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Austin in Texas : Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange ungeklärt

Doch Austins selbsterklärte, heißgeliebte Seltsamkeit ist ein bedrohtes Gut. Nirgendwo wird das so sichtbar wie in den Vierteln rund um die South Congress Avenue, der Brutstätte des „Weird Austin“. Früher lebten hier die armen Schlucker, darunter viele Musiker, die sich bescheidene Holzhexenhäuschen für ein paar tausend Dollar von der Stange kauften und sich mit dem Tieflader liefern ließen. Sie füllen noch heute ganze Straßenzüge, rotten patinös vor sich hin und geben South Austin mit ihren klapprigen Schaukelstühlen auf verlotterten Veranden und den selbstgebastelten Kunstwerken im Vorgarten den Charme einer großen, antiautoritären Kommune.

South Austin hat bis heute den Charme einer großen, antiautoritären Kommune.
South Austin hat bis heute den Charme einer großen, antiautoritären Kommune. : Bild: Picture-Alliance

Jetzt aber machen sich zwischen ihnen immer mehr kubistische Villen und luxuriöse Bungalows wie eine invasive Spezies breit und sorgen für eine eigenartige Gleichzeitigkeit von Hippie und Hipster. Und als Vorboten der bevorstehenden Totalgentrifizierung sprießen die Schilder der Makler aus den Rasenflächen, wobei der Name eines offensichtlich höchst erfolgreichen Immobilienhais besonders oft zu lesen ist, eines Großkotzes, der sich einen Protzbau von der zehnfachen Größe seiner Nachbarhäuser in eine stille Seitenstraße geklotzt hat und entsprechend verhasst ist bei den Alteingesessenen; Großwildjäger sei der Kerl in seiner Freizeit auch noch, sagen sie voller Verachtung und erzählen mit rollenden Augen, dass manche Häuser inzwischen für eine Million Dollar verkauft würden – Schnäppchenpreise, bei denen die Neuankömmlinge aus New York und San Francisco noch nicht einmal eine Augenbraue heben.

„Knackwurst“ und „Weisswurst“

So leicht aber gibt sich das „Weird Austin“ nicht geschlagen, das seinen Nonkonformismus, seine Freigeistigkeit, seine Freude an der Vielfalt entlang der South Congress Avenue am lustvollsten auslebt. Hier herrschen Egalitarismus statt Snobismus, Entspanntheit statt Hamsterradrennen, Schlabberlook statt Urban Chic, Toleranz statt Verbohrtheit, hier darf jeder sein und tun und lassen, was er will. Man trägt Flipflops, Jesuslatschen oder Cowboy-Stiefel, man fährt Elektroroller, Harley-Davidson oder Muscle Car fürs Dragster-Rennen. Auf dem Bürgersteig hocken Wiedergänger von Willie Nelson in jeder Altersstufe mit ihrer Klampfe und in den Cafés junge, schöne, dünne Frauen wie aus amerikanischen Glamourserien mit ihren Smoothies. Kirchen aller Glaubens-Couleur stehen neben einem Farm to Market Grocery mit dem blasphemischen Gemälde von „Our Lady of the Radish“ an der Fassade, auf dem eine Madonna Radieschen schnippelt. Und in der Trattoria nebenan werden ebenso ketzerische Kerzen verkauft, die Barack Obama, Oprah Winfrey, Jimi Hendrix, Mariah Carrey oder Bernie Sanders als Heilige zeigen.

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