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Austin in Texas : Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange ungeklärt

Austin ist heute die am schnellsten wachsende Stadt Amerikas, die ihre Bevölkerung in nur dreißig Jahren auf eine Million verdoppelt hat, die Jahr für Jahr mehr Arbeitsplätze schafft als jeder andere Ort zwischen Atlantik und Pazifik und die ihre Attraktivität bei der Hightech-Elite auch der Tatsache verdankt, kein Silikon-Tal voller Nerds in langweiligen Kleinstädten zu sein, sondern die Stadt von Willie Nelsons Gnaden und Erben. Das gefällt sogar den Nerds.

Wolkenkratzer mit Balkonen

Nichts ist geblieben von dem Nest, das 1835 als Waterloo gegründet und schon drei Jahre später – vermutlich wegen der zweifelhaften Aura dieses Namens – zu Ehren von Stephen F. Austin, dem Gründer der Republik Texas, umbenannt wurde. Kaum etwas außer dem Kapitol und einer Handvoll unauffälliger Backsteingebäude ist von der Kleinhauptstadt des riesigen Bundesstaates Texas geblieben, die Austin während der längsten Zeit seiner Geschichte gewesen ist. Fast alles hier ist neu, frisch, jung, optimistisch, zukunftszuversichtlich, wenn auch nicht immer schön und gelungen, allen voran die Skyline, die erst seit dem Jahr 2000 wachsen darf, nachdem aus Platzmangel das Gesetz außer Kraft gesetzt worden war, wonach kein Gebäude höher als das Kapitol sein dürfe.

Das größere Kapitol: Das Texas State Capitol in Austin.
Das größere Kapitol: Das Texas State Capitol in Austin. : Bild: AP

Seither ist im chinesischen Zeitraffertempo eine imposante Silhouette entstanden, die für amerikanische Verhältnisse so seltsam ist wie das ganze „Weird Austin“. Denn die meisten Wolkenkratzer haben Balkone, weil sie zu vier Fünfteln Wohnungen statt Büros beherbergen, das Zuhause Abertausender Hochtechnologiearbeiter, die sich den Luxus eines Home Office leisten können – und die nebenbei der Innenstadt den wundersamen Luxus eines fast schon mediterranen Lebens statt einer Büroschlusstotenstille mit Obdachlosen als einzigen menschlichen Gestalten bescheren.

So konnte auch der Colorado River zu einem raren Glücksfall für eine amerikanische Downtown werden, zu einem Main, einer Seine, einem Guadalquivir im tiefsten Texas, zu einem Fluss, der mit der Stadt und mit dem die Stadt im besten Einvernehmen lebt. Viele Jahre lang war er eine Kloake, bis Lady Bird Johnson, die von Kindesbeinen an mit ihrem Marienkäfer-Spitznamen aufgewachsene Frau von Präsident Lyndon B. Johnson, das Trauerspiel nicht länger ansehen wollte und dem Hausfluss ihrer Wahlheimat eine radikale Renaturierung verordnete. Der schönste Teil des Colorado River im Zentrum trägt aus Dankbarkeit jetzt ihren Namen, eine Ehrung, die sich die First Lady zeitlebens strikt verbat – und die wohlverdient ist, denn heute fließt der Fluss als multifunktionales Naherholungsgebiet für Horden von Joggern, Radfahrern, Wassersportlern, Flaneuren, Liebespaaren, Gassigehern mitten durch die Stadt.

Mitunter wie im Altmühltal

Seine Ufer säumen Ruderklubs, Kajakvereine und Schulen für Stand Up Paddling, es gibt Open-Air-Bühnen, Freibäder und die Barton Springs, einen natürlichen, aus unterirdischen Quellen mit sechzehn Grad kühlem Wasser gespeisten Pool, eine Wohltat bei brütenden vierzig Grad Celsius im Sommer. Ai Weiwei hat am Colorado River tausendzweihundert Metallfahrräder zu einer Monumentalskulptur zusammengeschweißt, in den Hohlräumen der Congress Avenue Bridge wohnt die größte urbane Fledermauskolonie Amerikas, deren abendliche Fressflüge zu einem Touristenspektakel geworden sind, und im üppigen Grün entlang des roten Flusses fühlt man sich mitunter wie im Altmühltal und nicht wie inmitten der elftgrößten Stadt der Vereinigten Staaten – ein seltsames Gefühl, das man auch als flüchtiger Besucher schnell nicht mehr missen will.

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