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Business Class : Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Alle schön für sich: In der neuen Qsuite hat man vor allem seine Ruhe, wenn man das möchte. Bild: Qatar Airways

Fliegen wie ein Emir: Die neue Business Class Qsuite von Qatar Airways bietet all das, was im internationalen Luftverkehr zu einem raren und oft schmerzlich vermissten Gut geworden ist.

          Jeden Tag steigen weltweit 11,2 Millionen Menschen in ein Flugzeug, jedes Jahr sind es mehr als vier Milliarden Passagiere, die gemeinsam 7,7 Billionen Kilometer zurücklegen. Wie soll man da ein Individuum bleiben und nicht zu einer bloßen Sitzplatznummer werden, ein Wesen mit persönlichen Wünschen, privaten Vorlieben, eigenen Bedürfnissen? Diese Frage hat sich auch die Fluggesellschaft Qatar Airways gestellt und mit ihrer neuen Business Class Qsuite nicht die schlechteste Antwort gefunden. Sie nennt sich „First in Business“, was ebenso doppeldeutig wie kühn klingt, die Sache aber recht genau trifft. Denn die Suiten haben deutlich mehr mit einem fliegenden Erste-Klasse-Abteil zu tun als mit einer herkömmlichen Business Class, weil sie ein seltenes und deswegen umso kostbareres Gut im internationalen Luftverkehr kultivieren: den Respekt vor dem Individuum über den Wolken.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Nachdem man mit Namen begrüßt worden ist, was inzwischen zum Standard in den besseren Kreisen der Passagierluftfahrt gehört, nimmt man in einer Art Séparée mit abschließbarer Tür und solch hohen Wänden Platz, dass man von seinen Mitreisenden nichts mitbekommt – es sei denn, wann will es. Denn die Séparées lassen sich mittels versenkbarer Trennwände dergestalt zueinander öffnen, dass man sich zu zweit oder sogar zu viert gegenüber sitzt und, im Falle einer funktionierenden Liebesbeziehung, die komplett horizontal ausgefahrenen Sitze auch zu einem veritablen Doppelbett vereinigen kann. Das ist dann schon „très privé“. Doch auch wenn man alleine reist, kommt man in den Genuss einer Privatheit, die man in kaum einer anderen Business Class findet und die auf sehr langen Langstreckenflügen mitunter zur Vereinsamung führen kann.

          „This is my happy place“

          Trost im Alleinsein findet man darin, dass man sich in einem streng durchdachten Raum befindet, in dem jedes Detail von Sinn und Verstand zeugt. Die Füße werden bequem auf einer Ottomane deponiert, das Handgepäck lässt sich großzügig in allerlei vorsichtshalber überdimensionierten Fächern verstauen, die Knöpfe zur Bedienung des Sitzes erfordern kein Ingenieursstudium, sondern leuchten mit ihren Symbolen für Dösen, Schlafen, Essen, Start und Landung, Rückenmassage in zwei Varianten und „Bitte nicht stören“ auch technischen Trotteln sofort ein.

          Das Esstischlein muss nicht akrobatisch aus einem Seitenfach herausmontiert werden, sondern wird ganz einfach unter dem Bildschirm hervorgezogen, die Leselampe hat für den privaten Helligkeitsgeschmack einen Schalter zum Dimmen, und eine Vielzahl von Anschlüssen für allerlei technisches Gerät wie Telefon, Tablet oder Notebook erlauben den Konsum des eigenen Unterhaltungsprogramms auf dem beinahe wandgroßen Bildschirm. Außerdem wird man dank eines hilfreichen Videos mit allen Finessen des Sitzes vertraut gemacht und gar nicht einmal unpassend von einem großen weißen Kissen mit der goldenen Aufschrift „This is my happy place“ begrüßt, das leger die an manchen Stellen durchscheinende, sich zum Beispiel in diskutablen Marmorimitaten auslebende Prunklust Arabiens überstrahlt.

