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Silicon Valley : Die Weltenherrscher aus Professorville

Ist das der neue Mittelpunkt der Erde? Apple hätte bestimmt nichts dagegen: der neue Firmensitz in Cupertino. Bild: Imago

Jeder kennt das Silicon Valley in Kalifornien. Doch wie sieht es dort aus? Und wie fühlt man sich unter lauter Millionären und Milliardären? Eine Reise ins Reich der digitalen Zukunft mit verblüffenden Erkenntnissen.

          Wir stehen zwischen Klapperschlangen auf einem tausend Meter hohen Weinberg, nippen an unserem vorindustriellen Cabernet Sauvignon und blicken auf die postindustrielle Zukunft der Menschheit hinunter. Hier oben in den Ridge Vineyards ist man stolz darauf, Weine so wie zu Urgroßvaters Zeiten ganz ohne digitalen Schnickschnack und technologischen Firlefanz als Pretiosen reiner Handarbeit zu keltern - alkoholgeschwängerte Gewächse von barocker Urkraft, die ein Vermögen kosten und mit ihrem Credo der Fortschrittsverweigerung bei Blindverkostungen sogar die großen Franzosen immer wieder übertrumpfen. Und die Klapperschlangen, vor deren Bissigkeit lauter Schilder zwischen den Picknickbänken eindringlich warnen, sind für die Winzer die besten, zuverlässigsten, archaischsten Komplizen im Kampf gegen die Mäuse.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Tief unter uns aber, zu Füßen der Santa Cruz Mountains, breitet sich eine Welt aus, die die Welt auf den Kopf stellt und die Zukunft für sich monopolisiert, damit ja nichts bleibt, wie es ist: das Silicon Valley, ein dichtbesiedeltes und trotzdem noch grün gepunktetes Tal ineinanderfließender Orte, das sich aus der Ferne kaum vom üblichen urbanen Einerlei Amerikas unterscheiden würde, wüchse nicht gerade der gigantische Kreis des neuen Apple-Hauptquartiers aus dem Häusermeer - ein fünf Milliarden Dollar teures, vier Meilen im Umkreis messendes, von Sir Norman Foster entworfenes Hybridmonstrum aus Rettungsring, Riesendonut und Raumschiff, der Mittelpunkt der neuen Erde, der Thron der neuen Herren des Rings, der uns erschaudern und melancholisch in unser Glas mit dem altertümlichen Cabernet Sauvignon blicken lässt.

          Geniebrutkasten und Milliardärsspielwiese

          Das Silicon Valley ist ein moderner Mythenort, das Athen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, das faustische Laboratorium des Homo homunculus postholozänus, Geniebrutkasten, Visionärssammelstelle, Milliardärsspielwiese, Weltverbesserungsanstalt und noch vieles mehr. Keine siebzig Kilometer misst das Tal südlich von San Francisco, keinen Steinwurf voneinander entfernt residieren hier die berühmtesten aller Technologiefirmen: Apple und Google, die beiden wertvollsten Unternehmen der Welt, Facebook und Netflix, Yahoo und Oracle, Intel und Cisco, Tesla und WhatsApp, dazu Tausende von Start-ups, die heute noch in einer Garage hausen, doch morgen schon Milliarden von Dollar wert sein können. Jenseits des Apfelrings sieht man dem Silicon Valley allerdings nicht an, was es ist. Es gibt nicht preis, welche schöpferische und zugleich zerstörerische Kraft in ihm steckt, tarnt sich lieber mit einer Fassade der Unauffälligkeit, verbirgt sich hinter einer Maskerade der Durchschnittlichkeit. Und irgendwann fragen wir uns unweigerlich, ob ihm seine eigene Bedeutung vielleicht selbst nicht geheuer ist.

          Nur eine von hunderten Technologiefirmen im Silicon Valley: der Hauptsitz von Oracle in Redwood City.

