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Die Winterreise : Bin gewohnt das irre Gehen

Gefrorene Tropfen fallen

Der Turm ist wirklich nicht hoch. Ein paar Umdrehungen nimmt die Wendeltreppe durch das fensterlose Gemäuer. Dann steht man auf der Aussichtsplattform. Knapp über den Baumwipfeln. Und damit hoch genug, dass die Elemente ungehindert darüber hinwegfegen können. Der Sturm riss mir augenblicklich die Kapuze vom Kopf, wickelte mir den Schal vom Hals, und es war ein Wunder, dass ich noch rechtzeitig nach der Wollmütze greifen konnte. Ich hielt mich an der Brüstung fest, um nicht umzukippen. Die Aussicht war grandios.

Einsamer Gesell am Wegesrand
Einsamer Gesell am Wegesrand : Bild: Freddy Langer

Weit zurück lag Aschersleben. Da war ich hergekommen. Über dem Harz hatte sich mittlerweile eine Regenwand aufgebaut. Grau und undurchdringlich wie eine Mauer. Und in der Senke weit voraus schoben sich die spitzen Doppeltürme der gotischen Pfarrkirche St. Nikolai und die wuchtigen Doppeltürme der romanischen Stiftskirche St. Servatius aus Quedlinburgs mittelalterlichem Gedränge. Es war ein Bild zum Verlieben. So schön, wie ich es mir die ganze Wanderung über gewünscht und allemal von Bernburg und Plötzkau auch erwartet hatte, kleinen Orten, um einen Hügel herum gebaut, auf dem jeweils ein Schloss thront. Aber bis ich dort ankam, war es einmal stockfinstere Nacht gewesen. Das andere Mal versperrte mir der Wald die Sicht. Und ausgerechnet ein Ort, der im Tale liegt, würde mir nun den Rest des Weges weisen. Tränen liefen mir über die Wangen. Aber das lag natürlich am Wind, der mir ins Gesicht brüllte, mit einer solchen Eiseskälte, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn die Tränen als gefrorene Kügelchen hinabgefallen wären.

Sind wir selber Götter

Eine Stunde würde es noch bis Quedlinburg sein, allerhöchstens zwei. Ich band die Kapuze ein wenig enger zu und dachte: „Lustig in die Welt hinein, gegen Wind und Wetter!“ Dann schaute ich ein letztes Mal über das weite Land, ließ mich mit ausgebreiteten Armen in den Sturm fallen und brachte das Gedicht zu Ende: „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter.“ Natürlich dachte ich das nur, weil Wilhelm Müller es mir ins Ohr flüsterte. Er war es vermutlich auch, der mir die Nachricht aus dem Jenseits übermittelt hatte. Die SMS meiner Freundin Sylvia war ungleich prosaischer: „Kann mir so richtig gut vorstellen, wie Sie in der Kälte da draußen kämpfen so allein. Gibt Lustigeres!“

Wilhelm Müller ist in Dessau zur Welt gekommen, im Oktober 1794, und dort ist er dreiunddreißig Jahre später auch gestorben. Glücklich war er in Dessau nicht. Er schielte nach Berlin, wo er studiert hatte. Und lange Zeit hoffte er auf eine Anstellung in Dresden. Aber er kam nicht fort von Dessau, wo er zunächst am Gymnasium unterrichtete und später als Herzoglicher Bibliothekar gearbeitet hat. Er saß fest. Vielleicht unternahm er deshalb die vielen Reisen? Nach Wien, nach Rom, an den Rhein und auch sonst kreuz und quer durch Deutschland. Als kleine Fluchten auf Zeit. Vielleicht schrieb er auch deshalb die vielen Gedichte übers Wandern, Gedichte, die er als „Lieder“ bezeichnete, obwohl sie erst später und von anderen vertont worden sind. Das zweifellos berühmteste: „Das Wandern ist des Müllers Lust.“ Nicht etwa ein Spiel mit seinem Namen, sondern Teil einer kleinen Aufführung um einen unglücklich verliebten Müllersburschen, den die schöne Müllerin verschmäht und der sich deshalb ertränkt - oder wie möchte man des Baches „Leichenred im nassen Ton“ sonst interpretieren? Fast ebenso bekannt: „Der Lindenbaum“, der mit der schönen Zeile beginnt: „Am Brunnen vor dem Tore.“

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