          Auch ein Doppelbett ist möglich: Das ist dann schon „très privé“

          Dass es wenig bedarf, um froh zu sein, ist zumindest in der Passagierluftfahrt ein Trugschluss. Und so lässt sich Qatar Airways auch bei der Unterhaltung und Unterrichtung seiner Suite-Gäste nicht lumpen. Die Fernbedienung funktioniert wie ein Smartphone und reagiert absolut reibungslos. Die drei Kameras an Cockpit, Heckflosse und Rumpf liefern scharfe anstatt der so oft üblichen Wackelbilder. Vor der Landung gibt es aktuelle Informationen über Anschlussflüge und während des Fluges ein halbes Dutzend Möglichkeiten, die Route in allen Details anzuschauen und die Landkarten so stark zu vergrößern, bis sogar die Städtchen Lohr, Bad Orb und Neustadt an der Aisch erscheinen; Mekka wird für gläubige Muslime selbstverständlich den gesamten Flug über angezeigt.

          Man sieht die Welt lieber positiv

          Außerdem gibt es einen kurzen Überblick über Geschichte, Flotte und Auszeichnungen von Qatar Airways, schöne Grüße von deren Chef His Excellency Mr. Akbar Al Baker und viel Werbung voller Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 mit fröhlichen Kindern in den Leibchen des FC Barcelona und Animationen von Stadionneubauten, auf denen naturgemäß die Sklavenarbeiter fehlen. Man sieht die Welt lieber positiv bei Qatar Airways, zeigt Dokumentarfilme über „The Glories of Islamic Art“ oder Zeichentrickfilme über den mittelalterlichen Welteisenden Ibn Battuta und handelt die Konflikte und Krisen dieser Erde ausschließlich in einer unerschöpflichen Auswahl an Spielfilmen aus Hollywood, Bollywood und Arabywood ab. Der Bildungsbürger kommt dabei trotz einiger Klassiker wie „Julius Cäsar“ von Joseph L. Mankiewicz indes weniger auf seine Kosten als der Freund von Hau-drauf-und-Schluss-Werken wie „Die Hard“.

          Der größte Luxus für alle Bildungs-, wenn auch nicht alle Buchungsklassen bei Qatar Airways ist aber ein denkbar simples, menschliches Bedürfnis: Als Qsuite-Gast isst man dann, wenn man Hunger hat, und nicht dann, wenn es die Dramaturgie des Fluges den Passagieren vorschreibt. Ein Wink an das Personal genügt, und schon stehen ein orientalisches Kerzenimitat mit Arabeskenmuster und drei verschiedene Brotsorten auf dem Tisch, ganz so, als wäre man in einem Sterne-Haus. Doch das muss über den Wolken eine Illusion bleiben, und so bewegt sich die Qualität des Menüs in den üblichen Kategorien einer guten Business Class. Als Amuse-Bouche gibt es die etwas phantasielose Nummer sicher einer kalten Garnele mit Remoulade, als Honneur an das qatarische Heimatland der Fluggesellschaft eine Auswahl klassischer Mezze, als Hauptgericht ein etwas zu sparsam portioniertes Biryani-Lamm und als Petit fours Süßspeisen aus der über jeden Zweifel erhabenen Brüsseler Manufaktur Godiva.

          Bei den Weinen, die in einer Karte mit aufwendiger Prägung detailliert vorgestellt werden, gilt das Gesetz der Globalisierung. Der Chardonnay kommt aus Kalifornien, der Sauvignon Blanc aus Chile, der Torrontés aus Argentinien, der Schaumwein aus der Champagne, der Süßwein aus New South Wales, während die Roten in Frankreich, Südafrika und Brasilien gereift sind – allesamt ausgezeichnete Gewächse aus renommierten Häusern mit starker Persönlichkeit, die allerdings nicht zur absoluten Hocharistokratie der Weinwelt gehören. Aber die hat in der Kabine eines Flugzeugs auch nichts verloren – ebenso übrigens wie das stolze Volk der Qatarer: Das Bordpersonal stammt aus Indien, Pakistan, Südafrika, Korea und auch sonst aus aller Herren Länder und beantwortet die Frage, ob denn auch echte Qatarer unter ihnen seien, mit einem belustigten Kopfschütteln.

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