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Austin in Texas : Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange ungeklärt

Schlagader des Lebensgefühls: An der South Congress Avenue darf jeder Bewohner von Austin sein, wie er will – jedenfalls, bis ihn der Boom einholt. Bild: Mazodier/Le Figaro Magazine/laif

Keine andere Stadt in Amerika wächst so schnell wie Austin in Texas, und keine andere ist so stolz auf ihre Eigenwilligkeit. Doch ausgerechnet die eigene Erfolgsgeschichte bedroht dieses kostbare Gut.

          Willie Nelson sitzt so gelassen auf seinem Sockel, wie ihn die ganze Welt kennt, ein getreues Abbild seiner selbst mit Zopf, Zottelbart und Piratenstirnband, aber ausnahmsweise ohne Joint. Als sein Denkmal vor dem Moody Theater in Austin eingeweiht wurde, war das ganz anders. Man fragte den Country-Sänger, wann die Zeremonie stattfinden solle, und er wählte den 20.April, aber nicht wegen Hitlers Geburtstag, Gott bewahre, Nelson und ein Neonazi, kein Gedanke könnte abwegiger sein. Er wollte dieses Datum wegen seiner Liebe zu Marihuana und sandte mit ihm eine Botschaft an alle Gleichgesinnten: 420 ist ein Geheimcode unter Haschischfreunden, weil diese Zahl das Polizeikürzel für Straftaten mit Cannabis ist, für dessen Legalisierung sich der Vierhundertzwanzigerserienstraftäter Willie N. zeitlebens und lautstark auch in seinen Liedern einsetzt. Und an jenem 20.April taten ihm seine Fans den Gefallen, die Bronzestatue mit Joints zu übersähen, was in der Hauptstadt des erzkonservativen Bundesstaates Texas nicht mit einen Aufschrei der Empörung, sondern einem wohlwollenden Lächeln quittiert wurde.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Daran trägt Willie Nelson, Austins inoffizieller Stadtheiliger und Spiritus Rector, eine beträchtliche Teilschuld. Im Jahr 1970 floh er aus dem durchkommerzialisierten Nashville mit seinem Konservendosen-Country nach Austin, begründete hier eine neue, unabhängige, widerspenstige Musikbewegung, wurde gemeinsam mit Johnny Cash und Kris Kristofferson zur Ikone dieses „Outlaw Country“ und sorgte nebenbei dafür, dass sich die Stadt heute als „Live Music Capital of the World“ bezeichnen kann – einer der vielen inflationären Weltmeistertitel in Amerika, der aber keine Hybris, sondern dank Hunderter Bühnen für Live-Konzerte selbst in Supermärkten, Tankstellen und Flughafenrestaurants vollauf gerechtfertig ist. Doch Willie Nelsons noch weit größeres Verdienst war es, mit seiner anarchischen Geisteshaltung den Grundstein für das heutige Selbstverständnis seiner neuen Heimat gelegt zu haben. „Keep Austin Weird“ lautet ihr selbstgewähltes Motto – seltsam, so die wörtliche Übersetzung, soll Austin bleiben, unkonventionell, eigensinnig, liberal, libertinär, ökologisch, alternativ, tolerant, homophil, ein Ort, der dem typischen Texas hohnspricht und deswegen den meisten Texanern suspekt ist, eine Stadt, deren selbstverständlich demokratischer Bürgermeister alle Schwule, Lesben und Transgender einlud, in die örtliche Polizei einzutreten, nachdem Donald Trump sie aus der Armee hatte werfen wollen.

          Patriotisch ergriffenes Selfie-Publikum

          Dallas und Houston sind in Texas schon immer die Städte des Öls und der Cowboys gewesen, während die beiden allerdings gar nicht seltsamen Säulen, die Austin seit je tragen, auf einer Sichtachse nur eine Meile auseinander stehen: das Kapitol als Inkarnation der Regierungsgewalt und der Glockenturm der University of Texas als Sinnbild für Bildung und Forschung, das als eine Art amtlich sanktionierter Studentenstreich bei jedem Sieg des universitären Footballteams der Texas Longhorns in grellen Farben illuminiert wird.

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