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Vor den Toren von Paris : Tanz in den Dezember

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Die Guinguette ist eine bissige und laute Frau, die sagt, was sie denkt, und tut, was sie will. Bild: Eliane Morand

Nie von Guinguettes gehört? In diesen Lokalen trafen sich früher die Franzosen zum Essen und Trinken und Tanzen. Jetzt kommen auch die Jungen wieder. Ein Besuch im „Chez Gégène“ bei Paris.

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          Fünfundsiebzig Jahre lang ging meine Großmutter Gisèle jeden Sonntag in einem Pariser Vorort tanzen. Solange sie laufen konnte, bis zu ihrem 84. Lebensjahr. In den letzten Jahren konnte sie nicht mehr tanzen, aber sie ging trotzdem hin. Ein Sonntag, an dem sie nicht mittags zur Guinguette ging, war unvorstellbar. Die Guinguette stand so fest in ihrem Tagesplan wie der Kirchturm in der Mitte der Vorstadt, in der sie aufgewachsen war. Der Klischeefranzose, so wie man ihn sich in Deutschland vorstellt, isst Baguette und Foie gras und trinkt viel Wein und raucht filterlose Zigaretten und baut sehr hohe Stahltürme und sehr schnelle Züge und Autos, die in der Kurve so aussehen, als fielen sie um – alles schön und gut, aber kann man das Frankreich des 20. Jahrhunderts verstehen, ohne zu wissen, was eine Guinguette ist?

          So wichtig wie die Biergärten den Bayern

          Kann man nicht. Guinguette sind alte Tavernen und Lokale, in denen seit fast einem Jahrhundert am Wochenende Franzosen tanzen und essen gehen, und auch wenn die meisten jüngeren Franzosen dort noch nie waren und die Alten immer seltener hingehen: Die Guinguettes waren für Frankreich so wichtig wie der Biergarten für Bayern oder der Pub für England. Sie ist der Ort, an dem alles zusammenkommt, was die Kultur des Landes ausmacht, Essen, Trinken, Musik, die Form von Geselligkeit, das Ideal von Gesellschaft, der Ort, an dem das Leben so aussieht, wie es im besten Fall sein soll.

          Ob meine Großmutter je bei „Gégène“ gewesen ist, weiß ich nicht. Doch all meine Erinnerungen, die ich mit ihrem Frankreich verbinde, habe ich bei „Gégène“ wiedergefunden. Es war mein erstes Mal. Es war eine Reise in ein verschwundenes Frankreich, das fast unsichtbar, aber immer noch am Leben ist – und neuerdings von immer mehr jungen Franzosen wiederentdeckt wird.

          Über den Ursprung des Wortes Guinguette, ist man sich unschlüssig: Es ist ein Ort, an dem getrunken, gegessen und getanzt wird. Andere sagen, dass das Wort von dem Weißwein „guinguet“ abstammt, der im 18. Jahrhundert viel konsumiert wurde. Er wird als ein sehr säuerlicher Wein beschrieben, der die Ziegen zum Tanzen bringt. Die Guinguette ist eine bissige und laute Frau, die sagt, was sie denkt, und tut, was sie will.

          „Ohhhh, tout le monde est prêt?“

          „Chez Gégène“ ist eine Guinguette in einem östlichen Vorort von Paris in Joinville-le-Pont. Sie ist fast hundert Jahre alt, und für eine Hundertjährige ist sie erstaunlich lebendig. „Salut les copines“, hallt es aus den Lautsprechern. Hallo alle beisammen. Ein glatzköpfiger Mann sitzt am Klavier und brüllt ins Mikrofon. Es bilden sich drei Reihen, und das Publikum fängt an, im Rhythmus der Musik zu tanzen. „Ohhhh, tout le monde est prêt?“ Sind alle bereit? Zweimal nach links, zweimal nach rechts. Umdrehen. „Attention, oho!“ Jetzt fangen alle von vorne an, aber in der entgegengesetzten Richtung. Zweimal nach links, zweimal nach rechts.

          Wie kann man Frankreich verstehen, wenn man nicht weiß, was eine Guinguette ist? Hier das Casino de la Fôret auf einer alten Postkarte.
          Wie kann man Frankreich verstehen, wenn man nicht weiß, was eine Guinguette ist? Hier das Casino de la Fôret auf einer alten Postkarte. : Bild: Picture-Alliance

          „Chez Gégène“ liegt fünfzehn Kilometer östlich von Paris, an der Marne: ein kleines Restaurant, rot-weiß-karierte Tische und weiße Plastikstühle stehen aneinandergereiht am Wasser unter großen weißen Plastikplanen. Eine überdimensionierte große Plastikfigur, die offenbar einen Chefkoch darstellen soll, ragt übers Dach hinaus mit einer weißen Kochmütze und einem roten Halstuch. Sie lädt mit einem grimmigen Gesicht die Gäste zu „Gégène“ ein, in einer roten Leuchtschrift steht „Chez Gégène“ und „BAL“ an der Fassade. Neben der Guinguette befindet sich ein leeres verlassenes Gebäude. Die Fenster sind mit weißer Farbe beschmiert, so dass man nicht ins Lokal schauen kann. „Robinson“ steht über dem Eingang des Gebäudes – eine alte Guinguette, die nach dem Zweiten Weltkrieg gut besucht war.

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