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Miltenberg in Franken : Der Ruhe die Ruhe lassen

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Das Haus der Ewigkeit ist auch das Haus des Lebens: Auf dem jüdischen Friedhof im fränkischen Städtchen Miltenberg sinken die Grabsteine in die Erde. Bild: Jochen Müssig

Verwunschen, verwildert, aber nicht vergessen: Der Alte Jüdische Friedhof von Miltenberg ist seinen berühmten Pendants in Berlin, Prag und Jerusalem in manchem voraus.

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          „Wozu braucht ein Friedhof einen Zaun? Wer drin ist, kommt nicht mehr heraus, und wer draußen ist, will nicht hinein“, behauptete Mark Twain einmal süffisant. Das Törchen zum Alten Jüdischen Friedhof in Miltenberg ist gerade einmal brusthoch und keine wirkliche Barriere. Aber es trennt das Drinnen vom Draußen und den Tod vom Leben. „Für uns ist dieser Ort Beth Olamin, das Haus der Ewigkeit“, sagt Oded Zingher vom Verein Jüdisches Leben in Unterfranken. Sein Blick geht über den kleinen, nur etwas mehr als tausendsiebenhundert Quadratmeter großen Friedhof. Dann sagt er: „Und es ist Beth Chaim, das Haus des Lebens. Denn nach dem Tod kommt ja erst das gute Leben.“

          Auch Miltenberg ist nicht groß. Nur zehntausend Einwohner hat diese mittelalterliche Fachwerkstadt, die romantisch von einer Stadtmauer und Tortürmen umschlossen wird. Der Main fließt gemütlich dahin, und mit fränkischer Gelassenheit hält man sich ganz unprätentiös an die hiesige Weisheit: „Dort, wo Wein wächst, da kann man auch leben.“ Der Alte Jüdische Friedhof liegt zwar außerhalb der Stadtmauer, aber zum Zentrum sind es keine hundert Meter. Und trotzdem ist der urbane Lärm weg, sobald man den Friedhof betritt. Der alte Baumbestand scheint alle Geräusche zu schlucken, der nahe Wald strahlt eine Ruhe aus, die sich auf die Besucher überträgt.

          Die Grabstätten sind unantastbar

          Einen ersten jüdischen Friedhof gab es in Miltenberg wohl schon im vierzehnten Jahrhundert, erste Zeugnisse vom jetzigen Alten Friedhof datieren aus dem fünfzehnten Jahrhundert. „Ich habe jedes einzelne Grab dokumentiert“, sagt Zingher und führt uns zum ältesten lesbaren Grabstein von 1752: Grab 071 von Jehuda, verstorben am 2. Januar. „Der Junge, das jüngste Kind, klug war er. Sein Vater betrauerte ihn, seinen Liebling“, lautet die hebräische Grabinschrift, die Zingher übersetzt. Er wurde 212 Meter unter dem Meeresspiegel am See Genezareth geboren. „Ich konnte erst schwimmen und dann laufen“, scherzt der Siebenundsiebzigjährige, der es mit jedem blutjungen Digitalnomaden aufnehmen könnte, denn seine Dokumentation besteht nicht etwa aus Karteikästen mit vergilbten Zetteln.

          Schmuckkästchen am bayerischen Untermain: Miltenberg war einst auch ein Zentrum des jüdischen Lebens.
          Schmuckkästchen am bayerischen Untermain: Miltenberg war einst auch ein Zentrum des jüdischen Lebens. : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Links neben dem Friedhofstörchen hat er einen QR-Code anbringen lassen. Wer diesen scannt, bekommt Zugriff auf Zinghers komplette Dokumentation mit Lageplan und allen Miltenberger Grabinschriften oder auch Hinweise auf Besonderheiten wie die drei Nischengräber in der Mauer am Burgweg. Bei der Verbreiterung des Weges wurde die Mauer auf das Friedhofsgelände gesetzt, die dortigen Gräber integrierte man aber in eine Mauernische. „Nach unserem Religionsgesetz dürfen jüdische Grabstätten nicht angetastet werden, denn die Bestatteten warten auf die Himmelfahrt der Seelen der Gerechten, also auf ein ewiges Leben bei Gott“, sagt Zingher.

          Alle Menschen sind gleich

          Der Besuch auf einem jüdischen Friedhof ist für Nichtjuden wie eine Reise in ein fremdes Land. So vieles ist anders, und so vieles kann man falsch machen, Blumen mitbringen zum Beispiel. Dafür häufen sich auf den Steinplatten kleine Steine, ein uralter jüdischer Brauch. Auch Oded Zingher hat ein Steinchen dabei und legt es auf ein Grab. Der Ursprung soll auf den Auszug aus Ägypten zurückgehen, als die Menschen durch die Wüste marschierten und dort ihre Toten begruben – Steine auf dem Grab schützten den Leichnam vor wilden Tieren. „Auf jüdischen Friedhöfen geht es aber auch um die Gleichheit aller Menschen, und niemand soll durch Blumenschmuck über andere gestellt werden“, sagt Zingher. Ein jüdisches Sprichwort unterstreicht das: „Lieber Blumen im Leben und Steine aufs Grab als Steine im Leben und Blumen aufs Grab.“

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