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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Über Stock, Stein und Brücken: Wäldchen bei Plötzkau Bild: Freddy Langer

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus: Mit Wilhelm Müller als Cicerone durch die eisstarre Landschaft von Sachsen-Anhalt.

          16 Min.

          Natürlich gibt es Geister! Wer soll denn sonst dahinterstecken, wenn uns seltsame Botschaften erreichen? Wenn Schilder zu wackeln beginnen, Bücher aus Regalen fallen, Gegenstände über Tische rücken. Das sind eindeutig Nachrichten, auch wenn sie nicht immer so eindeutig zu entziffern sind wie der Hinweis, den ich dieser Tage auf halbem Weg zwischen Reinstedt und Badeborn aus dem Jenseits empfangen habe.

          Sehnsucht im Blick: das Wilhelm-Müller-Denkmal in Dessau
          Sehnsucht im Blick: das Wilhelm-Müller-Denkmal in Dessau : Bild: Freddy Langer
          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Völlig überflüssigerweise, und schon deshalb ganz offensichtlich von höheren Mächten gesteuert, hatte ich im eisigen Wind, der ungehindert über die platte Ackerlandschaft jagte und die Windräder am Horizont ganz ordentlich in Schwung brachte, die Wanderkarte aus der Hosentasche gezogen. Der Weg führte einfach nur geradeaus, und ich kann beim besten Willen nicht sagen, was ich hätte nachschauen wollen. Kaum jedenfalls hatte ich die Karte aufgeschlagen, eine der schönen neuen Kompasskarten aus vermeintlich reißfestem Material, griff eine Böe nach ihr und zerfetzte sie erst exakt entlang dem Falz und dann weiter mit der zittrigen Linie eines Blitzes - mitten durch meine geplante Route und dort wiederum mitten durch ein Wort, so dass nun „Seweckenwa“ auf dem einen Stück Karte stand und „rte“ auf dem anderen. Weit war es nicht mehr dorthin. Ein paar Kilometer nur.

          Die kalten Winde bliesen

          „Das ist der Turm, oben auf dem Berg, gleich rechts um die LPG herum, über der Gersdorfer Burg“, erklärten mir wenig später die Männer, die morgens um halb zwölf in Badeborn im Getränkemarkt neben der wohl für immer geschlossenen Landgaststätte „Zum Goldenen Hufeisen“ beieinanderstanden, Bier tranken und sich angeregt unterhielten, über das Wetter, über den Wind, der dieser Tage mit hundertsechzig Kilometern in der Stunde über den Brocken gepfiffen war, und über die Einkaufsgewohnheiten von Silke, die draußen gerade Bierflaschen und einen Limonadekasten aus dem Kofferraum wuchtete, während aus ihrem Auto so laut Volksmusik dröhnte, dass man es noch in Reinstedt gehört haben muss. Die drei Männer plauderten unbeschwert und machten einen solch geselligen Eindruck, dass ich beschloss mitzutrinken. Allerdings nur eine Cola. Und in dem Moment, da ich den Kronkorken von der Flasche gehebelt hatte, verstummte das Gespräch. Mist, dachte ich, falsches Getränk. Aber nun war es zu spät. Kaum einer der Männer sagte noch ein Wort, bis ich den Laden verließ.

          „Es ist ein Umweg“, verabschiedeten sie mich. „Bequemer ist es um den Berg herum.“ Und weil sich der Himmel mittlerweile noch weiter verdüstert hatte, der Wind noch stärker geworden war und Regen sich wieder einmal ankündigte, beschloss ich, dem Radweg zu folgen, statt die Anhöhe der Seweckenberge hinaufzusteigen, und war auch schon ein gutes Stück des Wegs gegangen, als über mir mit einem Mal der Turm zum Vorschein kam. Nur ein helles Viereck hinter Bäumen. Angestrahlt von der niedrig stehenden Wintersonne, die zwischen einem Ausläufer des Harzes und dem Schwarz des tiefhängenden Himmels hindurchblinzelte. Der Turm war nicht sonderlich hoch. Auch nicht sonderlich attraktiv. Fensterlos offenbar. Und es hatten ja im Ort nicht einmal Schilder darauf hingewiesen. Zum Brocken ja, solch eine Tafel hatte es gegeben. Fünfundsechzig Kilometer stand darauf. Die Seweckenwarte aber schien der Gemeinde keiner Werbung würdig. Da spannte sich ein Regenbogen über das Firmament und über die langgezogene Anhöhe. Gespenstisch schön. Eines der Enden landete genau auf dem Turm. Auch Geister klingeln offenbar immer ein zweites Mal. Nun war’s entschieden. Ich stieg den Hang hinauf.

