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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Auch Wilhelm Müller hat eine Reise von Dessau nach Quedlinburg unternommen. Das war im Juli 1824. Seine Strecke ist nicht überliefert. Kein Wort habe er darüber verloren, sagt sogar Maria-Verena Leistner, die seine fünfbändige Werksausgabe herausgegeben hat. Aber es spreche alles dafür, dass er die Postkutsche genommen habe. Obwohl er finanziell meist klamm war. In einem Brief an Heinrich Brockhaus, für dessen „Literarisches Conversations-Blatt“ er regelmäßig Beiträge lieferte und für dessen Lexikon er vierhundert Artikel verfasst hat, schreibt er im Juni von dem geplanten Besuch der Säkularfeier für Klopstock in dessen Geburtsort Quedlinburg und bittet unumwunden: „Ich brauche vor meiner Abreise etwas Geld.“ Später schrieb er für Brockhaus einen umfangreichen Artikel über das Fest. Er wurde auf zwei Hefte verteilt. Aber hingefahren ist Müller vor allem, weil seine Frau bei der Veranstaltung auftrat. Sie sang, schrieb Müller, „die Solopartie des Alts in dem Naumannschen Vaterunser u den übrigen Kirchenmusiken“. In seinem anonym verfassten Report aus Quedlinburg nannte er sie „die Ehefrau des bekannten Dichters“.

Ein Posthorn klingt

Es sind neunzig Kilometer von Dessau bis Quedlinburg. Das war an einem Tag damals kaum zu schaffen. Mehr als sechzig Kilometer legte eine Kutsche nicht zurück. Vielleicht haben auch die Müllers in Bernburg übernachtet, meiner ersten Station auf dieser Wanderung. Und es lässt sich heute sogar eine wunderbare Verbindung zwischen den beiden Städten herstellen: Denn das im Stil des Klassizismus errichtete Theater der Stadt ist nach Carl Maria von Weber benannt. Und Weber hatte damals die Oberaufsicht über die Feierlichkeiten und Singspiele in Quedlinburg zu Klopstocks hundertsten Geburtstag. Aber da gab es den Bau noch gar nicht, und nach Weber benannt wurde er erst 1954. Gegenüber steht ein wunderbares Wohnhaus, ebenfalls im Stil des Klassizismus errichtet, etwas heruntergekommen allerdings, im Parterre das „Theatercafé“, das einen geschlossenen Eindruck macht. Morgens um halb zehn hängt noch ein Transparent an einem Fenster im ersten Stock: „Zu verkaufen.“ Um zehn ist es fort. Es geht offensichtlich aufwärts mit dem Aufbau Ost. Gegenüber wirbt die Videothek für ihren Schlussverkauf. „Die jungen Menschen laden sich die Filme doch alle aus dem Internet herunter“, sagt der Besitzer. Nur die schlüpfrigen Programme gingen noch einigermaßen, weil da die alten Männer „involviert“ seien, wie er sagt. Das klingt nicht so, als könnte der Handelsvertreter aus der Hotelbar in der vorigen Nacht davon irgendwie profitieren.

Der Weg entlang der Saale ist bezaubernd. Noch schöner muss es auf dem Fluss sein. Mit dem Symbol des „Blauen Bandes“ scheint sie als Bundeswasserstraße hervorragend ausgebaut zu sein. Ständig gibt es Anlagestellen für Hausboote, Ruderboote und Kanus, oft mit Gartenwirtschaften, die jetzt freilich alle geschlossen sind. Wieder ist fast kein Mensch unterwegs. Nur eine Radfahrerin irgendwann, und unter der Brücke bei Gröna sitzt in einem Campingstuhl ein Angler, der deutlich zu verstehen gibt, dass er nicht angesprochen werden will.

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