https://www.faz.net/-gxh-7y1e9

Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Ruhig wie ein See breitet die Elbe sich hinter Dessau in einer Landschaft aus, in der das Gartenreich von Wörlitz fast unmerklich in die Wildnis eines alten Waldes übergeht, mit dichtem Unterholz und umgestürzten Stämmen, auf denen sich Pilze niedergelassen haben und aus denen zart Bäumchen sprießen. Das eine ist Unesco- Weltkulturerbe, das andere Biospärenreservat. Das platt getretene Herbstlaub wirkte wie ein ausgerollter Teppich, dem Ahorn und Eichen, Linden und Buchen mit den unterschiedlichen Farben und Formen ihrer Blätter ein bezauberndes Muster webten. Das Gras war von Reif überzogen. Und die nackten Bäume streckten ihre krakeligen Äste in den trüben Tag. Nur die Signale für die Binnenschiffer, die wie Totems aus dem Ufersaum ragten, zeugten von einer Art Kultur, von der Verabredung, Regeln zu befolgen, die sich hinter den grünen Rauten und gelben Kreuzen verbergen, deren Sinn mir aber gänzlich unverständlich blieb. Es fuhr auch kaum ein Schiff. Nur ein einziger Frachter. Lang, flach, leer. Niemand schien auf der Brücke zu stehen. Niemand winkte.

Komm her zu mir, Geselle

Erst kam der Hagel. Lustig hüpften die Körner über den Weg. Dann kam Graupel. Und die Schafe irgendwo hinter einem Zaun in diesem welligen Grasland, dieser Endmoränenlandschaft, so darf man vermuten, rückten dicht zusammen. Entlang der Elbe waren hier kleine Buchten mit weißem Sand. Herrliche Strände, und ich erinnerte mich, dass jemand mit Filzstift „FKK“ auf die Wanderkarte vor dem „Kornhaus“ gekritzelt hatte. Daran war jetzt natürlich nicht zu denken. Dann begann es zu regnen. In Strömen. Der romantisch veranlagte Laie fragt sich in solchen Fällen, ob das alles eigentlich jeweils aus verschiedenen Wolken stammt oder ob sich die Tropfen und Flocken erst auf ihrem Weg vom Himmel herab entscheiden, in welcher Form sie am Boden ankommen wollen. Ich hingegen fragte mich bloß, wo ich jetzt eine heiße Schokolade bekäme. Eigentlich hatte ich Aken meiden wollen, den nächsten Ort. Stattdessen trug ich meine Frage dort in einem Blumenladen vor. „Die Straße runter, zwei Kilometer“, sagte eine der Verkäuferinnen. Da sei ein Café. „Aber du siehst doch“, sagte die andere, „der ist zu Fuß unterwegs. Der will für einen Kakao doch nicht eine Stunde laufen. In welche Richtung müssen Sie denn?“ Und dann schickten sie mich in den Supermarkt schräg gegenüber, in dem neben der Kuchentheke sechs Sesselchen und drei Tischchen standen. Es war eine jener Sitzgruppen, die es in Supermärkten neuerdings immer häufiger gibt und bei denen ich mich jedes Mal frage, wer sich dorthin setzen soll. Jetzt war ich es selbst. Und ich war froh drum. Stollen gab es auch. Mehr konnte ich nicht verlangen.

Ein Mann nahm am Nachbartisch Platz. Woher ich käme, wohin ich ginge, wie lange ich schon unterwegs sei, wollte er wissen. Das Übliche, wenn man einen großen Rucksack sieht. Ich hingegen wollte nur wissen, wo ich bis Bernburg etwas zu essen bekäme. „Kaufen Sie sich lieber hier was“, war die Antwort. Da war klar: Es würde wieder so ein Tag mit Gummibärchen werden.

Weitere Themen

Ein queerer Brandauer

Kunstfest Weimar : Ein queerer Brandauer

Präparatoren-Performance, tiefe Waldgeschichten und ein paar Moralkunststückchen: Auf dem Kunstfest Weimar mischt Benny Claessens mit queerem Theater das Geschehen auf.

Topmeldungen

Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.
Der erste Streich: Gnabry nimmt Maß und trifft.

8:0 gegen Schalke : Die Acht-Tore-Ansage

Der FC Bayern demonstriert zum Saisonauftakt der Bundesliga seine Überlegenheit und demontiert den FC Schalke nach allen Regeln der Fußball-Kunst. Serge Gnabry trifft beim 8:0 drei Mal.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.