          Symptomatisch für dieses Understatement ist San José, die Kapitale des Tals, eine Millionenstadt mit einer Bonsai-Skyline, die auf jeden neureichen Protz verzichtet und sich eine freundliche Schläfrigkeit aus ihrer Vor-Silizium-Vergangenheit als Heimat bescheidener Obst- und Gemüsebauern sorgsam bewahrt. Die Wohnviertel sind die üblichen, makellosen Abziehbilder des amerikanischen Traums vom trauten Heim mit Basketballkörben vor Doppelgaragen und Schildern an Laternenpfählen, die zur Einhaltung der Kehrwoche am ersten Freitag des Monats mahnen. Die Autoaufkleber lassen keinen Zweifel daran, dass wir hier im Hillary-Land und nicht in Trumps Reich sind: Amerikanische Fahnen tragen Tauben statt Sterne, die Religionsfreiheit wird nicht auf evangelikale Christen beschränkt, und Patrioten werden mit Blick auf die nächste Präsidentenwahl prophylaktisch dazu aufgefordert, notfalls ihr Land auch gegen die eigene Regierung zu verteidigen. Sähe man nicht ab und zu verzweifelte Annoncen von Maklern - „I Buy Houses. Fast CA$H. Any conditions, area, prize“ -, spürte man auch nichts von den irrwitzigen Immobilienpreisen im Tal, in dem schon eine Einzimmerbude dreitausend Dollar pro Monat kostet. Und schöbe nicht hin und wieder ein Obdachloser seine Habseligkeiten im Einkaufswagen durch die Straßen, wahrscheinlich ein Start-up-Unternehmer ohne Internetmillionärskarriere, könnte man sich vollends in einer Welt ohne jeden Fehl und Tadel fühlen.

          Christbaumkugeln in Totenkopfform

          Altes gibt es kaum in San José außer einer neoklassizistischen Basilika mit korinthischen Säulen, einer Handvoll hübscher Alleen mit Backsteingebäuden und dem labyrinthischen Anwesen der unglückseligen Witwe Winchester. Sie war mit dem berühmten Gewehrfabrikanten verheiratet, führte ein Leben in Saus und Braus, wurde dann aber von einem Schicksalsschlag nach dem anderen in den Wahnsinn getrieben. In ihrer Verzweiflung suchte sie Trost bei Séancen, nahm mit den guten Geistern Kontakt auf und erfuhr so, dass sie von den bösen Geistern all jener Seelen verfolgt wurde, die mit Winchester-Gewehren getötet worden waren - und dass es nur eine Rettung für sie gebe: Sie müsse ein Haus bauen, das niemals fertig werden dürfe.

          Die Bescheidenheit währt nicht mehr lange: Noch verzichtet Apple, die wertvollste Firma der Welt, in ihrer Zentrale auf repräsentativen Pomp.

          Jetzt stehen wir im Winchester House, einem Märchenhexenspukschloss voller Erker, Türmchen, Veranden und Ballustraden mit hundertsechzig Zimmern und zehntausend Fenstern und wundern uns weniger über die Besessenheit der wunderlichen Witwe Winchester als über den riesigen Souvenirshop, den wahren Gruselort dieses Anwesens. Hier findet man Schauerliches und Scheußliches in markerschütternder Auswahl vom Totenschädel als Kaffeetasse, Eiskübel, Christbaumkugel, Karnevalsmaske oder Damenhandtasche bis zu - das ist amerikanischer Humor - Massaker-Sturmgewehren als Kinderspielzeug oder Grillanzünder. Das allergrößte Grauen aber steckt in einer Flasche: ein Rotwein garantiert nicht von den Ridge Vineyards, der mit Schokolade und Sahne gepanscht wurde. „Shame on you, America!“

