https://www.faz.net/-gxh-a9rvt

Tee-Tied in Ostfriesland : In Ruhe ziehen lassen

  • -Aktualisiert am

Hier an der Küste nennt man sie Dalben: Pfähle im Hafen, die Fahrrinnen und Anlegemöglichkeiten markieren. Bild: Olaf Tarmas

In Ruhe ziehen lassen: Das gilt in Ostfriesland für Zugvögel, Reisende – vor allem aber für den Tee. Eine winterliche Erkundung im Teetrinker-Land Nummer eins.

          5 Min.

          Franz Otto Thiele schimpft auf das Regenwetter. „Schlecht für die Ernte“, sagt er, „früher war das nicht so.“ Das Wetter in Emden ist an diesem Winternachmittag eigentlich ganz schön – kalt, aber sonnig. Doch das meint Thiele nicht. Er redet von den Regenwolken im Brahmaputra-Flusstal in Nordindien. Denn von dort kommt sein Tee – aus Assam, dem größten zusammenhängenden Teeanbaugebiet der Welt. Eine große Karte der Region hängt in seinem „Labor“, in der er die Proben der neuen Ernte verkostet. Thiele ist Chef von „Thiele Tee“, dem letzten traditionellen Familienunternehmen im Teetrinkerland Ostfriesland. Der 63-Jährige ist Chefeinkäufer, Tea Taster und Marketingleiter in Personalunion. Bis zu 35 verschiedene Teesorten, die meisten davon kräftig malzige Assam-Tees, bilden seine ganz spezielle „Echt Ostfriesische Teemischung“ – etwas kräftiger und würziger als die von „Bünting Tee“, seinem großen Konkurrenten aus Leer. Beide zusammen beliefern einen sehr speziellen Markt. Über dreihundert Liter Tee nimmt der Durchschnittsostfriese im Laufe eines Jahres zu sich, elfmal so viel wie der Durchschnittsdeutsche. Mehr als die Engländer, als Russen, Türken oder Chinesen: Laut deutschem Teeverband sind die Ostfriesen Weltmeister im Teekonsum. Das Getränk begleitet den ganzen Tagesablauf, wird zum Frühstück, zum „Elführtje“ um elf Uhr vormittags, zur Nachmittags-Tee-Tied und gerne auch abends getrunken. 

          Wenn Reisende in Ostfriesland alle naslang auf eine Teestube stoßen oder zur „Tee-Tied“ eingeladen werden, handelt es sich dabei um weit mehr als Folk­lore für Touristen. „Wenn meine Nachbarn bei mir vorbeischauen, setze ich erst mal einen Tee auf“, erzählt Sandra Maaßen, die Betreiberin der Teestube „Tüdelpott“ in Carolinensiel. „Unsere Häuser hier haben fast alle eine Hintertür, die immer offen ist. Die Nachbarn kommen oft einfach rein, ohne sich vorher groß anzukündigen.“ Maaßen ist aus Köln zugezogen und eine durchaus gesellige Natur – aber an das unangemeldete Auftauchen von Nachbarn in den eigenen Räumlichkeiten musste sie sich erst mal gewöhnen. „Dass die Ostfriesen Eigenbrötler sind, ist Quatsch. Am Anfang vielleicht ein bisschen zurückhaltend. Aber sonst immer für einen Schnack zu haben.“ Maaßen verbrachte die Urlaube ihrer Kindheit zumeist in Carolinensiel –  am Strand, an der Hafenmole, wo sie  Krebse fing. 

          Die „Ostfriesische Teezeremonie“

          So nah an der Küste sieht der Winter in diesen Tagen anders aus als noch in Emden: Beißend kalter Nebel hängt über den Marschen und Deichen, die Sonne ist oft nur ein bleicher Lichtball hinter dicken, grauen Schleiern, das Schnattern der ziehenden Wildgänse dringt  aus dem Off ans Ohr. Doch die trübe Stimmung hat ihren Reiz, erzeugt ihre ganz eigene Besinnlichkeit, auch im Freien: Man kann lange Deichspaziergänge machen, zu Sielstädten wie Ditzum oder Carolinensiel, ertüchtigende Märsche durchs Schlickwatt bis hinüber auf die Insel Spiekeroog – und natürlich Boßeln, das durchaus sportliche Weitwerfen spezieller Kugeln entlang der Straßen. 

