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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Muss selbst den Weg mir weisen

Dann endlich das Ortsschild Bernburg. Aber noch lange nicht die Stadt. Bis zum Zentrum eine halbe Stunde, vielleicht sogar mehr. Es ist zum Davonlaufen, würde ich sagen, wenn ich nicht zu Fuß unterwegs wäre. Im Sommer sind vierzig Kilometer kein Problem. Da bleibt es lange hell. Da kehrt man ein, isst, trinkt und macht sich um sechs, halb sieben auf den Weg für den Rest der Strecke. Aber im Winter, wenn es um Viertel nach vier zu dämmern beginnt, wenn es regnet, und wenn um sechs in den kleinen Städten kein Mensch mehr unterwegs ist, kann man sich selbst auf einer Hauptverkehrsstraße so einsam fühlen wie Wilhelm Müllers Wanderer in der „Winterreise“: „Muss selbst den Weg mir weisen, in dieser Dunkelheit.“

Damals konnte man die „Winterreise“ über den beschriebenen Liebeskummer hinweg auch als Trauer darüber lesen, dass sich die Hoffnungen auf Freiheit in einem Nationalstaat nicht erfüllten. Das erklärt aber nicht, weshalb uns der Liedzyklus um den irren, wirren, verzweifelten Wanderer heute noch anspricht. Moderne Interpretationen sehen darin das Bild eines Menschen, der sich von der Welt entfremdet hat, der sie zerstört - wofür sie ihn nun verachtet. Ebenso ist die Rede von Verzweiflung angesichts einer sich selbst zerstörenden Welt. Aber, frage nun ich, ist nicht vielleicht der Mensch selbst diese Welt, die hier geschildert wird? Ist das nicht ein Seelenleben, das sich nach außen kehrt? Handelt es sich hier nicht um tief liegende Seelenvorgänge, bis hin zu Todesvisionen? Die Welt als Spiegel von Gefühlen. Und eben nicht als ihr Auslöser. Auf jeden Fall ist die „Winterreise“ keine Wanderung zu einem gesteckten Ziel. Sie führt vielmehr ins eigene Ich.

Bin gewohnt das irre Gehen

Dann endlich der Marktplatz von Bernburg. Glaubte ich den Zifferblättern der Weltzeituhr, die dort steht, von sechzig Werktätigen der Stadt in sechzig Arbeitstagen zu Ehren des sechzigsten Jahrestages der großen sozialistischen Oktoberrevolution entwickelt und gebaut, dann war es bei meiner Ankunft in Algier zehn vor sechs, in Moskau zwanzig nach eins, in Hanoi fünf vor halb neun und in Havanna sowie New York exakt halb neun. Für mich war es vor allem Zeit für ein Bier. Es wurden dann zunächst zwei, später drei daraus - und am Ende waren es noch viel mehr. Denn da hatte ich mich in der Hotelbar mit einem anderen Gast festgequatscht, einem Handelsvertreter für Kondome und Gleitmittel. Die Geschäfte gingen nicht mehr allzu gut, sagte er. Die Menschen würden nachlässiger. Und ich wunderte mich sowieso, dass es einen solchen Beruf überhaupt noch gibt. Aber irgendwer muss ja die Automaten auffüllen. Er bot mir an, mich am nächsten Tag nach Aschersleben mitzunehmen. „Dreißig Kilometer“, sagte er, „keine halbe Stunde.“ Aber ich wollte unbedingt wandern.

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