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Bekleidung in der Sauna : Was haben Sie denn an?

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So ohne alles ist es doch am gemütlichsten, finden viele Deutsche. Aber wollen die anderen das auch alles so genau wissen? Eben nicht Bild: LAIF

Die Bekleidungsfrage wird immer dann zum Streitthema, wenn die Saunakulturen des Südens und des Nordens aufeinanderprallen. Ob etwas oder nichts, die Bekleidungsfrage wird heiß diskutiert.

          Der Herr aus Kassel kennt sich aus in der Welt des tropfenden Schweißes: Seit 15 Minuten sitzt er breitbeinig auf der obersten Stufe der Hotel-Sauna im Südtiroler Ferienort Gröden. Natürlich nackt. Jetzt betritt ein italienisches Pärchen die Schwitzstube. Natürlich in Badehose und Bikini. Der Deutsche runzelt die Stirn: „Scusa, nudo!“, radebrecht er. Die Italiener tun so, als ob sie ihn nicht verstehen. Die Luft knistert, und es liegt nicht nur an den 90 Grad Innentemperatur. Der Nackedei aus Kassel probiert es jetzt auf Englisch: „Textile-free zone!“, ruft er. Der Italiener antwortet so kurz wie unmissverständlich: „No!“ Später sieht man das Trio aufgeregt mit der Hoteldirektion diskutieren.

          Dass Männer und Frauen zusammen splitternackt schwitzen, ist eine deutsche Spezialität, für die sich nur noch Urlauber aus den Benelux-Staaten, aus Österreich und der Schweiz erwärmen können, vielleicht auch noch Osteuropäer. Slowenen tragen meist nicht einmal Badelatschen. Die Franzosen, wie es heißt Weltmeister der Erotik, werden dagegen im hölzernen Séparée plötzlich prüde. In den katholischen Ländern Südeuropas kommt es ohnehin nicht in Frage, sich öffentlich nackig zu machen. Man geht brav getrennt und meist auch mit „costume“ in die Heißzelle, sofern es im Ferienhotel überhaupt eine gibt. Selbst in Finnland, dem Mutterland der Sauna, wird das so gehandhabt, zumindest in öffentlichen Einrichtungen. Im Hamam in islamischen Ländern trennen sich die Wege für die Geschlechter spätestens am Eingang, und man nutzt ein Pestemal genanntes Tuch zur Verhüllung der Scham. In den angelsächsischen Ländern würde man vermutlich in Handschellen abgeführt, wollte man eine Sauna oder ein Dampfbad nackt betreten. Und „mixed“, gemischt, ist hier allenfalls der Beilagensalat.

          Sind die Deutschen in der Überzahl, fallen die Hüllen

          Polyglotte Urlauber kennen die ländertypischen Regeln. Zu Missverständnissen kommt es jedoch dort, wo die Saunakulturen des Südens und Nordens ungebremst aufeinanderprallen. Und das sind nun einmal das italienische, aber deutschsprachige Südtirol und das angrenzende Trentino mit dem nördlichen Gardasee. In Michil Costas Luxushotel „La Perla“ in Corvara und der Therme Meran wird nackt geschwitzt, im „Adler Dolomiti Spa & Sport Resort“ in Gröden in Badekleidung. Sind die Deutschen in der Überzahl, fallen oft die Hüllen. Die Schmerzgrenze der teutonischen Urlauber ist in der Regel erst dann erreicht, wenn der Chef wider Erwarten im selben Hotel eincheckt. Locker geht es auch in Hotels wie dem „Du Lac et Du Parc Grand Resort“ in Riva del Garda zu, wo die mehrheitlich sportlichen Gäste ihre Luxuskörper gern freizügig präsentieren. Noch weiter südlich wird man in Italien jedoch kaum FKK-Freunde finden.