          Doch was auch immer man so treibt in seiner ostfriesischen Winterfrische: Davor und danach gibt es meistens Tee. Und das nicht einfach nebenbei, sondern als Abfolge sehr spezifischer Handgriffe, die zusammen die „Ostfriesische Teezeremonie“ ergeben. 

          Wulkjes –  auf die richtigen Sahnewolken kommt es an.
          Wulkjes – auf die richtigen Sahnewolken kommt es an. : Bild: Olaf Tarmas

          Am besten lässt sich das Ritual anhand der mit ihm verbundenen Geräusche und Gerätschaften erzählen: Es beginnt zumeist mit einem kräftigen „Klonk!“. So schwungvoll wird mancherorts der Kluntje – (hochdeutsch: Würfel-Kandis) vom Kluntjeknieper (der Kandiszange) in den Koppke (die Tasse) – fallen gelassen, dass man fast um das  Porzellan fürchtet. Denn klein und zart ist die Tasse gebaut, und sowohl in dieser Zartheit als auch im malvenrot hingehauchten klassischen Dekor der „Ostfriesischen Rose“ erahnt man noch den chinesischen Ursprung. Alsdann nimmt die Hausfrau und Herrin über Zucker und Sahne den Treckpott (die Kanne, wörtlich: Zieh-Topf) vom Stövchen und gießt den Tee über den Kluntje in die Tasse. „Knister!“ macht es, wenn sich feine Risse im Kluntje bilden –  ein Geräusch, das nicht fehlen darf, denn sonst ist der Tee zu kalt. Das Tässchen wird nur zu zwei Dritteln gefüllt, die Kluntje-Spitze soll noch aus dem dunklen Meer des Tees ragen –  „gerade so, dass eine Fliege darauf landen kann, ohne nasse Füße zu bekommen“. Aber an diese Feinheit halten sich längst nicht alle. Denn es folgt Eingießen der Sahne, und das kommt einem ostfriesischen Staatsakt gleich. Mitnichten wird die flüssige Sahne direkt aus dem Kännchen in die Tasse befördert – das gälte als roh. Vielmehr macht sie Zwischenstation im „Rohmlepel“ –  einer kleinen Sahnekelle, die meist schon am Kännchen hängt. Am besten aus Silber, versteht sich, wie auch der Knieper und manchmal sogar Stövchen und Kanne. „Bankrottpott“ wird der Treckpott auch genannt –  so viel ließen und lassen sich manche Familien dieses Statussymbol kosten. In der guten Ausführung ist die Silberkelle mit einer kleinen Tülle versehen. Damit gießt die sahneführende Person – in der Regel die Gastgeberin –  die cremige Flüssigkeit entgegen dem Uhrzeigersinn am Tassenrand entlang. So wird für die Dauer der Teezeremonie praktischerweise die Zeit angehalten. 

          Und dann vollzieht sich in lautloser Herrlichkeit das ostfriesische Tassenwunder: Die Sahne sinkt zunächst nach unten, wallt dann aber – man kann es durch die moorbraune Trübung des Tees erkennen – wolkenartig herauf und explodiert an der Oberfläche lautlos in strahlend weiße Mini-Wolken – die Wulkjes. Je nach Gieß- und Tröpfeltechnik ergeben sich wunderschöne Wolkenbilder oder ab­strakte Fließmuster zwischen Jackson Pollock und Silvesterbleigießen. Drei Schlucke nimmt der Gast sodann: den ersten, der nach Sahne und Karamell schmeckt, einen zweiten, dessen Bitterkeit alles Sahnige fortspült, und den dritten, dessen Süße alle Bitterkeit vergessen lässt. Dann ist das Tässchen leer, und der Vorgang wiederholt sich von vorne – mindestens dreimal und höchstens so lange, bis der Gast den in der Untertasse einzig zu diesem Zweck bereitliegenden Teelöffel in den Koppke stellt und so si­gnalisiert: Ich kann nicht mehr. 

