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Austin in Texas : Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange ungeklärt

Wandporträt von Willie Nelson, Country-Star.
Wandporträt von Willie Nelson, Country-Star. : Bild: Mazodier/Le Figaro Magazine/laif

Da in Texas nach einem südstaatenstolzen Sprichwort alles größer ist als im übrigen Land, muss es natürlich auch das Kapitol sein. Es überragt seinen Nationalcousin in Washington um sechs Meter, wird von einer monströsen Göttin der Freiheit gekrönt und wurde – so viel Patriotismus muss sein – am 21. April 1888 eröffnet, exakt zweiundfünfzig Jahre nach dem Sieg von General Sam Houston über den mexikanischen Befehlshaber Santa Anna, der Texas seine kaum zehn Jahre währende und trotzdem bis heute mythisch verklärte Unabhängigkeit als freie Republik sicherte.

Das Kapitol ist das bei weitem repräsentativste Gebäude der Stadt und wirkt trotzdem wie ein Fremdkörper, dieser neoklassizistische Prachtklotz aus rotem Granit mit kannelierten Säulen, korinthischen Kapitellen und einer fünfundachtzig Meter hohen Rotunde, in die New Yorks Freiheitsstatue fast zweimal hineinpassen würde. Oben an der Kuppel prangen der Lone Star, der texanische Flaggenstern, und der Name des Bundesstaates in gigantischen goldenen Lettern, unten sind in ein Bodenmosaik die Wappen aller fünf Staaten eingelassen, die Texas in seiner Geschichte regiert haben und heute den Touristenführern ein willkommener Anlass für ein kleines Ratespiel sind. Spanien, Mexiko, die unabhängige Republik Texas, die Konföderierten und die Vereinigten Staaten von Amerika lautet die korrekte Lösung, für die sich das patriotisch ergriffene, aus allen Ecken des Bundesstaates angereiste Publikum beim Selfie-Machen allerdings nur genauso mäßig interessiert wie für die beschämende Tatsache, dass in der Rotunden-Galerie sämtlicher Gouverneure nur zwei Frauen auftauchen.

Das oberste Gebot des amerikanischen Traums

Der Patriotismus setzt sich im Park rund um das Kapitol nahtlos fort. Er ist mit siebenundzwanzig Baumarten bepflanzt, die typisch für die texanische Flora sind, mit Eichen, Magnolien, Palmen, Zedern, Platanen, und wird von zwei Dutzend pathetischen Bronzedenkmälern für all jene bevölkert, die Heroisches für die Heimat geleistet haben: die Märtyrer von Alamo und die Gefallenen des Spanisch-Amerikanischen Unabhängigkeitskampfes, die Veteranen zumindest der beiden Weltkriege und die Toten des Korea-Konflikts, Cowboys, Ranger, Pionierfrauen, Schulkinder, Feuerwehrleute, nur nicht Willie Nelson, der hier auch nichts verloren hätte. Dafür kommt der liebe Gott zu seinem Recht: in Gestalt einer monumentalen, mosaischen Gesetzestafel, in die seine Zehn Gebote eingemeißelt sind.

Die Skyline ist eine jüngere Entwicklung: Blick über den Colorado River.
Die Skyline ist eine jüngere Entwicklung: Blick über den Colorado River. : Bild: Picture-Alliance

Das oberste Gebot des amerikanischen Traums, wonach jeder seines Glückes Schmied und nichts schlimmer als Selbstgenügsamkeit ist, wird rund um den Glockenturm mit glühendem Eifer befolgt. So konnte die University of Texas zur Keimzelle für Austins märchenhaften Aufstieg zu Amerikas zweitem Silicon Valley werden. In ihrem Studentenwohnheim gründete Michael Dell seine Weltfirma, die längst Gesellschaft von allen amerikanischen Hightech-Giganten bekommen hat. In nächster Zukunft will allein Apple einen Campus für eine Milliarde Dollar mit zehntausend Hochtechnologie-Jobs bauen. Und in die Sphären des Legendenstatus dringt inzwischen die jedes Jahr im März stattfindende Konferenz South by Southwest vor, die sich zum weltweit wichtigsten Treffpunkt der digitalen Intelligenzija entwickelt hat – und ursprünglich, wie könnte es anders sein, ein reines Musikfestival war.

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