          Keine Plasikbusenmonster, keine Botox-Betongesichter

          Gleich neben dem Winchester House hat sich San José ein Stück Vergangenheit nachgebaut, weil den Konstrukteuren der Menschheitszukunft im Alltag der Sinn offensichtlich nicht nach Futurismus steht. Die Santana Row, die exklusivste Einkaufsstraße des Silicon Valley, ist ein eklektizistisches Kitschbonbon aus dem Art Déco von Miami Beach und dem French Quarter von New Orleans mit ein paar Tupfern Saint-Germain, einer Handvoll sevillanisch-maurischer Accessoires und einem echten, gotischen Kirchenportal aus Frankreich, das jetzt als Eingangstür zum Sanktuarium einer Weinbar dient. Doch auch hier verzichtet das Silicon Valley vollständig auf Protz und Prunk. Ein Gucci-Laden ist der einzige, übliche Verdächtige unter den globalen Luxusmarken weit und breit - und wesentlich größer als dieser Tempel des nutzlosen Tands ist der Autosalon von Tesla gleich daneben, weil die ökologisch korrekten Elektroflitzer ein deutlich besseres Lebensgefühl zu transportieren scheinen als Krokodilledertaschen im Müllsackformat.

          Auch Google hat große Pläne. Die neue Firmenzentrale soll auf einem ehemaligen Flughafen entstehen.

          Das hier ist definitiv nicht das Malibu-Kalifornien der Traumkörperkomparsen. Kaum eine Frau ist ein Plastikbusenmonster mit Botox-Betongesicht, kaum ein Mann ein bronzefarbener Beachboy mit Rettungsschwimmer-Figur. Man trägt lieber Latzhose als Hotpants, lieber Marc-Zuckerberg-Badelatschen als Pamela-Anderson-High-Heels, und statt Juwelieren oder Luxushandyhändlern gibt es Geschäfte für den Hobbykoch. Auch in den Bars sehen wir kaum eine Spur von Glamour, obwohl wir wahrscheinlich gerade an drei Dutzend Millionären und einem halben Dutzend Milliardären vorbeigeschlendert sind. Stattdessen erklärt uns unser Tresennachbar die Seelenlage des Silicon Valley: Geld zu verdienen sei nur ein hübscher Nebeneffekt, das interessiere hier keinen so richtig. Viel wichtiger sei es, die Welt zu verändern, und zwar zum Besseren.

          Die Mär vom Märchen der Menschheitsbeglückung

          Zurück zum Hotel fahren wir mit einem Taxi von Uber, weil das hier jeder so macht. Schließlich ist die Geschichte des Online-Fahrdienstes, der erst vor sieben Jahren von zwei Jungspunden in San Francisco gegründet wurde und inzwischen neunundsechzig Milliarden Dollar wert ist, eines jener wahr gewordenen Märchen im Silicon-Valley-Duktus, ein Musterbeispiel für die angebliche Menschheitsbeglückung durch das kapitalistisch-egalitaristische Prinzip der „Shared Economy“. Unser Chauffeur ist ein junger Mexikaner, der in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und ausnehmend freundlich ist, seinen Wagen vorbildlich in Schuss hält und penibel die Verkehrsregeln beachtet. Er arbeite nie mehr als zwölf Stunden pro Tag, sagt er stolz, sonst werde er zu müde und zu unkonzentriert und vielleicht auch pampig, das sei sehr gefährlich, denn bei Beschwerden der Gäste verliere er sofort seine Uber-Lizenz. Wenn es ausgezeichnet laufe, verdiene er viertausend Dollar im Monat, aber das komme bisher noch selten vor, er hoffe auf Besserung in naher Zukunft. Dann lächelt er unendlich erschöpft. Wahrscheinlich weiß er, dass das Vermögen des Uber-Chefs Travis Kalanick auf 6,3 Milliarden Dollar taxiert wird. Vielleicht will er es aber auch gar nicht wissen.

          Hier fing alles an: die Hewlett-Packard-Garage in Palo Alto.