          Gefrorene Tropfen fallen

          Der Turm ist wirklich nicht hoch. Ein paar Umdrehungen nimmt die Wendeltreppe durch das fensterlose Gemäuer. Dann steht man auf der Aussichtsplattform. Knapp über den Baumwipfeln. Und damit hoch genug, dass die Elemente ungehindert darüber hinwegfegen können. Der Sturm riss mir augenblicklich die Kapuze vom Kopf, wickelte mir den Schal vom Hals, und es war ein Wunder, dass ich noch rechtzeitig nach der Wollmütze greifen konnte. Ich hielt mich an der Brüstung fest, um nicht umzukippen. Die Aussicht war grandios.

          Einsamer Gesell am Wegesrand
          Einsamer Gesell am Wegesrand : Bild: Freddy Langer

          Weit zurück lag Aschersleben. Da war ich hergekommen. Über dem Harz hatte sich mittlerweile eine Regenwand aufgebaut. Grau und undurchdringlich wie eine Mauer. Und in der Senke weit voraus schoben sich die spitzen Doppeltürme der gotischen Pfarrkirche St. Nikolai und die wuchtigen Doppeltürme der romanischen Stiftskirche St. Servatius aus Quedlinburgs mittelalterlichem Gedränge. Es war ein Bild zum Verlieben. So schön, wie ich es mir die ganze Wanderung über gewünscht und allemal von Bernburg und Plötzkau auch erwartet hatte, kleinen Orten, um einen Hügel herum gebaut, auf dem jeweils ein Schloss thront. Aber bis ich dort ankam, war es einmal stockfinstere Nacht gewesen. Das andere Mal versperrte mir der Wald die Sicht. Und ausgerechnet ein Ort, der im Tale liegt, würde mir nun den Rest des Weges weisen. Tränen liefen mir über die Wangen. Aber das lag natürlich am Wind, der mir ins Gesicht brüllte, mit einer solchen Eiseskälte, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn die Tränen als gefrorene Kügelchen hinabgefallen wären.

          Sind wir selber Götter

          Eine Stunde würde es noch bis Quedlinburg sein, allerhöchstens zwei. Ich band die Kapuze ein wenig enger zu und dachte: „Lustig in die Welt hinein, gegen Wind und Wetter!“ Dann schaute ich ein letztes Mal über das weite Land, ließ mich mit ausgebreiteten Armen in den Sturm fallen und brachte das Gedicht zu Ende: „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter.“ Natürlich dachte ich das nur, weil Wilhelm Müller es mir ins Ohr flüsterte. Er war es vermutlich auch, der mir die Nachricht aus dem Jenseits übermittelt hatte. Die SMS meiner Freundin Sylvia war ungleich prosaischer: „Kann mir so richtig gut vorstellen, wie Sie in der Kälte da draußen kämpfen so allein. Gibt Lustigeres!“

          Wilhelm Müller ist in Dessau zur Welt gekommen, im Oktober 1794, und dort ist er dreiunddreißig Jahre später auch gestorben. Glücklich war er in Dessau nicht. Er schielte nach Berlin, wo er studiert hatte. Und lange Zeit hoffte er auf eine Anstellung in Dresden. Aber er kam nicht fort von Dessau, wo er zunächst am Gymnasium unterrichtete und später als Herzoglicher Bibliothekar gearbeitet hat. Er saß fest. Vielleicht unternahm er deshalb die vielen Reisen? Nach Wien, nach Rom, an den Rhein und auch sonst kreuz und quer durch Deutschland. Als kleine Fluchten auf Zeit. Vielleicht schrieb er auch deshalb die vielen Gedichte übers Wandern, Gedichte, die er als „Lieder“ bezeichnete, obwohl sie erst später und von anderen vertont worden sind. Das zweifellos berühmteste: „Das Wandern ist des Müllers Lust.“ Nicht etwa ein Spiel mit seinem Namen, sondern Teil einer kleinen Aufführung um einen unglücklich verliebten Müllersburschen, den die schöne Müllerin verschmäht und der sich deshalb ertränkt - oder wie möchte man des Baches „Leichenred im nassen Ton“ sonst interpretieren? Fast ebenso bekannt: „Der Lindenbaum“, der mit der schönen Zeile beginnt: „Am Brunnen vor dem Tore.“

