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Austin in Texas : Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange ungeklärt

Längst nicht mehr häßlich: Der Colorado River.
Längst nicht mehr häßlich: Der Colorado River. : Bild: AP

Wieder nur ein paar Schritte weiter steht in einer altertümlichen Buchhandlung der Titel „The Art of Feminism“ im Schaufenster, und selbst für die Anti-Gentrifizierungs-Fleischfabrik Hudson Meats ist noch Platz, in deren winzigem Ladengeschäft man sich mit „Knackwurst“ und „Weisswurst“ eindecken kann. Unterschiedslos reiht sich hier alles Erdenkliche aneinander, Trödel und Tattoo, Kunst und Kitsch, handgemachte Bioseifen und mexikanischer Dekorationskrempel, Geschäfte für Vinyl-Platten, Vintage-Mode, Spaß-T-Shirts mit Aufdrucken wie „I love drunk musicians“ oder Karnevals- und Halloween-Bedarf mit Horrormasken und Burlesque-Outfit inklusive Elton-John-Monsterbrillen. Und in einer Fachhandlung für Cowboy-Stiefel, die fünfzehntausend Modelle führt, kann man exklusives Wildwestschuhwerk aus dem Leder von Elefanten, Nilpferden, Manta-Rochen oder Riesenamazonasfischen erstehen. Das teuerste Paar ist aus Alligatorenhaut gefertigt und kostet dreizehntausend Dollar, während das ausgefallenstes Modell aus Kobraleder zusammengenäht und mit einem echten Kobrakopf auf der Stiefelspitze verziert ist – in Austin ist wirklich alles erlaubt.

Kein Platz für Bettler und Kopfkranke

Verblüffend homogen in diesem bunten Gewimmel sind allerdings die Menschen, die selten schwarz, selten alt, selten arm sind. Auch Austins Latinos, die immerhin jeden dritten Einwohner stellen, sind fast vollständig aus dem öffentlichen Raum verbannt und werden so zum unsichtbaren Drittel, das nur in den Salsa-Kneipen an der Red River Street wie aus dem Nichts auftaucht. Stattdessen beherrschen die fünfzigtausend Studenten und Hunderttausende Digitalarbeitsnomaden mit Spitzengehältern das Stadtbild, in dem auch kaum Platz für Bettler oder Kopfkranke ist, die allerärmsten Opfer des hartherzigen amerikanischen Utilitarismus, der so viele Downtowns in offene Psychiatrien verwandelt. Austin hält sich das alles vom Leib, Austin ist sicher und sauber, eine Fußgänger-, Elektroroller-, Radfahrerstadt, in der viel seltener als andernorts die Sirenen heulen und sich niemand in seiner Suburbia verbarrikadiert und man sich im Zweifelsfalle immer lieber unkompliziert als konventionell kommerziell gibt – die Devise „BYOB“ ist eine Art offenes Glaubensbekenntnis, das von der Konzertbühne bis zum Minigolfplatz überall gepredigt wird: „Bring your own beer“ gilt hier für alle, nicht nur für die Penner.

Manchmal gibt es sogar Freibier und meistens dort, wo sich die Stadt ihrer zweiten großen Leidenschaft neben der Musik hingibt: dem Straßenessen aus den zweitausend Food Trucks und ganz besonders dem Barbecue, der Nationalleidenschaft der Texaner, die stolz wie Bolle darauf sind, dass sie ganz anders grillen als ihre Landsleute im grillfanatischen Amerika. Sie verwenden fast ausschließlich heimisches Rind und am liebsten den speziellen Brisket Cut aus der Schulter, befeuern den Grill nur mit Eichenholz, weil es besonders gleichmäßig und lange fast ohne Rauch glüht, und verzichten in aller Regel auf Barbecue-Saucen, denn sie verfälschen den authentischen Fleischgeschmack nur – „Brauchst du eine Sauce, hast du etwas falsch gemacht“, lautet eine texanische Grillweisheit.

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