          Tee und Tourismus

          Das ist aber selten das Problem – eher ist es umgekehrt: „Wenn wi keen Tee hebben, muten wi starben“, weiß bis heute der ostfriesische Volksmund. In diesem Fall zitiert von Celia Hübel, Leiterin des „Bünting“-Teemuseums in der Altstadt von Leer. Mit seinen giebeligen Kaufmannshäusern, dem Backsteinbau der Alten Waage, noch im Stil des niederländischen Barock erbaut, und seinen krummen Verbindungsgassen bietet Leer die wunderbarste Kulisse für geistige Ausflüge in alte Zeiten, die sich in Ostfriesland finden lässt. Die Kulturwissenschaftlerin Hübel kann den alten plattdeutschen Spruch gut verstehen: „Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich mal einen Tag keinen Tee trinke“, schmunzelt sie über ihre „Tee-Sucht“. Im Krieg, so weiß Hübel zu berichten, gab es besondere Bezugsmarken für den „Tee-Trinker-Bezirk Weser-Ems“, nach dem Krieg wurden Hamsterfahrten ins Ruhrgebiet unternommen, wo man Speck und Butter gegen Schwerstarbeiter-Teezulagen tauschte. Bis heute stapeln sich in den unteren Regalen der Supermärkte die papierenen Spitztüten mit dem billigeren Tee. Und bis heute dient als zentrales Verkaufsargument nicht nur der Geschmack der jeweiligen Mischung, sondern vor allem der Hinweis auf ihre „Ergiebigkeit“. 

          Doch auch Tee und Tourismus waren von Beginn an aufs engste miteinander verquickt: Onno Behrends, Stammvater des dritten großen Teeproduzenten Ostfrieslands, gründete seinen Kolonial- und „Theewaren“-Handel 1886 auf der Insel Norderney – zu Beginn der Badesaison, mit Kur- und Badegästen als Kundschaft fest im Blick. Und im „Ostfriesischen Teemuseum“ in Norden stehen die Touristen heute bisweilen Schlange, um an einer Teezeremonie teilzunehmen. Während das kleine Bünting-Museum in Leer noch ganz den Geist des Kolonialwaren-Ladens atmet, aus dem es hervorgegangen ist, kommt das „Ostfriesische Teemuseum“ im Alten Rathaus von Norden ambitionierter daher, mit einer großen Sammlung an Porzellan und historischen Tee-Utensilien sowie einer Dauerausstellung, die den „Teekulturen der Welt“ gewidmet ist –  und ab Ende März einer Sonderausstellung, die zeigt, wie Zugewanderte ihre Teekultur in jüngster Zeit nach Ostfriesland mitgebracht haben. Auch Norden lohnt einen Stadtspaziergang durch alte Kaufmannshausgassen – und natürlich die Weiterfahrt nach Norddeich, von wo aus  die Fähren nach Juist und Norderney abgehen. Denn die echte, wilde Nordsee erlebt man in Ostfriesland nicht so sehr auf dem Festland als vielmehr auf den vorgelagerten Inseln.

          www.ostfriesland.travel/urlaubsthemen/kulinarik/tee
          www.teemuseum.de
          www.tuedelpott.de/

          Ostfriesland
          Ostfriesland : Bild: F.A.Z.-Karte lev.

          Weitere Themen

          Unentdeckte Schönheit Russlands Video-Seite öffnen

          Karelien : Unentdeckte Schönheit Russlands

          Noch ist er eher ein Geheimtipp für Touristen: der Onegasee in der Republik Karelien. Seine Felsbilder aus der Jungsteinzeit gehören zum UNESCO-Welterbe, genauso wie die Insel Kischi mit ihren malerischen Holzkirchen.

          Topmeldungen

          Wollen eine Ampel-Regierung bilden: Vertreter von SPD, Grünen und FDP

          Ampel-Pläne : Deutschland, die „Weiterbildungsrepublik“

          Mit einem Qualifizierungsgeld wollen SPD, Grüne und FDP Unternehmen im Strukturwandel unterstützen und Beschäftigung sichern. Arbeitgeber und Ökonomen sind skeptisch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.