          Die Blumen sind erstorben

          Heute wird Wilhelm Müller gemeinhin als ein Romantiker der zweiten Garnitur betrachtet. Zu Lebzeiten war das anders. Da hat man ihn geachtet und seine Gedichte gelesen. „Es drängt mich sehr, Ihnen zu sagen, dass ich keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe wie Sie“, schrieb ihm der drei Jahre jüngere Heinrich Heine 1826 aus Hamburg. Darf man der Musikwissenschaft glauben, wurden von den 783 überlieferten Müller-Gedichten 123 vertont - von insgesamt 241 Komponisten, darunter Johannes Brahms, Felix Draeseke, Fanny Hensel, Max Reger und Wilhelm Taubert. Den größten Ruhm aber erntete mit seiner musikalischen Bearbeitung Franz Schubert. Postum. Für beide. Schubert war durch bloßen Zufall in dem Almanach „Urania, Taschenbuch auf das Jahr 1823“ auf Müllers Gedichte gestoßen und entriss sie mit seiner Komposition auf ewig dem Vergessenwerden, wenngleich darüber bisweilen der Dichter selbst in Vergessenheit geriet. Begegnet sind sich die beiden Männer nie. Und bis der Wiener Verleger Tobias Haslinger die Noten der „Winterreise“ am 31. Dezember 1828 vollständig in zwei Heften veröffentlicht hatte, war Schubert seit sechs Wochen tot - und Wilhelm Müller gut ein Jahr.

          So soll es sein: Der Kirchturm überragt das Dorf
          So soll es sein: Der Kirchturm überragt das Dorf : Bild: Freddy Langer

          Ich hatte die „Winterreise“ im Kopf, als ich mich auf den Weg von Dessau nach Quedlinburg machte. Wilhelm Müller sollte mein Cicerone durch eine abweisende, eisstarre Welt werden, in der die Blumen erstorben sind und der Rasen blass aussieht, und ich wollte die Wege vermeiden, wo die andern Wand’rer geh’n, getrieben von einem törichten Verlangen in die Wüstenei’n. Den Takt der Schritte würden Schuberts Melodien vorgeben. Was nicht immer einfach ist, denn etliche der Lieder nehmen unerwartete Wendungen. Kaum, dass sich für einen Moment die Grundstimmung durch einen Wechsel von Moll nach Dur aufhellt, erweist sich das frohe Gefühl gleich darauf als bloße Illusion. Dann folgen sogar Intervalle, die von der Musikkritik bisweilen als „unsanglich“ bezeichnet werden. Da fühlt sich die Figur des Wanderers dann besonders unwohl in dieser Fremde. „Nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee“, singt er, oder: „Auf einen Totenacker, hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich einkehren, hab’ ich bei mir gedacht.“

          Das nenn' ich einen Morgen

          Es war acht Uhr morgens, als ich am Ausflugslokal „Kornhaus“ stand. Hier, am Stadtrand von Dessau, sollte die Wanderung beginnen, meine Winterreise. Gegen den Hintergrund der Elbe sah das Gebäude aus wie ein Schiff, und die Schwippbögen in den Fenstern, die traditionelle Weihnachtsdekoration aus dem Erzgebirge, deuteten die Räder eines Schaufelraddampfers an. Der Himmel über dem Fluss war rot von den Feuerflammen der aufgehenden Sonne. Als ich meinen Rucksack abnahm und gegen die Hauswand lehnte, stoben nervös Krähen aus dem Baum gegenüber. Das geht ja gut los, dachte ich. Aber keines der wunderlichen Tiere folgte mir aus der Stadt und zog für und für um mein Haupt.

          Ruhig wie ein See breitet die Elbe sich hinter Dessau in einer Landschaft aus, in der das Gartenreich von Wörlitz fast unmerklich in die Wildnis eines alten Waldes übergeht, mit dichtem Unterholz und umgestürzten Stämmen, auf denen sich Pilze niedergelassen haben und aus denen zart Bäumchen sprießen. Das eine ist Unesco- Weltkulturerbe, das andere Biospärenreservat. Das platt getretene Herbstlaub wirkte wie ein ausgerollter Teppich, dem Ahorn und Eichen, Linden und Buchen mit den unterschiedlichen Farben und Formen ihrer Blätter ein bezauberndes Muster webten. Das Gras war von Reif überzogen. Und die nackten Bäume streckten ihre krakeligen Äste in den trüben Tag. Nur die Signale für die Binnenschiffer, die wie Totems aus dem Ufersaum ragten, zeugten von einer Art Kultur, von der Verabredung, Regeln zu befolgen, die sich hinter den grünen Rauten und gelben Kreuzen verbergen, deren Sinn mir aber gänzlich unverständlich blieb. Es fuhr auch kaum ein Schiff. Nur ein einziger Frachter. Lang, flach, leer. Niemand schien auf der Brücke zu stehen. Niemand winkte.

