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Der Vega-Archipel : Ab in die Federn!

  • -Aktualisiert am

Feder ist nicht gleich Feder. Bild: Getty

Auf einer kleinen Insel in Norwegen hüten ein paar Frauen viele hundert Enten. Aus den Daunen, die diese verlieren, werden die teuersten Betten der Welt.

          Und da ist der Schatten wieder, und dieses Mal ist sie sich sicher, dieses Mal weiß sie, dass sie handeln muss. Es gibt ein leises, dumpfes Geräusch, als die Tasse im Wasser auf dem Spülbeckenboden aufschlägt, und dann stürzt Hildegunn Nordum zur Tür hinaus und ruft und schreit und schwingt ihr Küchenhandtuch über dem Kopf wie ein Lasso. Zuerst scheint das den Seeadler nicht zu irritieren. Er ist zwei Schleifen geflogen, hat die Lage sondiert und die Beute erwählt, aber als er sie nun greifen will, steht die schreiende Frau direkt unter ihm. Gleich neben der Eiderente, die schockstarr auf ihrem Nest hockt. Der Adler bricht seinen Angriff ab. Sein Schrei ist heiser. Er fliegt eine letzte Schleife und verschwindet Richtung Festland.

          Ente dankt mit Daunen

          Frau gegen Greif: So geht das auf Lånan schon seit Jahrhunderten. Weil die Frauen auf der kleinen Insel seit Wikingerzeiten alles tun, um ihre Zöglinge vor dem Zugriff durch Adler und Eulen zu schützen. Wahrscheinlich gibt es auf dem Planeten keinen zweiten Ort, an dem die Eiderente so behütet und umsorgt brüten kann wie im Vega-Archipel vor der norwegischen Küste. Hier draußen gelingt Mensch und Ente eine Symbiose, die so einzigartig ist, dass die Unesco sie zum Weltkulturerbe erklärt hat. Der Deal? Mensch bietet Ente Schutz, Ente belohnt Mensch mit Daune. Mit der besten und wärmsten Daune, die es gibt, und mit der wertvollsten. Manchmal kann die Welt sehr einfach sein.

          Selbst beim Plausch vor dem Haus sind die Augen immer gen Himmel gerichtet. Von dort kommt die Gefahr.

          So darf man Hildegunn Nordum natürlich nicht kommen: Einfach? Das Wort lässt sie nicht gelten, wenn es um ihre Eiderenten geht, einfach ist da nämlich nichts. War es auch noch nie. Wird es auch niemals sein. Schon eine kleine Unachtsamkeit kann weitreichende Konsequenzen haben. So wie vorhin. Hätte der Adler die brütende Ente erwischt, wären ihre Artgenossen um sie herum panisch ins Wasser geflüchtet. Auf so einen Moment aber lauern die großen Möwen – die hätten sich sogleich über die Eier in den Nestern hergemacht. Drei oder vier davon legt eine Eiderente, manchmal auch fünf oder sechs. Je mehr es sind, umso mehr Daunen zum Wärmen der Eier lösen sich von ihrer Brust. Fallen Möwen über die verlassenen Nester her und stehlen Eier, hat das also sofort Auswirkungen auf die Daunenproduktion. „Und im nächsten Jahr kommen die Enten nicht mehr wieder“, sagt Nordum. „Die fühlen sich dann nicht mehr sicher bei uns.“

          Lånan ist eine dieser skandinavischen Inseln, wie man sie aus der Werbung kennt: ein großer, flacher Felsrücken im Atlantik mit einer Handvoll rotweiß gestrichener Holzhäuser obendrauf. Kein Baum, kein Strauch, bloß Moose und Gras, das der Nordatlantikwind zaust. Draußen im Meer ragen andere Inseln aus dem Dunst, 6500 sind es insgesamt, die allermeisten nicht mehr als große Steine. Am Horizont sehen die schneebedeckten Gipfel der Küstenberge aus, als habe sie jemand mit Wasserfarben an den Himmel getuscht. Lånan liegt etwa in der geographischen Mitte Norwegens; das Meer hier ist tief, der Himmel weit und die Stille allumfassend. Man hört die klagenden Rufe der Möwen, das aufgeregte Tschilpen der Lerchen und das Geräusch, das der Wind und die norwegische Nationalflagge miteinander veranstalten. Sonst hört man nichts.

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