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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Was hätte wohl Wilhelm Müller zum Besuch eines chinesischen Lokals gesagt? Gerade jetzt, angesichts der Demonstrationen in Hongkong. Müller war ein Freiheitsdenker durch und durch. Mit seinen engagierten Gedichten und Liedern wurde er Anfang der zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts neben Lord Byron zu einem der wichtigsten Propagandisten des Befreiungskampfes der Hellenen. Als Auszeichnung erhielt er den Namen „Griechen-Müller“. Und zum Dank für seinen Einsatz stiftete „das dankbare Hellas“ den Marmor für sein Denkmal im Park Georgium in Dessau. Da balanciert seine Büste hoch oben auf einer Säule, mit gar nicht heldenhaften, sondern eher verträumtem Blick, umrahmt von vier allegorischen Figuren, den Genien, die Müllers Seele erfüllten: Poesie und Wissenschaft, Deutschland und eben Hellas. Und was erfüllte sonst seine Seele? Es ist erschreckend wenig bekannt über Wilhelm Müllers Leben. Dabei war er befreundet und bekannt mit zahlreichen Dichtern und Musikern seiner Zeit, von Clemens Brentano und Ludwig Tieck bis Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Aber sie äußersten sich kaum über ihn. Und die kurzen biographischen Abrisse, die Gustav Schwab, sein Freund, und Friedrich Max, sein Sohn, nach seinem Tod geschrieben haben, sind geschönt bis an die Grenze der Erfindung. Nicht einmal Erika von Borries, die ihm vor einigen Jahren eine wunderbare, dreihundert Seiten starke Biographie gewidmet hat, wird recht schlau aus ihm und rettet sich vor allem in die Interpretation seiner Gedichte. Aber was ihn zu den unglückseligen Zyklen des verliebten Müllersburschen getrieben hat, der sich das Leben nimmt, und den von der Liebe verratenen Wanderer, der sich gleichsam als ein deutscher Ahasver mit seinen wahnsinnigen Visionen durch die kalte, abweisende Welt der „Winterreise“ schlägt, darüber kann auch sie nur spekulieren. Dabei fallen ausgerechnet diese beiden Zyklen, die man noch heute von ihm kennt, völlig heraus aus einem Werk meist braver, rührender, romantischer Dichtung - nur hin und wieder ironisch gebrochen, wenn Müller etwa dichtet: „Und auch der Mond blickt aus der Wolken Flor, schwermütig, wie’s die Mode will, hervor.“

Es war zu kalt zum Stehen

Der letzte Tag, die letzten Kilometer bis Quedlinburg. Es wurde ein Wettlauf mit dem Regen. „Die Füße frugen nicht nach Rast, es war zu kalt zum Stehen“, heißt es in der „Winterreise“, „der Rücken fühlte keine Last, der Sturm half fort mich wehen.“ So war es hier leider nicht: Der Sturm kam mir entgegen. Müllers Texte hatte ich im Kopf beim Gehen. Er selbst aber kam mir kaum näher. Nur das eine Mal, an der Seweckenwarte, fühlte ich so etwas wie Seelenverwandtschaft. Es gibt ja sogar ein Gedicht „Das Türmchen in der Ferne“ von ihm: „Ich muss auf alle Berge steigen, die rechts und links am Wege stehen.“ Das könnte ich guten Gewissens auch von mir behaupten. Ebenfalls zutreffend: „Bin gewohnt das irre Gehen, ’s führt ja jeder Weg zum Ziel.“

Wären wir also gut zusammen gewandert? Vermutlich ja. Denn er dürfte ebenso heiter-gesellig gewesen sein wie begeisterungsfähig. Vielleicht hätte er seinen altdeutschen Rock getragen, Zeichen einer deutschnationalen Gesinnung. Das Haar lang, glatt nach hinten gekämmt. Der Blick selbstbewusst, wie auf der ersten Zeichnung seines Freundes Wilhelm Hensel von 1817 - nicht der brave, träumende Dichter späterer Porträts. Doch, doch, wir hätten unseren Spaß gehabt. Im Winter zu wandern kann Freude machen. Und der grausige Winter bei Müller ist ja keine Jahreszeit, sondern ein Zustand.

Da ich zur Ruh mich lege

Mein Ziel in Quedlinburg war das Klopstock-Denkmal im Park Brühl. Die große Hundertjahrfeier 1824 hatte man nicht zuletzt veranstaltet, um dafür Geld zu sammeln. Einen Tempel wollte man errichten, aber es ist nur eine Büste geworden, darüber seine Ode „Mein Wäldchen“: „Wenn hier im Sturm nicht mehr die Eiche rauschet, keine Lispel mehr wehn von dieser Weide. Dann sind Lieder noch, die von Herzen kamen. Gingen zu Herzen.“ Das hätte Wilhelm Müller mal redigieren sollen, dachte ich. Dann kam der Regen.

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