          Komm her zu mir, Geselle

          Erst kam der Hagel. Lustig hüpften die Körner über den Weg. Dann kam Graupel. Und die Schafe irgendwo hinter einem Zaun in diesem welligen Grasland, dieser Endmoränenlandschaft, so darf man vermuten, rückten dicht zusammen. Entlang der Elbe waren hier kleine Buchten mit weißem Sand. Herrliche Strände, und ich erinnerte mich, dass jemand mit Filzstift „FKK“ auf die Wanderkarte vor dem „Kornhaus“ gekritzelt hatte. Daran war jetzt natürlich nicht zu denken. Dann begann es zu regnen. In Strömen. Der romantisch veranlagte Laie fragt sich in solchen Fällen, ob das alles eigentlich jeweils aus verschiedenen Wolken stammt oder ob sich die Tropfen und Flocken erst auf ihrem Weg vom Himmel herab entscheiden, in welcher Form sie am Boden ankommen wollen. Ich hingegen fragte mich bloß, wo ich jetzt eine heiße Schokolade bekäme. Eigentlich hatte ich Aken meiden wollen, den nächsten Ort. Stattdessen trug ich meine Frage dort in einem Blumenladen vor. „Die Straße runter, zwei Kilometer“, sagte eine der Verkäuferinnen. Da sei ein Café. „Aber du siehst doch“, sagte die andere, „der ist zu Fuß unterwegs. Der will für einen Kakao doch nicht eine Stunde laufen. In welche Richtung müssen Sie denn?“ Und dann schickten sie mich in den Supermarkt schräg gegenüber, in dem neben der Kuchentheke sechs Sesselchen und drei Tischchen standen. Es war eine jener Sitzgruppen, die es in Supermärkten neuerdings immer häufiger gibt und bei denen ich mich jedes Mal frage, wer sich dorthin setzen soll. Jetzt war ich es selbst. Und ich war froh drum. Stollen gab es auch. Mehr konnte ich nicht verlangen.

          Ein Mann nahm am Nachbartisch Platz. Woher ich käme, wohin ich ginge, wie lange ich schon unterwegs sei, wollte er wissen. Das Übliche, wenn man einen großen Rucksack sieht. Ich hingegen wollte nur wissen, wo ich bis Bernburg etwas zu essen bekäme. „Kaufen Sie sich lieber hier was“, war die Antwort. Da war klar: Es würde wieder so ein Tag mit Gummibärchen werden.

          Es bellen die Hunde

          Natürlich kann man nicht durch Sachsen-Anhalt wandern, ohne nach Spuren der DDR zu suchen. Bisweilen sind die Klischees gnädig. Dann ist von einem Haus der Putz in Riesenfladen abgefallen, und durch das Mauerwerk zieht sich ein Riss. Oder im Hof des Kindergartens stehen Pittiplatsch und Schnatterinchen als Holzfiguren. Einmal las ich „Ernst-Thälmann-Platz“ auf einem Schild. Und einmal „Straße des Sozialismus“. Aber recht eigentlich war es unterwegs, wie es überall in der deutschen Provinz ist. Dönerbuden statt Gaststätten. Und im Zentrum der kleinen Städte mehr Tattoo-Studios und Friseure als Kaffeehäuser oder Buchhandlungen. In den kleinen Ortschaften und Dörfern dagegen - gar nichts. So wie in Wulfen, an dessen Ortsrand ein idyllischer Teich angelegt ist und in dessen Zentrum die gewaltigen Steine eines Hünengrabs aufgeschichtet sind. Vor dem geschlossenen Gasthaus „Zum Goldenen Engel“ verkaufte ein Paar aus einem Lieferwagen heraus Unterwäsche, Hosenträger und Schuhe. Zwei Alte deckten sich mit Pantoffeln ein. „Zu essen?“, fragten sie zurück. „Hier nicht mehr.“ Früher habe es so viele Gasthäuser gegeben. Aber jetzt? „Nischt mehr.“ Als ich den Ort verlasse, bellt mir fast hinter jedem Tor ein Hund hinterher. Ketten rasseln keine.

