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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Die Blumen sind erstorben

Heute wird Wilhelm Müller gemeinhin als ein Romantiker der zweiten Garnitur betrachtet. Zu Lebzeiten war das anders. Da hat man ihn geachtet und seine Gedichte gelesen. „Es drängt mich sehr, Ihnen zu sagen, dass ich keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe wie Sie“, schrieb ihm der drei Jahre jüngere Heinrich Heine 1826 aus Hamburg. Darf man der Musikwissenschaft glauben, wurden von den 783 überlieferten Müller-Gedichten 123 vertont - von insgesamt 241 Komponisten, darunter Johannes Brahms, Felix Draeseke, Fanny Hensel, Max Reger und Wilhelm Taubert. Den größten Ruhm aber erntete mit seiner musikalischen Bearbeitung Franz Schubert. Postum. Für beide. Schubert war durch bloßen Zufall in dem Almanach „Urania, Taschenbuch auf das Jahr 1823“ auf Müllers Gedichte gestoßen und entriss sie mit seiner Komposition auf ewig dem Vergessenwerden, wenngleich darüber bisweilen der Dichter selbst in Vergessenheit geriet. Begegnet sind sich die beiden Männer nie. Und bis der Wiener Verleger Tobias Haslinger die Noten der „Winterreise“ am 31. Dezember 1828 vollständig in zwei Heften veröffentlicht hatte, war Schubert seit sechs Wochen tot - und Wilhelm Müller gut ein Jahr.

So soll es sein: Der Kirchturm überragt das Dorf
So soll es sein: Der Kirchturm überragt das Dorf : Bild: Freddy Langer

Ich hatte die „Winterreise“ im Kopf, als ich mich auf den Weg von Dessau nach Quedlinburg machte. Wilhelm Müller sollte mein Cicerone durch eine abweisende, eisstarre Welt werden, in der die Blumen erstorben sind und der Rasen blass aussieht, und ich wollte die Wege vermeiden, wo die andern Wand’rer geh’n, getrieben von einem törichten Verlangen in die Wüstenei’n. Den Takt der Schritte würden Schuberts Melodien vorgeben. Was nicht immer einfach ist, denn etliche der Lieder nehmen unerwartete Wendungen. Kaum, dass sich für einen Moment die Grundstimmung durch einen Wechsel von Moll nach Dur aufhellt, erweist sich das frohe Gefühl gleich darauf als bloße Illusion. Dann folgen sogar Intervalle, die von der Musikkritik bisweilen als „unsanglich“ bezeichnet werden. Da fühlt sich die Figur des Wanderers dann besonders unwohl in dieser Fremde. „Nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee“, singt er, oder: „Auf einen Totenacker, hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich einkehren, hab’ ich bei mir gedacht.“

Das nenn' ich einen Morgen

Es war acht Uhr morgens, als ich am Ausflugslokal „Kornhaus“ stand. Hier, am Stadtrand von Dessau, sollte die Wanderung beginnen, meine Winterreise. Gegen den Hintergrund der Elbe sah das Gebäude aus wie ein Schiff, und die Schwippbögen in den Fenstern, die traditionelle Weihnachtsdekoration aus dem Erzgebirge, deuteten die Räder eines Schaufelraddampfers an. Der Himmel über dem Fluss war rot von den Feuerflammen der aufgehenden Sonne. Als ich meinen Rucksack abnahm und gegen die Hauswand lehnte, stoben nervös Krähen aus dem Baum gegenüber. Das geht ja gut los, dachte ich. Aber keines der wunderlichen Tiere folgte mir aus der Stadt und zog für und für um mein Haupt.

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