          Je länger wir durch das Tal fahren, umso verblüffter sind wir. Denn wir sehen fast nichts anderes als altbackene Bodenständigkeit am Rande der Biederkeit. Zumindest äußerlich scheinen die Bewohner des Silicon Valley in ihrer schönen, neuen Weltverbesserungswelt alles beim Alten belassen zu wollen. Mountain View, Cupertino, Menlo Park, die Firmensitze von Google, Apple und Facebook, Palo Alto, Los Gatos, Sunnyvale und all die anderen stillen Städtchen könnten mit ihren viktorianischen Holzhäuschen und den breiten Alleen voller Pappeln, Zedern und Platanen auch im verschlafendsten Neuengland stehen. Die Zentrale des Technologierevolutionärs Tesla liegt zwischen lauter Pferdekoppeln so bukolisch verborgen wie ein Gestüt in Kent. Die Stanford University, das Epizentrum des technologischen Urknalls im Silicon Valley, sieht aus wie ein etwas zu groß geratener Country Club. Und das beste Restaurant weit und breit, das „Manresa“ mit seinen drei Michelin-Sternen, versteckt sich in einem Hinterhaus wie eine Kaschemme aus der Prohibitionszeit, widerlegt mit seiner avantgardistisch regionalistischen Gemüseküche - im Tal liegen noch immer die selbsternannten „Welthauptstädte“ des Knoblauchs und der Artischocke - allerdings auch das Klischee vom Programmiererproleten, der sich allein von Cola, Chips und Pizza ernährt. Im Silicon Valley ist der Nerd eben ein Millionerd, der sein vieles Geld sinnvoll auszugeben weiß.

          Die biblische Wiege der digitalen Revolution

          Am erstaunlichsten ist das sagenumrankte Viertel Professorville in Palo Alto, schon immer und bis heute die bevorzugte Wohngegend des gehobenen Universitätspersonals von Stanford. Es ist die Idealkulisse eines amerikanischen Vorstadtidylls, maximal gepflegt und radikal unmodern. Viktorianisch und Tudor dominieren auch hier, dazu kommen ein bisschen spanischer Missionsstil und hier und da ein wenig Südstaatensäulenspielerei. Viele Häuser tragen auch adrette Kleider aus Holzschindeln, schmücken sich mit gemauerten Kaminen an den Außenwänden, kokettieren mit Giebeln und Erkern, baden in Efeu und Flieder, lassen die Rosen sprießen und den Buchsbaum vom hispanischen Hauspersonal so akkurat stutzen wie einst Monsieur Le Nôtre seine Baumskulpturen im Schlossgarten von Versailles.

          Das geistige Epizentrum des Silicon Valley: der Campus der Stanford University in Palo Alto.

          Vor einer unscheinbaren Einfahrt steht ein Reisebus, aus dem andächtige Technologietouristen aussteigen, um die Hewlett-Packard-Garage zu bestaunen, die biblische Wiege des Silicon Valley. Sie ist allerdings keine Weihestätte des amerikanischen Heroismus mit Ehrenwache und ewigem Patriotenfeuer, sondern eine Baracke mit grünem Tor und Vorhängeschloss, in der Bill Hewlett und Dave Packard 1938 ihre Weltfirma gründeten. Ein paar Meter weiter steht das Wohnhaus des Apple-Erfinders und Weltenumstürzlers Steve Jobs, das sich in nichts von den schmucken Nachbarshäusern unterscheidet. Und wieder ein paar Meter weiter wohnen sein Nachfolger Tim Cook, der Google-Boss Larry Page und eine Handvoll weiterer Prominenter - eine Bande Superschwerreicher, deren gemeinsames Vermögen dem Bruttoinlandsprodukt einer ausgewachsenen europäischen Volkswirtschaft entspricht und die in Professorville ganz ungerührt wie gehobener Mittelstand lebt.