          Schubert selbst soll den Freunden gesagt haben, als er die Stücke der „Winterreise“ zum ersten Mal vorstellte, er singe nun „einen Zyklus schauerlicher Lieder“. Das sind sie ja wohl auch. Schauerlich, allemal in dem Sinne, dass sie frösteln machen. Die Landschaft ist erstarrt, und dem Wanderer ist es nicht gerade warm ums Herz. Dennoch gibt es diesen eigentümlichen Sog, dem sich der Zuhörer nicht entziehen kann. Zumal viele der Stücke anfangs noch einen vertrauten Eindruck machen. So melodiös sind sie. Schubert erreicht das mit einfachsten musikalischen Mitteln. Nicht nur das erste Lied, „Gute Nacht“, ist ein Ohrwurm: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.“

          Gegen Wind und Wetter

          Hinter Wulfen dann Windkrafträder bis zum Horizont. Immer noch plattes Land. Ein Fahrweg, wie mit dem Lineal gezogen, führt durch Matsch und Äcker. Die Rüben sind geerntet und abtransportiert, nur ganz selten liegen sie noch in großen Haufen aufeinander. Das Wintergetreide wartet das Frühjahr ab. „Vegetationsruhe“ nennt man das, erklärt mir unterwegs ein Landwirt. Nur dünne Halme recken sich aus dem Boden. „Wachsen tut da nichts.“ Aber sie leuchten in einem verzaubernden Grün, das durch den Reif, den Tau und den Regen glänzt, als sei jedes einzelne Pflänzchen mit Lack überzogen.

          Unter den Windrädern ein Brummen wie von einem Rührwerk, als wirbelten die Rotoren die Luft auf, nicht umgekehrt. Es ist ein sich ewig wiederholendes Auf und Ab, wie von einem Endlosband abgespult. Wie die Windräder da stehen, nach dem Wind ausgerichtet, aber zufälligerweise jetzt auch direkt in die Sonne, die mal wieder knapp über dem Horizont aufblitzt und ein oranges Leuchten über der Landschaft ausgießt, da wirken die Windräder wie fremdartige Skulpturen, wie Götzenstatuen fast. Besonders erhaben stehen jene da, die sich gerade nicht drehen, sondern mit ihrem einen Auge im Zentrum der Flügel mit starrem Blick, wie ein Zyklop, kalt und ungerührt über das Land hinwegschauen. Man müsste versuchen, geht es mir durch den Kopf, diese Windräder touristisch zu vermarkten. So wie die Steinfiguren der Osterinsel, die im Übrigen um einiges kleiner sind. Erheblich kleiner sogar.

          Muss selbst den Weg mir weisen

          Dann endlich das Ortsschild Bernburg. Aber noch lange nicht die Stadt. Bis zum Zentrum eine halbe Stunde, vielleicht sogar mehr. Es ist zum Davonlaufen, würde ich sagen, wenn ich nicht zu Fuß unterwegs wäre. Im Sommer sind vierzig Kilometer kein Problem. Da bleibt es lange hell. Da kehrt man ein, isst, trinkt und macht sich um sechs, halb sieben auf den Weg für den Rest der Strecke. Aber im Winter, wenn es um Viertel nach vier zu dämmern beginnt, wenn es regnet, und wenn um sechs in den kleinen Städten kein Mensch mehr unterwegs ist, kann man sich selbst auf einer Hauptverkehrsstraße so einsam fühlen wie Wilhelm Müllers Wanderer in der „Winterreise“: „Muss selbst den Weg mir weisen, in dieser Dunkelheit.“

          Damals konnte man die „Winterreise“ über den beschriebenen Liebeskummer hinweg auch als Trauer darüber lesen, dass sich die Hoffnungen auf Freiheit in einem Nationalstaat nicht erfüllten. Das erklärt aber nicht, weshalb uns der Liedzyklus um den irren, wirren, verzweifelten Wanderer heute noch anspricht. Moderne Interpretationen sehen darin das Bild eines Menschen, der sich von der Welt entfremdet hat, der sie zerstört - wofür sie ihn nun verachtet. Ebenso ist die Rede von Verzweiflung angesichts einer sich selbst zerstörenden Welt. Aber, frage nun ich, ist nicht vielleicht der Mensch selbst diese Welt, die hier geschildert wird? Ist das nicht ein Seelenleben, das sich nach außen kehrt? Handelt es sich hier nicht um tief liegende Seelenvorgänge, bis hin zu Todesvisionen? Die Welt als Spiegel von Gefühlen. Und eben nicht als ihr Auslöser. Auf jeden Fall ist die „Winterreise“ keine Wanderung zu einem gesteckten Ziel. Sie führt vielmehr ins eigene Ich.