          In Südtirol und im Trentino überlegen einige Hotels sogar getrennte Bereiche für Italiener und Deutsche einzurichten, um den Zusammenstoß der Kulturen abzufedern. Die Touristiker von Südtirol Marketing halten das zwar für keine gute Lösung, aber eine bessere Idee, wie das Problemchen aus der Urlaubswelt zu schaffen wäre, haben auch sie nicht. Hansjörg Ainhauser, Präsident des Tourismusvereins Schenna in Südtirol und selbst Hotelier, sagt: „Bei uns ist die deutsche Saunakultur weiter verbreitet als die italienische. Aber wir müssen als Gastgeber beide Kulturen respektieren. Einige größere Häuser geben körperbedeckende, antibakterielle Sauna-Kilts aus oder weisen einen eigens gekennzeichneten, nicht-textilfreien Familien-Saunabereich aus.“

          Strikte Geschlechtertrennung in internationalen Häusern

          Über die Bruchlinien der Badekulturen den Kopf zerbrechen darf sich auch die Schweizer Luxushotellerie. Grundsätzlich gilt dort: Je nobler und internationaler das Haus, desto sensibler das Thema. So praktizieren etwa das „Dolder Grand“ in Zürich und das „The Alpina“ in Gstaad eine strikte Geschlechtertrennung. Ökonomisch ist das zwar nicht, weil sämtliche Einrichtungen dupliziert werden müssen und eine Saunalandschaft dadurch selten großzügig wirkt. Aber die Hoteliers haben dabei eben die lukrativen Zielgruppen aus Indien und dem Mittleren Osten im Blick. Im noch neuen „The Chedi“ in Andermatt gibt es zwar eine gemischte Sauna, wer diese jedoch „unten ohne“ betritt, wird schnell einen etwas peinlich berührten Spa-Bediensteten in der Holztür stehen sehen, der einem freundlich, aber bestimmt ein Handtuch anbietet.

          Im „Kulm“ in St. Moritz und im „Kronenhof“ in Pontresina wurde die Geschlechtertrennung in der textilfreien Zone wieder aufgehoben, nachdem deutschsprachige Gäste dagegen rebelliert hatten. Deren Argument: „Ich will mit meinem Schatz gemeinsam schwitzen!“ Für Frauen gibt es jetzt in beiden Fünf-Sterne-Häusern eine separate Sauna mit Ruheraum. Für Männer übrigens nicht. Ihnen wird damit unterstellt, dass sie quasi schon von Geschlechts wegen nichts gegen nackte Tatsachen einzuwenden haben. Männer aus islamischen Ländern könnten da anderer Meinung sein.

          Eine nicht-repräsentative Umfrage zeigt: Alles ist möglich. Gemischt ohne Kleider, Frauen ohne Kleider, Männer ohne Kleider, gemischt mit Kleidern, spezielle Zeiten nur für Frauen. Vielleicht brauchen die anderen Nationen ja einfach noch etwas Zeit, um sich damit anzufreunden. Emmi und Robert Falch, Senior-Chefs des Aparthotels „St. Anton am Arlberg“ in Tirol, ließen zum Beispiel bereits 1953 die erste öffentliche Sauna Westösterreichs bauen. Das galt damals als anrüchig, fast wurden die Falchs vom Kirchenbesuch verbannt. Doch die Freunde des gesunden Schwitzens, angeführt von Kammersänger Rudolf Schock und Tiefseetaucher Hans Hass, formten eine starke Lobby. Auch die Skiläufer genossen nach den Weltcuprennen gerne die Falchsche Schwitzkammer. Heute sind textilfreie Saunen in ganz Österreich Standard. Ebenso wie in Deutschland, wo sich selbst der ehemalige G-8-Gastgeber „Grand Hotel Heiligendamm“ und der künftige G-7-Gastgeber „Schloss Elmau“ für die „gemischte Zone“ begeistern können. Wer dann dort in welcher Bekleidung in die Hitzekammer steigt, das möchte man am Ende aber irgendwie auch nicht so genau wissen.

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