          Das größte Großraumbüro der Welt

          Bei so viel Bescheidenheit kann es nicht mit rechten Dingen zugehen. Und ihr Ende scheint tatsächlich gekommen zu sein, vielleicht noch nicht in Professorville, aber doch an den neuralgischen Stellen. Noch sind die Zentralen von Apple und Google Ensembles aus verstreuten Flachbauten in weitläufigen Parks, die an einen Universitätscampus denken lassen, aber niemals an Unternehmen, die jeweils eine halbe Billion Dollar wert sind. Es sind keine Fünfhundert-Meter-Wolkenkratzer, keine triumphalen Paläste der Macht, sondern freundliche Firmensitze ohne jede Prätention und Präpotenz, die architektonisch auf jeden Weltherrschaftsanspruch verzichten, obwohl die Konzerne aus dem Tal die industrialisierte Welt so stark verändert haben wie vor ihnen nur die Dampfmaschine und das Automobil - und denen wir es verdanken, dass die gesamte Computerleistung der Mondlandung inzwischen auf ein Mobiltelefon passt. Jetzt aber wächst Apples Ring bedrohlich heran. Facebook hat sich von Frank Gehry schon das größte Großraumbüro der Welt bauen lassen. Und Google hat ein Grundstück für 1,2 Milliarden Dollar gepachtet, auf dem es eine ganze Stadt unter futuristisch geschwungenen Glasdächern errichten wird.

          Rechts abbiegen in Richtung Zukunft: Das Silicon Valley kennt den Weg ins Morgen.

          Wir müssen an unseren Klapperschlangenweinberg in den Santa Cruz Mountains denken und stellen uns vor, wie der Blick von dort oben in ein paar Jahren aussehen wird. Vielleicht werden dann ein Dutzend kreisrunder Raumschiffe gelandet sein und die Berge des heiligen Kreuzes endgültig zu einer Scheidewand machen: Auf der einen Seite, im Silicon Valley, wird die Welt radikal revolutioniert, auf der anderen, im Redwood State Park, dem Naherholungsgebiet der Silizium-Millionäre, ist alles Unveränderlichkeit, Langlebigkeit, Vergangenheit. Die höchsten Bäume der Erde wachsen hier, weit mehr als hundert Meter streben sie in den Himmel und werden dabei leicht zweitausend Jahre alt. Eine riesenhafte Holzscheibe aus dem Stamm eines Prachtexemplars am Eingang des Parks dokumentiert die Menschheitsgeschichte, Christi Geburt ist in den Jahresringen verzeichnet, die Gründung von Chichén Itzá, die Landung der Plymouth-Pilger, nicht aber die Entstehung des Silicon Valley, weil das nur einen Wimpernschlag zurückliegt.

          Halbnackte Männer in Mehlsackform

          Kerzengerade stehen die Baumriesen in ihrem Wald, würdevolle Solitäre mit jahrtausendealter Rinde, die so zerfasert ist wie das Gewand einer Mumie, standhafte Giganten, schlank wie gotische Säulen, die jede Feuersbrunst überleben und selbst das große Erdbeben von San Francisco 1906 schadlos überstanden haben. Still wie in einer Kathedrale ist es in den Redwood-Wäldern, weil die Bäume ein ätzendes Harz ausscheiden, das Vögel vertreibt, Schädlinge tötet und die beste Langlebigkeitsversicherung ist. Und unwillkürlich müssen wir daran denken, dass diese Bäume auch in einer Zeit noch genauso ungerührt hier stehen werden, wenn für die Menschen, sollte es sie dann noch geben, Apple wieder einfach nur ein Apfel sein wird und Google ein Wort ohne Sinn und Etymologie.

          Bäume für die Ewigkeit: Bis zu 2000 Jahre können die Redwoods alt werden.