          Bin gewohnt das irre Gehen

          Dann endlich der Marktplatz von Bernburg. Glaubte ich den Zifferblättern der Weltzeituhr, die dort steht, von sechzig Werktätigen der Stadt in sechzig Arbeitstagen zu Ehren des sechzigsten Jahrestages der großen sozialistischen Oktoberrevolution entwickelt und gebaut, dann war es bei meiner Ankunft in Algier zehn vor sechs, in Moskau zwanzig nach eins, in Hanoi fünf vor halb neun und in Havanna sowie New York exakt halb neun. Für mich war es vor allem Zeit für ein Bier. Es wurden dann zunächst zwei, später drei daraus - und am Ende waren es noch viel mehr. Denn da hatte ich mich in der Hotelbar mit einem anderen Gast festgequatscht, einem Handelsvertreter für Kondome und Gleitmittel. Die Geschäfte gingen nicht mehr allzu gut, sagte er. Die Menschen würden nachlässiger. Und ich wunderte mich sowieso, dass es einen solchen Beruf überhaupt noch gibt. Aber irgendwer muss ja die Automaten auffüllen. Er bot mir an, mich am nächsten Tag nach Aschersleben mitzunehmen. „Dreißig Kilometer“, sagte er, „keine halbe Stunde.“ Aber ich wollte unbedingt wandern.

          Auch Wilhelm Müller hat eine Reise von Dessau nach Quedlinburg unternommen. Das war im Juli 1824. Seine Strecke ist nicht überliefert. Kein Wort habe er darüber verloren, sagt sogar Maria-Verena Leistner, die seine fünfbändige Werksausgabe herausgegeben hat. Aber es spreche alles dafür, dass er die Postkutsche genommen habe. Obwohl er finanziell meist klamm war. In einem Brief an Heinrich Brockhaus, für dessen „Literarisches Conversations-Blatt“ er regelmäßig Beiträge lieferte und für dessen Lexikon er vierhundert Artikel verfasst hat, schreibt er im Juni von dem geplanten Besuch der Säkularfeier für Klopstock in dessen Geburtsort Quedlinburg und bittet unumwunden: „Ich brauche vor meiner Abreise etwas Geld.“ Später schrieb er für Brockhaus einen umfangreichen Artikel über das Fest. Er wurde auf zwei Hefte verteilt. Aber hingefahren ist Müller vor allem, weil seine Frau bei der Veranstaltung auftrat. Sie sang, schrieb Müller, „die Solopartie des Alts in dem Naumannschen Vaterunser u den übrigen Kirchenmusiken“. In seinem anonym verfassten Report aus Quedlinburg nannte er sie „die Ehefrau des bekannten Dichters“.

          Ein Posthorn klingt

          Es sind neunzig Kilometer von Dessau bis Quedlinburg. Das war an einem Tag damals kaum zu schaffen. Mehr als sechzig Kilometer legte eine Kutsche nicht zurück. Vielleicht haben auch die Müllers in Bernburg übernachtet, meiner ersten Station auf dieser Wanderung. Und es lässt sich heute sogar eine wunderbare Verbindung zwischen den beiden Städten herstellen: Denn das im Stil des Klassizismus errichtete Theater der Stadt ist nach Carl Maria von Weber benannt. Und Weber hatte damals die Oberaufsicht über die Feierlichkeiten und Singspiele in Quedlinburg zu Klopstocks hundertsten Geburtstag. Aber da gab es den Bau noch gar nicht, und nach Weber benannt wurde er erst 1954. Gegenüber steht ein wunderbares Wohnhaus, ebenfalls im Stil des Klassizismus errichtet, etwas heruntergekommen allerdings, im Parterre das „Theatercafé“, das einen geschlossenen Eindruck macht. Morgens um halb zehn hängt noch ein Transparent an einem Fenster im ersten Stock: „Zu verkaufen.“ Um zehn ist es fort. Es geht offensichtlich aufwärts mit dem Aufbau Ost. Gegenüber wirbt die Videothek für ihren Schlussverkauf. „Die jungen Menschen laden sich die Filme doch alle aus dem Internet herunter“, sagt der Besitzer. Nur die schlüpfrigen Programme gingen noch einigermaßen, weil da die alten Männer „involviert“ seien, wie er sagt. Das klingt nicht so, als könnte der Handelsvertreter aus der Hotelbar in der vorigen Nacht davon irgendwie profitieren.

