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Herbst auf Juist : Kältereize und andere Sensationen

  • -Aktualisiert am

Platz gibt es reichlich auf Juist im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Bild: dpa

Die ostfriesische Insel Juist, ein fragiles Werk von Gezeiten und Wind, will bis zum Jahr 2030 klimaneutral werden. Denn Sturmfluten können hier besonders großen Schaden anrichten.

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          Samstag ist Badetag. Bis dahin werden wir uns jeden Tag ein bisschen mehr entblättern, sagt Tomke Wollert, als wir uns am Dienstag zur Klimatherapie am Abgang zum Hauptbadestrand treffen. Am Donnerstag halten wir schon mal den großen Zeh ins Wasser, und am Samstag gehen wir ins Meer. „Das wird uns so glücklich machen, dass Endorphine ausgeschüttet werden“, verspricht die Thalasso-Therapeutin. Wir werden sehen.

          Es ist frisch an diesem frühen Morgen. Über Juist segeln graue Wolken, die Nordseewellen tragen Schaumkronen. Auf dem Strand hat sich ein verschlafenes Grüppchen eingefunden, um die Abwehrkräfte zu mobilisieren und den Stoffwechsel auf Vordermann zu bringen. Als Erstes werden Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die warme Jacke abgelegt. Den Kältereiz herauszufordern sei die beste Methode, sich abzuhärten, erklärt Tomke. Anschließend gehen wir zügig gegen den Wind den Spülsaum entlang, und das Frieren lässt nicht lange auf sich warten. Mit gymnastischen Übungen wärmen wir uns wieder auf. Danach setzen wir uns abermals der Kälte aus, bis die Haut rote Flecken bekommt. Morgen früh um acht Uhr werden wir uns wiedersehen. Wir sollten uns viel in der frischen Luft bewegen, gibt uns Tomke beim Abschied mit auf den Weg. Vier, fünf Stunden am Stück seien optimal.

          Blick auf die Skyline von Norderney

          Das Draußensein fällt nicht schwer auf Juist, der schönsten Sandbank der Welt, wie die Insulaner behaupten, und sie haben damit bestimmt recht. Tatsächlich ist der 17 Kilometer lange, schier endlose feinsandige Strand das größte Kapital der Insel. Bei Westwind marschiert alles gen Osten. Vorbei am mächtigen Dünengebirge, aus dem neben der „Doornkaatbuddel“ – so heißt der 1927 erbaute Wasserturm im Volksmund – nur noch das Meerwasser-Hallenbad und das weiße Hotel „Kurhaus“ herausgucken. Letzteres wurde um 1900 errichtet, als Juist trotz moralischer Bedenken Familienbad wurde.

          Juist, so sagen die Insulaner, ist die schönste Sandbank der Welt.
          Juist, so sagen die Insulaner, ist die schönste Sandbank der Welt. : Bild: dpa

          Unermüdliche Strandspaziergänger laufen sogar bis zum Kalfamer und heben unterwegs vielleicht angespülten Plastikmüll auf, um ihn in die dafür bereitgestellten Gitterkörbe zu entsorgen. Auf diese Weise wurden im vergangenen Jahr 4,7 Tonnen zusammengetragen und ans Festland verbracht. Das friesische Wort „Kalfamer“ steht für Kälberwiese, obwohl nur Vögel und Robben zu sehen sind und natürlich die Skyline von Norderney. Das Ostende der Insel in der streng geschützten Nationalparkzone I darf nur außerhalb der Brutzeit auf markierten Wegen betreten werden.

          Das Problem sind die Sturmfluten

          Um die Seeluft voll auszukosten, geht man am besten dicht an der Wasserkante entlang. Dort, wo die Wellen anbranden und kleine Strandläufer wie aufgezogen den Spülsaum entlangtrippeln, steigt der feine Salznebel auf. Die Aerosole sind gut für Haut und Atemwege. Das Seeklima ist gesund, die Luft auf Juist gilt als besonders rein und allergenarm, zumal keine Autoabgase die Umwelt verpesten. Juist ist autofrei, nur die Rettungsdienste sind motorisiert. Die Polizei fährt Fahrrad wie die meisten auf der Insel. Alles andere erledigen Kaltblüter. Die Zustellung von Getränkekisten vom Versorgungsschiff zum Supermarkt zum Beispiel, die Anlieferung von Baumaterial, den Abtransport von Bauschutt. Sogar der Müll vor der Haustür wird mit Hilfe zweier Pferdestärken entsorgt. Manche halten die Fuhrwerke für überholt und zu teuer und würden stattdessen am liebsten Elektrokarren anschaffen. Doch die Bewohner werden sich weiterhin mit dem Mist vor der Haustür abfinden müssen. Der Gemeinderatsbeschluss von 2013 ist eindeutig: Elektrokarren wird es auch künftig nicht geben. Das Pferdegetrappel, der Sound der Insel, bleibt den Gästen erhalten. Für viele ein Grund, den Urlaub hier zu verbringen.

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