          Wir wollen unsere Atempause von der Zukunft noch ein bisschen verlängern und fahren mit einer rachitischen Eisenbahn nach Santa Cruz hinunter, ins alte Seebad am Pazifik, gegründet als Coney Island Kaliforniens, in dem sich heute die Millionerds aus dem Silicon Valley beim Surfen austoben. Das ist schon nicht mehr Hillary-Land, sondern „N’Obama - Trump for America Country“, eine bis auf die nackte Haut und blanken Knochen analoge Welt, fest verwurzelt in der proletarischen Urgeschichte Amerikas. Die Strandpromenade ist vollgestopft mit ächzenden Achterbahnen aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, mit Geisterbahnen, Schießbuden, Boxautos, Hau-den-Lukas-Säulen und Ständen voller Fast-Food-Fürchterlichkeiten, eingehüllt in Wolken aus ranzigem Frittenöl, alles „plastic“, nichts „organic“ und schon gar nicht „Manresa“. Männer mit nacktem Oberkörper in Mehlsackform ignorieren souverän alle Schönheitsideale, noch fettere Kerle tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Live fast, die last“, können sich allerdings nur noch im Kriechgang fortbewegen. Ein Hänfling spielt auf seiner Gitarre mit viel Selbstbewusstsein und wenig Talent Countryschnulzen, ein Verrückter redet den Weltuntergang herbei, und die Latinos beginnen sofort mit dem Massentanzen, sobald die Strandlokale die ersten Salsatakte spielen.

          Bierdosenparty auf der Seebrücke

          Wir schöpfen Atem auf der hölzernen Seebrücke von Santa Cruz, die fast einen Kilometer weit in den Pazifik ragt und ihre beste Zeit gehabt haben muss, als Al Capone drüben in Alcatraz schmorte. Heute wird sie nach guter amerikanischer Sitte vor allem als Parkplatz genutzt und bleibt trotzdem ein Ort der hoffnungslosen Melancholie, der von einer besseren Vergangenheit träumt, einer Zeit des fernen Glanzes, die unwiederbringlich verloren und doch noch immer sichtbar ist. Zwischen den spritsaufenden Anti-Tesla-Autos werfen Amerikaner jeglicher Provenienz - Schwarze, Weiße, Christen, Muslime, Hispanos, Asiaten - Schulter an Schulter ihre Angelleinen ins Wasser, zerstören mit ihrer Friedfertigkeit ganz beiläufig Trumps Traum von einem rassistischen Amerika und ärgern sich gemeinsam über die frechen Seelöwen, die ihnen die Fische vom Haken klauen. Doch der Groll ist kurz, schnell wird wieder gelacht und ein fröhliches Kofferraumpicknick mit viel Bier zelebriert, um dann unter dem Geschrei der Möwen und dem triumphierenden Gegluckse der Seelöwen zu dösen. Drüben auf der anderen Seite der Santa Cruz Mountains erschafft man gerade eine goldene Zukunft mit selbstfahrenden Autos, implantierten Gesundheitskontrollchips und Lebenszeitoptimierungsarmbändern. Und wir beschließen, noch ein bisschen in der Vergangenheit zu bleiben.

          Im Tal der digitalen Zukunft

          Anreise: Die schnellste und bequemste Verbindung bietet die Deutsche Lufthansa an (www.lufthansa.com), die seit diesem Sommer fünfmal pro Woche nonstop von Frankfurt nach San José fliegt. Die Preise in der Economy Class beginnen bei 770 Euro, in der neuen Economy Plus bei 1570 Euro und in der Business Class bei 2700 Euro.

          Einreise: Touristen müssen mindestens 72 Stunden vor Abflug eine ESTA-Genehmigung für die Einreise in die Vereinigten Staaten beantragen (https://de.usembassy.gov/de/visa/esta/).

          Informationen: Visit California, c/o Marketing Services International, Frankfurter Straße 175, 63263 Neu-Isenburg, Telefon: 06102/ 88479130, Internet: www.visitcalifornia.com/de.

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