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Austin in Texas : Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange ungeklärt

Der Treibstoff der Stadt

Mit reichlich Freibier aus einer schrankkoffergroßen Kühlbox wird die sonderbar sozialistische Geduld der Austinites beim Schlangestehen vor den beliebtesten Food Trucks belohnt, etwa bei der Bude von Thomas Micklethwait. Jeder kann sich dort während der ein- bis zweistündigen Wartezeit frei bedienen – bei Franklin’s Barbecue um die Ecke sind es sogar vier Stunden – und bekommt dann als Entschädigung durch das Fenster eines ramponierten Wohnwagens mit angeschlossenem Räucher-Trailer inklusive Sechs-Meter-Räucherofen zwölf Stunden lang mild geräuchertes und anschließend kurz gegrilltes Fleisch von Rind, Huhn und Schwein gereicht, das ausgezeichnet schmeckt, allerdings kein kulinarisches Hexenwerk ist und deswegen die lange Wartezeit kaum rechtfertigen kann. Die Bereitwilligkeit zur quälenden Geduldsprobe lässt sich wohl nur mit den Bizarrerien des Instagram-Irrsinns erklären, dieser freiwilligen Massenselbstmobilisierung am Rande des sozialen Totalitarismus, bei der man mit höchster Begeisterung alles macht, was alle machen, weil es alle machen.

Es ist allerdings genauso erstaunlich, wie wenig sich die Austinites von solchen Zwei-Stunden-Lappalien die Lebenslust verderben lassen. Überhaupt scheint sie der Treibstoff der Stadt zu sein, die abends geschlossen auf den Beinen ist und ihre Freizeit am liebsten an der frischen Luft verbringt, um aus Austin ein texanisches Sevilla zu machen, oder ins Konzert geht, am liebsten in den Kneipen an der Rainey Street, der Red River Street und der West 6th Street, einer ebenbürtigen Schwester von New Orleans Bourbon Street, die allerdings dank einer geringeren Dichte an Gogo-Girls und Dildo-Fachhandlungen wesentlich familienfreundlicher ist.

Bild: F.A.Z.

Für den ganz großen Auftritt wählt man das Moody Theater mitten in Downtown, einen Musikpalast so gewaltig wie eine Staatsoper mit Rängen so steil wie in einem Colosseum. Seit mehr als vierzig Jahren wird hier „Austin City Limits“ aufgezeichnet, die wichtigste Musiksendung im amerikanischen Fernsehen. Sie hat neben Willie Nelson wesentlich dazu beigetragen, aus der Stadt eine Musikmetropole zu machen, und sie ist die einzige TV-Show, die jemals mit der National Medal of Arts ausgezeichnet wurde. Die großartigen Porträts ihrer Hausfotografen hängen wie eine Ahnengalerie des Pop, Rock, Jazz und Country im Rangfoyer, Bilder voller Intensität und Intimität von Miles Davis, Johnny Lee Hooker, Otis Redding, John Coltrane, B.B. King, Jimmy Hendrix, Bob Dylan, Mick Jagger, Bruce Springsteen und Janis Joplin, die an der University of Texas studiert hat und vor ihrem „Psychedelic Porsche“ posiert, einem selbstgemachten Geschenk, weil ihr Gott keinen Mercedes-Benz kaufen wollte.

Auf der Bühne steht als letzte Inkarnation des seltsamen Austin an diesem Abend der Wahl-Austinite Charley Crockett vor einem quietschbunten Rüschenvorhang mit Cowboy-Hut und Sonnenbrille, eine schräge Mischung aus Blues Brother und jener volksmusikalischen Country-Truppe, für die sich Jake und Elwood Blues in Bob’s Country Bunker ausgeben, bevor sie die Zeche prellen. Das hätte auch Willie Nelson gefallen, der draußen über Austins Nacht wacht und sich jetzt, wäre er nicht aus Bronze, bestimmt einen Joint drehen würde.

Im Herzen von Texas

• Anreise: Die schnellste und bequemste Verbindung nach Austin bietet Lufthansa an (www.lufthansa.com). Seit Mai fliegt sie fünfmal pro Woche nonstop von Frankfurt in die texanische Hauptstadt. Der Flug dauert zehn bis elf Stunden, die Preise beginnen in der Economy Class bei 485 Euro. Vor der Reise muss man sich bei den amerikanischen Grenzbehörden registrieren lassen (https://esta.cbp.dhs.gov/esta/).

• Information: Travel Texas Deutschland, Telefon: 0 89/6 89 06 38 48, traveltexas@ lieb-management.de, www.traveltexas.com und www.austintexas.org.

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