu einer stattlichen Frontstadt heran, sah hunderttausend Menschen zum Klondike aufbrechen, von denen vierzigtausend ankamen, dreihundert reich wurden und fünfzig es blieben.

          Meeresungeheuer für Feinschmecker

          Auch Seattle ist es geblieben und hat sogar den verderblichsten Glanz dieser rauschhaften Jahre vor dem Vergessen bewahrt: den 1907 gegründeten Pike Place Market, den ältesten durchgehend bewirtschafteten Erzeugermarkt der Vereinigten Staaten, der auf seine Weise ein Fanal von Seattles Fortschrittlichkeit ist. Denn seit dem ersten Tag lautet sein ökologisch-biologisches Motto „Meet the Producer“, eine Idee der reinsten Vernunft, die sich im restlichen Amerika erst jetzt allmählich durchsetzt. So steht es seit mehr als hundert Jahren an der Fassade des Hauptgebäudes, so ist es bis heute geblieben, auch wenn Pike Place inzwischen eine turbulente Mischung aus Touristenattraktion, Souvenirsupermarkt, Feinschmeckerfundgrube, Speisekammer der lokalen Spitzenköche und Wallfahrtsstätte aller Starbucks-Gläubigen ist, weil hier 1971 das erste aller Kaffeegeschäfte eröffnet wurde - und noch immer das ursprüngliche Logo zu sehen ist, bei dem die Sirene ihre prallen Brüste keck dem Betrachter entgegenreckt, anstatt sie - ein Tribut an die globale Expansion - mit ihrem Haar politisch korrekt zu bedecken.

          Die Produzenten sind mit allem vertreten, was uns die Tränen der Freude und des Glücks in die Augen treibt: An den Obstständen stapeln sich duftende Trüffelknollen, faustgroßer Elefantenknoblauch und kunterbunte Babykartoffeln, die wie ein Sack Murmeln aussehen. An den Fischständen türmen sich Hummer und Jakobsmuscheln, Königslachse und Königskrabben, die so furchteinflößend groß wie Meeresungeheuer sind. Ein Käsemacher rührt in einer gewaltigen Wanne hinter seiner Schaufensterscheibe tonnenweise Molke an, ein ehemaliger Französischlehrer lässt sein Sauerkraut in Eichenfässern reifen und ein ausgewanderter Metzger aus Mannheim die Amerikaner von Europas Schätzen naschen, von Thüringern und Nürnbergern, Chorizo und Andouille, Merguez und Kolbász.

          Die endgültige Überwindung der Prohibition

          In vielen amerikanischen Städten sind solche Erzeugermärkte einsame Leuchttürme im Schreckenstal der kulinarischen Finsternis. In Seattle aber ist der Pike Place Market die Spitze des Eisbergs. Wir hatten es schon geahnt, nachdem wir in der Innenstadt noch nicht einmal eine Handvoll Fastfood-Stinkebuden gesehen hatten: Diese Stadt isst leidenschaftlich gerne gut und bestätigt das mit riesigen Feinkostsupermärkten wie den Metropolitan Markets, in denen es Matsutake-Pilze, Yucca-Wurzeln, Idiazabal-Käse und Hunderte Sorten Bier bis hin zur Berliner Weißen mit Passionsfruchtaroma aus Oregon gibt; oder mit Lokalen wie den drei Taylor Oyster Bars, die vom größten Austernproduzenten Amerikas betrieben werden. Jeden Tag kommt eine frische Lieferung Rocky Bay Pacific, Virginica, Kumamoto oder Shigoku direkt aus dem Puget Sound in die Restaurants. Und diese Austern schmecken so sensationell gut nach der reinen Seele des Meeres, dass wir sie mit nichts anderem als zwei Tropfen Zitrone verschlangen - um Himmels willen bloß keine Kleisterketchupsauce wie in Louisiana - und ein ums andere Mal haarscharf an einer Eiweißvergiftung vorbeischrammten.

          Ein letzter Blick zurück in Wehmut: Seattle von seiner schönsten Seite.