          Der Weg entlang der Saale ist bezaubernd. Noch schöner muss es auf dem Fluss sein. Mit dem Symbol des „Blauen Bandes“ scheint sie als Bundeswasserstraße hervorragend ausgebaut zu sein. Ständig gibt es Anlagestellen für Hausboote, Ruderboote und Kanus, oft mit Gartenwirtschaften, die jetzt freilich alle geschlossen sind. Wieder ist fast kein Mensch unterwegs. Nur eine Radfahrerin irgendwann, und unter der Brücke bei Gröna sitzt in einem Campingstuhl ein Angler, der deutlich zu verstehen gibt, dass er nicht angesprochen werden will.

          Wunderlicher Alter

          Dass die Menschen hier anders seien, ein wenig stur, verschlossen, erzählt mir einen Ort weiter eine junge Frau, die aus dem Westen hergezogen ist. „Das sieht man doch schon an den Dörfern“, sagt sie. Und meint damit, dass es keine Vorgärten gibt, sondern nur Fassaden entlang der Straße, Haus an Haus, und wenn sie noch so klein und niedrig sind, wie eine Mauer, immer von einer Kreuzung bis zur nächsten. Mir war das gar nicht aufgefallen. Nicht bewusst wenigstens. Dabei haben diese Ortsbilder tatsächlich etwas Ausgrenzendes.

          Und doch waren die wenigsten Menschen, denen ich begegnet bin, stur oder verschlossen. In Plötzkau, wo das Schloss für die Wintermonate geschlossen war, besorgte mir ein Wirt kurzerhand den Schlüssel, und wir kletterten gemeinsam den Turm hinauf, an Kemenate, Studierstube und Arrestkammer vorbei bis ganz nach oben, von wo aus der Blick bis zur Abraumhalde bei Polleben reicht, die aus der Ferne aussieht wie die Pyramide von Gizeh, und zurück bis zum Kalibergwerk bei Bernburg. Nur vom Harz war in dem trüben Licht wieder einmal nichts zu sehen. Und als ich für ein paar Kilometer entlang der Landstraße gehen musste, weil es keine Feldwege gab, hielt ein Handwerker an und hatte sein Gewörschel schon vom Beifahrersitz nach hinten geworfen, bevor ich sein Angebot, mich mitzunehmen, dankend ablehnen konnte.

          O unbarmherz'ge Schenke

          Mit der Restaurantsituation in Aschersleben steht es nicht zum Besten. Nirgendwo ein klassischer Gasthof, auch das vielleicht ein Erbe aus Zeiten der DDR. Und in der historischen Braustube, an einem Eck, in einem Haus aus dem Mittelalter, ist eine Tapas-Bar eingezogen, deren Mobiliar, wenn man dem Blick durchs Fenster in den finsteren Raum vertrauen darf, sie als Firmenkantine des Bauhauses empfehlen würde. Sie war geschlossen. Es bleiben in der Altstadt von Aschersleben vor allem Chinesen. Ein kleines, ein mittleres und ein großes Restaurant. Ich entschied mich für das große, weil es dort besonders voll war. Hauptsächlich saßen Gruppen von Frauen an den Tischen. Viele hatten aufregende Haarfarben, und jetzt begriff ich, was gemeint war, als ich zwei Straßen zuvor an der Scheibe eines Geschäfts gelesen hatte: „Nur der Friseur kann, was der Friseur kann.“ Die Schattierungen reichten von wasserstoffblond bis metallic-rot. Auf dem Zettel in meinem Glückskeks stand der Satz: „Du wirst viel Abwechslung im Beruf haben.“

