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„Els Comellars“ auf Mallorca : Ferien in der Moderne

Dass sich dieses Haus, so monumental es anfangs erscheint, nicht wichtiger nimmt als seine Bewohner, gerade darin besteht die Kunst der Architekten. Bild: Staun

Die Villa „Els Comellars“ auf Mallorca ist eines der kompromisslosesten Gebäude des Minimalismus. Will man in einem so strengen Haus Urlaub machen?

          4 Min.

          Als wir das Haus zum ersten Mal sahen, zuerst auf Bildern, dann aus dem Autofenstern, als es nach einer Kurve, die der Feldweg nahm, plötzlich vor uns auftauchte, da waren wir sehr schnell sehr überwältigt: von seiner Größe, von seiner Klarheit, von seiner Einzigartigkeit. Es waren im Prinzip nur ein paar Wände, hohe Mauern aus Naturstein, gestrichen in der rotbraunen Farbe der mallorquinischen Erde, aus denen es bestand. Aber manchmal reichen eben schon ein paar Linien, um eine andere Welt zu skizzieren.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir hatten so ein Haus noch nie gesehen; und als wir dann im Innenhof standen, da wurden wir ganz still und überlegten, welchen jener Begriffe, die seinen Charakter zu beschreiben versuchen, wir am zutreffendsten fanden: Kloster? Festung? Tempel? Skulptur? Vor allem aber fragten wir uns, ob es wirklich so eine gute Idee war, hier unsere Ferien zu verbringen.

          Ehrfurcht und Bewohnbarkeit

          Wir waren also, noch während wir von Ehrfurcht ergriffen unsere Koffer auspackten und ihren Inhalt sorgfältig in den großen Einbauschränken verstauten, um die gnadenlose Aufgeräumtheit dieses Hauses nicht schon am ersten Tag zu zerstören, sofort mittendrin in der Debatte um Theorie und Praxis einer Architektur, die man für gewöhnlich als Minimalismus bezeichnet und die, wenn man so will, hier in der Nähe von Santanyi, an der Ostküste Mallorcas, zum ersten Mal ganz kompromisslos verwirklicht wurde. Das Haus, das der Kunsthändler Hans Neuendorf und seine Frau Caroline 1987 in der Nähe von Santanyí bauen ließen, war das erste Gebäude, das die Architekten John Pawson und Claudio Silvestrin entwarfen, und auch wenn beide den Begriff „Minimalismus“ nie mochten, so gelten sie doch heute als zwei seiner herausragenden Vertreter. Doch so elegant die Schlichtheit der Räume auch ist, so beeindruckend die Klarheit der Formen, so sehr mussten sich Pawson und Silvestrin immer die Frage nach der Bewohnbarkeit ihrer Häuser gefallen lassen.

          Minimalismus, das klingt eben zunächst nach Kälte und Verzicht, nach harten Stühlen und nach rohen Wänden, nach einer Strenge, deren Konsequenz man zwar grundsätzlich gar nicht genug bewundern kann; nach dem Komfort aber, den sich viele gerne in ihren Ferien gönnen, klingt es nicht. Eher nach einem Ort, der auch die Menschen, die sich dort aufhalten, zu einer gewissen ästhetischen Disziplin erziehen will. Schon die Vorstellung etwa, einen bunten Wasserball in den kolossalen Pool zu werfen, kommt einem anfangs wie ein Sakrileg vor.

          Atrium mit dem 83 Zentimeter breiten Spalt
          Atrium mit dem 83 Zentimeter breiten Spalt : Bild: Andre Rival

          Für den Urlaub scheint sich das Haus der Neuendorfs auf den ersten Blick deshalb höchstens für Menschen zu eignen, die sich Urlaub vor allem als Urlaub vom Zuviel vorstellen, von zu viel Lärm, zu vielen Bildern, zu vielen Informationen, zu viel Geschmacklosigkeit; als ästhetische Fastenkur gewissermaßen. Tatsächlich haben Pawson und Silvestrin ihre Einfachkeit immer als Gegenentwurf zu den Zumutungen nutzlosen Überflusses verstanden. Und dass ihr Luxus des Weglassens eher nach Askese als nach Genuss klingt, daran sind sie selbst auch nicht ganz unschuldig: Claudio Silvestrin zählt die Architekten der Zisterzienserklöster zu seinen größten Vorbildern.

          John Pawson ist in Deutschland vor allem für den Umbau der Augsburger Moritzkirche bekannt, der er 2013 sämtliche Schnörkel austrieb und dadurch für eine Form der Erhabenheit sorgte, die auch ungläubige Besucher ergreift. Auch ein richtiges Kloster hat er schon gebaut, für die Trappistenmönche im böhmischen Novy Dvur. Und zu den zahlreichen Museen und Galerien, die die beiden Minimalisten gebaut haben, passt ihr unaufgeregter Stil genauso gut wie zu den von ihnen entworfenen Designerläden von Calvin Klein (Pawson) oder Giorgio Armani (Silvestrin). Silvestrin hält das Haus der Neuendorfs noch immer für sein kompromisslosestes Werk. Wenn er gebeten wird, seine Architektur zu erklären, empfiehlt er gerne die Lektüre von Heidegger. Aber will man wirklich Urlaub machen im Haus des Seins?

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