          Überall dort, wo gut gegessen wird, ist der Wein nicht weit. In Seattle sind es dreißig Minuten. So lange brauchten wir von der Innenstadt zum Vorort Woodinville, der schon halb in den Wäldern liegt, einen Logenblick auf den Mount Rainier genießt und Dutzende von Weingütern beherbergt. Der Wein selbst kommt allerdings aus dem östlichen Teil des zweigeteilten Bundesstaates. Das feuchte, verregnete, nebelverhangene Washington, das wir oft für das einzige halten, ist nur die Region westlich der Cascade Range. Östlich davon ist der Staat staubtrocken, schwitzt sich im Sommer halb zu Tode, um im Winter bitterlich zu frieren - zusammen mit dem Basaltboden ideale Voraussetzung für den Weinbau, der in Washington genauso unfassbar jung ist wie alles andere: 1972 lautet sein Geburtsjahr. Niemand ahnte damals, was für ein kräftiges Kind da heranwachsen sollte, unablässig genährt vom Wissensdurst der Amerikaner, die sich seit wenigen Jahren erst zu einer Weintrinkernation wandeln und mit achtzigjähriger Verspätung die Schrecken der Prohibition endgültig überwinden. Sie haben es geschafft: Heute wird in allen fünfzig amerikanischen Bundesstaaten Wein angebaut und allein in Washington eine Fläche von 68000 Hektar von mehr als achthundert Weingütern bewirtschaftet. Die meisten sind indes das Spielzeug reicher Menschen aus Seattle, die etwas Sinn- und Lustvolleres tun wollen, als Golf zu spielen, und sich die Expertise - darunter von deutschen Winzersuperstars wie Armin Diel oder Ernst Loosen - mit ihrem vielen Geld einkaufen.

          Milliardäre bei der Küchenarbeit

          John Bigelow hingegen setzte alles auf eine Karte, als er vor siebzehn Jahren seinen Job in der Computerbranche schmiss, um Winzer zu werden. Mittlerweile produziert dieser grundsympathische, kreuzfidele Selbstverwirklicher sechzigtausend Flaschen im Jahr, lässt die gesamte Ernte von Hand lesen und die Trauben mit den Füßen zerstampfen, verkauft ausschließlich ab Hof, beliefert vorzugsweise die tausendzweihundert treuen Mitglieder seines Weinclubs und keltert spektakuläre Rotweine, die er in französischer und kaukasischer Eiche reifen und uns jetzt in seinem Keller kosten lässt. Voluminöse Burschen mit dunkel dräuenden Waldbeerenaromen sind das, die ihre Kraft aber mit der Finesse eines Floretts einsetzen, wunderbar barocke Weine, die den kalifornischen Wuchtbrummen locker das Wasser reichen können.

          In John Bigelows Probierstube, die an eine Mischung aus Holzfällerhütte und Westernsaloon erinnert, ist vor allem am Wochenende die Hölle los. Dann müssen auch Mike und Jacklyn beim Gläseraufräumen mithelfen, die sich John jüngst als stille Partner ins Boot geholt hat. Ihren Nachnamen nennen sie lieber nicht auf dem Schildchen am Revers, das würde nur den Betrieb aufhalten. Bezos lautet er, genauso wie der des Amazon-Gründers und drittreichsten Amerikaners, derzeit an die fünfzig Milliarden Dollar schwer. Er ist ihr Sohn. Aber das muss man ja nicht herausposaunen in dieser Stadt des Understatements.

          Freier Geist und feine Küche

          Anreise: Neben Lufthansa fliegt auch United Airlines (www.united.com) über Chicago oder Washington nach Seattle. Die Preise in der Economy Class beginnen bei 770 Euro und in der Business Class bei 4150 Euro. Touristen ohne Visum müssen sich vor der Reise auf der Website https://esta.cbp.dhs.gov/esta/ registrieren lassen.

          Adressen: Taylor Oyster Bars, drei Filialen in Seattle, Adressen und Öffnungszeiten online unter www.tayloroysterbars.com; JM Cellars, 4404 137th Pl NE, Woodinville, Telefon: 001/425/ 4856508, www.jmcellars.com. Verschiedene Anbieter haben geführte Weintouren nach Woodinville im Programm, Termine, Preise und weitere Informationen über die Weingüter gibt es unter woodinvillewinecountry.com.

          Unterkunft: Fairmont Olympic Hotel, 411 University St, Telefon: 001/206/ 6211700, www.fairmont.com/seattle; das zentral gelegene Haus wurde 1924 eröffnet und steht auf der Liste der „Historic Places“ in den Vereinigten Staaten.

          Informationen: Visit Seattle, Telefon: 089/689063843, info@visitseattle.de, www.visitseattle.de.

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