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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Es bellen die Hunde

Natürlich kann man nicht durch Sachsen-Anhalt wandern, ohne nach Spuren der DDR zu suchen. Bisweilen sind die Klischees gnädig. Dann ist von einem Haus der Putz in Riesenfladen abgefallen, und durch das Mauerwerk zieht sich ein Riss. Oder im Hof des Kindergartens stehen Pittiplatsch und Schnatterinchen als Holzfiguren. Einmal las ich „Ernst-Thälmann-Platz“ auf einem Schild. Und einmal „Straße des Sozialismus“. Aber recht eigentlich war es unterwegs, wie es überall in der deutschen Provinz ist. Dönerbuden statt Gaststätten. Und im Zentrum der kleinen Städte mehr Tattoo-Studios und Friseure als Kaffeehäuser oder Buchhandlungen. In den kleinen Ortschaften und Dörfern dagegen - gar nichts. So wie in Wulfen, an dessen Ortsrand ein idyllischer Teich angelegt ist und in dessen Zentrum die gewaltigen Steine eines Hünengrabs aufgeschichtet sind. Vor dem geschlossenen Gasthaus „Zum Goldenen Engel“ verkaufte ein Paar aus einem Lieferwagen heraus Unterwäsche, Hosenträger und Schuhe. Zwei Alte deckten sich mit Pantoffeln ein. „Zu essen?“, fragten sie zurück. „Hier nicht mehr.“ Früher habe es so viele Gasthäuser gegeben. Aber jetzt? „Nischt mehr.“ Als ich den Ort verlasse, bellt mir fast hinter jedem Tor ein Hund hinterher. Ketten rasseln keine.

Schubert selbst soll den Freunden gesagt haben, als er die Stücke der „Winterreise“ zum ersten Mal vorstellte, er singe nun „einen Zyklus schauerlicher Lieder“. Das sind sie ja wohl auch. Schauerlich, allemal in dem Sinne, dass sie frösteln machen. Die Landschaft ist erstarrt, und dem Wanderer ist es nicht gerade warm ums Herz. Dennoch gibt es diesen eigentümlichen Sog, dem sich der Zuhörer nicht entziehen kann. Zumal viele der Stücke anfangs noch einen vertrauten Eindruck machen. So melodiös sind sie. Schubert erreicht das mit einfachsten musikalischen Mitteln. Nicht nur das erste Lied, „Gute Nacht“, ist ein Ohrwurm: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.“

Gegen Wind und Wetter

Hinter Wulfen dann Windkrafträder bis zum Horizont. Immer noch plattes Land. Ein Fahrweg, wie mit dem Lineal gezogen, führt durch Matsch und Äcker. Die Rüben sind geerntet und abtransportiert, nur ganz selten liegen sie noch in großen Haufen aufeinander. Das Wintergetreide wartet das Frühjahr ab. „Vegetationsruhe“ nennt man das, erklärt mir unterwegs ein Landwirt. Nur dünne Halme recken sich aus dem Boden. „Wachsen tut da nichts.“ Aber sie leuchten in einem verzaubernden Grün, das durch den Reif, den Tau und den Regen glänzt, als sei jedes einzelne Pflänzchen mit Lack überzogen.

Unter den Windrädern ein Brummen wie von einem Rührwerk, als wirbelten die Rotoren die Luft auf, nicht umgekehrt. Es ist ein sich ewig wiederholendes Auf und Ab, wie von einem Endlosband abgespult. Wie die Windräder da stehen, nach dem Wind ausgerichtet, aber zufälligerweise jetzt auch direkt in die Sonne, die mal wieder knapp über dem Horizont aufblitzt und ein oranges Leuchten über der Landschaft ausgießt, da wirken die Windräder wie fremdartige Skulpturen, wie Götzenstatuen fast. Besonders erhaben stehen jene da, die sich gerade nicht drehen, sondern mit ihrem einen Auge im Zentrum der Flügel mit starrem Blick, wie ein Zyklop, kalt und ungerührt über das Land hinwegschauen. Man müsste versuchen, geht es mir durch den Kopf, diese Windräder touristisch zu vermarkten. So wie die Steinfiguren der Osterinsel, die im Übrigen um einiges kleiner sind. Erheblich kleiner sogar.

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