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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Wunderlicher Alter

Dass die Menschen hier anders seien, ein wenig stur, verschlossen, erzählt mir einen Ort weiter eine junge Frau, die aus dem Westen hergezogen ist. „Das sieht man doch schon an den Dörfern“, sagt sie. Und meint damit, dass es keine Vorgärten gibt, sondern nur Fassaden entlang der Straße, Haus an Haus, und wenn sie noch so klein und niedrig sind, wie eine Mauer, immer von einer Kreuzung bis zur nächsten. Mir war das gar nicht aufgefallen. Nicht bewusst wenigstens. Dabei haben diese Ortsbilder tatsächlich etwas Ausgrenzendes.

Und doch waren die wenigsten Menschen, denen ich begegnet bin, stur oder verschlossen. In Plötzkau, wo das Schloss für die Wintermonate geschlossen war, besorgte mir ein Wirt kurzerhand den Schlüssel, und wir kletterten gemeinsam den Turm hinauf, an Kemenate, Studierstube und Arrestkammer vorbei bis ganz nach oben, von wo aus der Blick bis zur Abraumhalde bei Polleben reicht, die aus der Ferne aussieht wie die Pyramide von Gizeh, und zurück bis zum Kalibergwerk bei Bernburg. Nur vom Harz war in dem trüben Licht wieder einmal nichts zu sehen. Und als ich für ein paar Kilometer entlang der Landstraße gehen musste, weil es keine Feldwege gab, hielt ein Handwerker an und hatte sein Gewörschel schon vom Beifahrersitz nach hinten geworfen, bevor ich sein Angebot, mich mitzunehmen, dankend ablehnen konnte.

O unbarmherz'ge Schenke

Mit der Restaurantsituation in Aschersleben steht es nicht zum Besten. Nirgendwo ein klassischer Gasthof, auch das vielleicht ein Erbe aus Zeiten der DDR. Und in der historischen Braustube, an einem Eck, in einem Haus aus dem Mittelalter, ist eine Tapas-Bar eingezogen, deren Mobiliar, wenn man dem Blick durchs Fenster in den finsteren Raum vertrauen darf, sie als Firmenkantine des Bauhauses empfehlen würde. Sie war geschlossen. Es bleiben in der Altstadt von Aschersleben vor allem Chinesen. Ein kleines, ein mittleres und ein großes Restaurant. Ich entschied mich für das große, weil es dort besonders voll war. Hauptsächlich saßen Gruppen von Frauen an den Tischen. Viele hatten aufregende Haarfarben, und jetzt begriff ich, was gemeint war, als ich zwei Straßen zuvor an der Scheibe eines Geschäfts gelesen hatte: „Nur der Friseur kann, was der Friseur kann.“ Die Schattierungen reichten von wasserstoffblond bis metallic-rot. Auf dem Zettel in meinem Glückskeks stand der Satz: „Du wirst viel Abwechslung im Beruf haben.“

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