          Was hätte wohl Wilhelm Müller zum Besuch eines chinesischen Lokals gesagt? Gerade jetzt, angesichts der Demonstrationen in Hongkong. Müller war ein Freiheitsdenker durch und durch. Mit seinen engagierten Gedichten und Liedern wurde er Anfang der zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts neben Lord Byron zu einem der wichtigsten Propagandisten des Befreiungskampfes der Hellenen. Als Auszeichnung erhielt er den Namen „Griechen-Müller“. Und zum Dank für seinen Einsatz stiftete „das dankbare Hellas“ den Marmor für sein Denkmal im Park Georgium in Dessau. Da balanciert seine Büste hoch oben auf einer Säule, mit gar nicht heldenhaften, sondern eher verträumtem Blick, umrahmt von vier allegorischen Figuren, den Genien, die Müllers Seele erfüllten: Poesie und Wissenschaft, Deutschland und eben Hellas. Und was erfüllte sonst seine Seele? Es ist erschreckend wenig bekannt über Wilhelm Müllers Leben. Dabei war er befreundet und bekannt mit zahlreichen Dichtern und Musikern seiner Zeit, von Clemens Brentano und Ludwig Tieck bis Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Aber sie äußersten sich kaum über ihn. Und die kurzen biographischen Abrisse, die Gustav Schwab, sein Freund, und Friedrich Max, sein Sohn, nach seinem Tod geschrieben haben, sind geschönt bis an die Grenze der Erfindung. Nicht einmal Erika von Borries, die ihm vor einigen Jahren eine wunderbare, dreihundert Seiten starke Biographie gewidmet hat, wird recht schlau aus ihm und rettet sich vor allem in die Interpretation seiner Gedichte. Aber was ihn zu den unglückseligen Zyklen des verliebten Müllersburschen getrieben hat, der sich das Leben nimmt, und den von der Liebe verratenen Wanderer, der sich gleichsam als ein deutscher Ahasver mit seinen wahnsinnigen Visionen durch die kalte, abweisende Welt der „Winterreise“ schlägt, darüber kann auch sie nur spekulieren. Dabei fallen ausgerechnet diese beiden Zyklen, die man noch heute von ihm kennt, völlig heraus aus einem Werk meist braver, rührender, romantischer Dichtung - nur hin und wieder ironisch gebrochen, wenn Müller etwa dichtet: „Und auch der Mond blickt aus der Wolken Flor, schwermütig, wie’s die Mode will, hervor.“

          Es war zu kalt zum Stehen

          Der letzte Tag, die letzten Kilometer bis Quedlinburg. Es wurde ein Wettlauf mit dem Regen. „Die Füße frugen nicht nach Rast, es war zu kalt zum Stehen“, heißt es in der „Winterreise“, „der Rücken fühlte keine Last, der Sturm half fort mich wehen.“ So war es hier leider nicht: Der Sturm kam mir entgegen. Müllers Texte hatte ich im Kopf beim Gehen. Er selbst aber kam mir kaum näher. Nur das eine Mal, an der Seweckenwarte, fühlte ich so etwas wie Seelenverwandtschaft. Es gibt ja sogar ein Gedicht „Das Türmchen in der Ferne“ von ihm: „Ich muss auf alle Berge steigen, die rechts und links am Wege stehen.“ Das könnte ich guten Gewissens auch von mir behaupten. Ebenfalls zutreffend: „Bin gewohnt das irre Gehen, ’s führt ja jeder Weg zum Ziel.“

          Wären wir also gut zusammen gewandert? Vermutlich ja. Denn er dürfte ebenso heiter-gesellig gewesen sein wie begeisterungsfähig. Vielleicht hätte er seinen altdeutschen Rock getragen, Zeichen einer deutschnationalen Gesinnung. Das Haar lang, glatt nach hinten gekämmt. Der Blick selbstbewusst, wie auf der ersten Zeichnung seines Freundes Wilhelm Hensel von 1817 - nicht der brave, träumende Dichter späterer Porträts. Doch, doch, wir hätten unseren Spaß gehabt. Im Winter zu wandern kann Freude machen. Und der grausige Winter bei Müller ist ja keine Jahreszeit, sondern ein Zustand.

          Da ich zur Ruh mich lege

          Mein Ziel in Quedlinburg war das Klopstock-Denkmal im Park Brühl. Die große Hundertjahrfeier 1824 hatte man nicht zuletzt veranstaltet, um dafür Geld zu sammeln. Einen Tempel wollte man errichten, aber es ist nur eine Büste geworden, darüber seine Ode „Mein Wäldchen“: „Wenn hier im Sturm nicht mehr die Eiche rauschet, keine Lispel mehr wehn von dieser Weide. Dann sind Lieder noch, die von Herzen kamen. Gingen zu Herzen.“ Das hätte Wilhelm Müller mal redigieren sollen, dachte ich. Dann kam der Regen.

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