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Flores, Indonesien : Drei Büffel für eine Braut

  • -Aktualisiert am

Oben der kegelrunde Vulkan Inerie, unten die Dächer des Ngada-Dorfes. Bild: Picture-Alliance

Archaisch, aber nicht hinter dem Mond: Die Ngada auf der indonesischen Insel Flores hüten ihre Traditionen, halten am Matriarchat fest und sorgen dafür, dass es ihre Toten schön bequem haben.

          8 Min.

          Sieht der Busfahrer die Straße? Erkennt er die Kurven? Die Frontscheibe ist zugehängt mit Stofftieren, über dem Innenspiegel schaukeln Ketten, Kreuze und Anhänger, eine kirmesgroße Raupe räkelt sich auf der Ablage, und was noch frei bleibt von der abgedunkelten Scheibe, ist großflächig mit einer schwarzen Sonnenbrille zugeklebt, die zwei Gucklöcher freilässt. Der Fahrer kurbelt, Zigarette im Mund, Handy am Ohr, irgendwie schafft er es, Musik zu machen. Gellende Lieder mit elektronisch verfremdeten Stimmen, die Höhen übersteuert, unter unserem Sitz ein Subwoofer, der Bässe in Wellen durch das Polster bläst.

          Wellblech findet man hier nicht: Mit Schnitzereien verzierter Hauseingang.

          In den Krach fragt ein Bauer, wohin wir fahren. Bajawa, Zentralflores, zu den Bergdörfern der Ngada. Er streckt seinen sehnigen Arm aus, brüllt: „Maumere“, bohrt seinen Finger in die Schulter, hier Maumere im Osten der indonesischen Insel, unser Startpunkt, dort Labuan Bajo im Westen von Flores, der Endpunkt an der Fingerspitze, sein Arm wird zur Landkarte. Der Bauer hakt ab: heiliger Berg Kelimutu mit den funkelnden Seen, türkis und schwarz am Bizeps, Slalom durch die Berge bis zur Stadt Ende am Ellenbogen, Mataloko, tiefe Narbe am Unterarm. Er deutet auf sich, da muss er raus, dann Bajawa, unser Ziel, jetzt ist er im Handteller angelangt. Er lacht, ist zufrieden, hat sich verständlich gemacht, ohne Englisch, zeigt triumphierend seinen Arm den Mitreisenden, hier ich, ein Bauer.

          „Happy Happy“, kräht der Bauer

          „Hotel“, schreit er übermütig von den Stufen der offenen Bustür. „Manulalu“, schreien wir zurück. Er fällt fast heraus ins Freie, wild gestikulierend, schlägt uns aufs Knie, schüttelt erschrocken den Finger und streckt wieder den Arm aus: Sein Finger bohrt sich in die Narbe am Unterarm, rast die Vene entlang in den schrundigen Handteller und macht kehrt, der ganze Finger ein Fragezeichen, sein erdverkrusteter Nagel kratzt über die Hornhaut, klettert zurück zur Handwurzel und fliegt mit Schwung aus dem Bus. „Manulalu“, krächzt er mit heiserer Stimme und deutet ins Gestrüpp und brüllt aus Leibeskräften „Hotel, Hotel, Hotel“. Wir verstehen nichts, bieten das „Happy Happy“ an, auch eine Unterkunft in Bajawa, zentral gelegen, aber laut Reiseführer mit Verkehrslärm. „Happy Happy“, kräht der Bauer und ist jetzt glücklich, „Happy Happy“, wiederholt er und fordert von den Mitfahrern Unterstützung. „Happy Happy“, ruft die linke Busseite, ein kraftvoller Chor, „Manulalu“, halten wir dagegen, „Manulalu“, echot unsere Busseite. „Happy Happy“, kreischt der Bauer und hebt verzweifelt die Hände.

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          Das Rätsel löst sich, als wir in Bajawa ins Taxi steigen. Der Preis ist überraschend hoch, wir fahren zurück, weit zurück, eine ganze Lebenslinie zurück, über die Handwurzel hoch, verlassen die Stadt und rollen hinab in die blaugrünen Bambuswälder eines engen Seitentals. Manulalu heißt Hahn, und unser Hahn hockt einsam auf einer Kuppe in überwältigender Stille, klare Luft, Schmetterlinge groß wie Hände, der schwere Duft weißer Frangipaniblüten. Unten ein Halbkreis spindeldürrer Zypressen und, allesdominierend, hinter der Terrasse der kegelrunde Vulkan Inerie, dessen Bleistiftspitze sich in eine Wolke schiebt. Den Gästen des Manulalu, die benommen von der Schönheit in die Liegen sinken, reicht man purpurnen Tamarillo-Saft, und jetzt können wir uns sattsehen an dem Panorama. Der Saft schmeckt süß und pflaumenherb zugleich, und die Augen wandern über den Dschungel und entdecken in einer Lichtung die hellen Dächer des Ngada-Dorfs Bena, die das Sonnenlicht reflektieren.

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